Digitalisierung: Kann ein Bot einen Literaturwettbewerb gewinnen?

Im Jahr 1845 stellte der britische Buchdrucker und Tüftler John Clark in der Egyptian Hall in London den ersten Literaturautomaten vor. Die hölzerne Apparatur, die ein wenig wie eine Orgel aussah, generierte lateinische Hexameter, ein Versmaß der epischen Dichtung. Über eine aus Rädern, Spulen und Federn bestehende Mechanik wurden Buchstaben zu Wörtern zusammengebaut und nach vorgegebenen syntaktischen Regeln in eine der sechs freien Slots platziert. Man kann es sich wie Slotmaschine im Spielkasino vorstellen: Der Mensch betätigte einen Hebel, dann begann die Maschine zu rattern und spuckte in einem Sichtfenster einen Vers aus. Für einen Schilling Eintritt konnte das Publikum das mechanische Schauspiel sehen.

Knapp 15 Jahre hatte Clark an der Maschine getüftelt. Es war die Zeit, in der Informatik-Pioniere wie Charles Babbage die ersten programmgesteuerten Rechenmaschinen entwickelten. Bis zu 26 Millionen mögliche Verse hatte Clarks Eureka-Maschine drauf. Allerdings: Die Kompositionsrate war recht langsam. Einen Vers pro Minute schaffte die Eureka-Maschine. Selbst wenn sie Tag und Nacht lief, kamen lediglich 1440 lateinische Verse heraus. Und die hohe Dichtkunst war das Ergebnis auch nicht.

Sind Maschinen geistreich?

Moderne Computer sind nicht nur schneller, sondern auch pfiffiger, obwohl sie immer noch nach einem vorgegebenen Skript operieren und ihre Ergebnisse determiniert sind. Der Google-Ingenieur Ray Kurzweil hat ein Poesie-Programm („Cybernetic Poet“) entwickelt, das mit Hilfe sprachgestaltender Techniken automatisch eine Versdichtung erzeugt. Basierend auf Gedichten, die es zuvor „gelesen“ hat, erzeugt das System ein Sprachmodell, welches Sprachstil, Rhythmen und Aufbau imitiert. Ein computergenerierter Haiku klingt dann so:

Verrücktes Mondkindhüte dich vor dem Sargtrotz deinem Schicksal.

Mit Zuschreibungen wie kreativ und geistreich muss man bei Denkmaschinen ja immer vorsichtig sein, weil Kreativität noch immer die Domäne des Menschen ist und der Geist sich nicht automatisieren lässt. Für den Haiku hat der kybernetische Poet Lyrik-Material einer Dichterin gesampelt. Doch sind Literatur und Poesie nicht schon immer ein Ideenrecycling gewesen?

Die Literaturgeschichte ist auch eine Geschichte des ständigen Kopierens. Schon Balzac sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, seine Comédie humaine sei ein Plagiat von Homers Odyssee. Der Autor, schrieb der Schriftsteller Italo Calvino in seinem Aufsatz „Cibernetica e fantasmi“, sei eine macchina scrivente, eine schreibende Maschine – er folge den Regeln anderer Autoren. „Die wahre Literaturmaschine wird eine sein, die selbst das Bedürfnis verspürt, Unordnung zu produzieren, als Reaktion auf die vorhergehende Produktion von Ordnung.“

KI-Systeme gehen eher strukturiert vor. Google hat 2016 in Kooperation mit der Stanford University und University of Massachusetts eine Künstliche Intelligenz entwickelt, die mit Texten von 11.000 unveröffentlichten Büchern gefüttert wurde und auf dieser Grundlage Gedichte kreierte. Die computergenerierten Verse wirken teils etwas holprig und nicht immer poetisch. Trotzdem staunt man über so manches Stilmittel wie etwa Steigerungen. Und mal ehrlich: Welcher menschliche Poet hat nicht irgendwann einmal Kitsch produziert?

Durchkomponiert und mit Spannungsboden

Bots sind als tumbe Meinungsmacher und Propagandisten in sozialen Netzwerken in Verruf geraten. Doch mit entsprechenden Trainingsdaten gelangen KI-Systeme auch in die luftverdünnten Höhen der Poesie. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Automaten, die anspruchsvolle Gedichte kreieren – oder Prosa. Das MIT Media Lab etwa hat einen Schreibbot namens Shelley A.I. (benannt nach der Frankenstein-Autorin Mary Shelley) entwickelt, der auf Grundlage von Tweets Horrorgeschichten schreibt. „Der weltweit erste kollaborative KI-Horrorautor“, bewirbt das Institut seine künstliche Kreatur.

Auf der Webseite erhält man einen Einblick in die automatisierte Schreibfabrik. In einer Kurzgeschichte beschreibt der Ich-Erzähler, wie er vor einer düsteren humanoiden Gestalt im Wald flieht. Der Text ist recht fragmentarisch, was daran liegt, dass er sich aus 14 Tweets von fünf Teilnehmern sowie den Antworten des Bots zusammensetzt. Dafür, dass es sich um eine Koproduktion von Mensch und Maschine handelt, ist das Werk aber erstaunlich gut durchkomponiert. Es gibt einen Spannungsbogen, und der Text ist einigermaßen ambivalent. Sage da noch jemand, Bots würden nur in sozialen Netzwerken rumpöbeln und Propaganda verbreiten! Shelley A.I. ist ein Beispiel dafür, wie man aus Tweets Literatur erschaffen kann. In Japan hat es ein von einem KI-System mitverfasster Roman vor zwei Jahren in die zweite Runde eines Literaturwettbewerbs geschafft.