Friseure sollen individuelle Wünsche der Kunden erfüllen, Kopfform und Haarstruktur sind von Natur aus immer unterschiedlich – zu kompliziert für Computerprogramme.
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BerlinWer einen Job sucht, in dem alles beim Alten bleibt, muss Friseur werden. Das zumindest ermittelt der Job-Futuromat des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Mit dem Internet-Tool lässt sich spielerisch herausfinden, wie sich der eingegebene Beruf in Zukunft entwickeln wird. Zum Haarschneider-Beruf gehören demnach neun typische Tätigkeiten. Und keine von ihnen steht unter Automatisierungsdruck – null Prozent also. „Trotzdem kann es sein, dass sich die Automatisierbarkeit in diesem Beruf im Laufe der Jahre ändert“, warnt das – ziemlich automatisierte – Tool.

Wer es ein bisschen ernster nimmt mit der Berufswahl, kommt dagegen am Thema Digitalisierung nicht mehr vorbei. In fast allen Jobs sind Fähigkeiten und Fertigkeiten mit und am Computer gefragt. „Digitalisierung durchdringt die gesamte Arbeitswelt“, schreibt die Bertelsmann-Stiftung in einer neuen Studie zum Thema. Die Nachfrage nach digitalen Kompetenzen habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen, auch in Branchen und Berufsfeldern, in denen Digitalisierung bislang keine große Rolle gespielt habe.

Was dazukommt: In fast allen Jobs werden über kurz oder lang Softwareprogramme oder Computer einen Teil der bisher menschlichen Tätigkeiten übernehmen. Beim Bäckerberuf etwa ermittelt der Futuromat eine Automatisierbarkeit von 100 Prozent.

Gefährdet sind die Berufe, bei denen sich die Arbeitsläufe wiederholen. Wer also in der Backstube am Schreibtisch oder im Betriebswerk jeden Tag die gleichen Aufgaben erfüllt, muss damit rechnen, dass das irgendwann intelligente Systeme übernehmen werden. Denn Computertechnik wird immer dann eingesetzt, wenn es um einfache Aufgabenstellungen geht. Friseure sollen dagegen in der Regel individuelle Wünsche der Kunden erfüllen, Kopfform und Haarstruktur sind von Natur aus immer unterschiedlich – zu kompliziert für Computerprogramme.

Gunter Dueck, Buchautor und ehemaliger IBM-Manager, hat vor einiger Zeit in Berlin davon gesprochen, dass die Menschen kreativ werden sollten, um in den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine vermitteln zu können. Und es geht darum, selbstbewusst aufzutreten, mit einer positiven Haltung sein Arbeitsleben zu gestalten. Als Beispiel nannte er den Auftritt eines Installateurs, der wegen einer undichten Toilettenspülung gerufen wird. In der Regel komme der Handwerker fast grußlos ins Haus, verschwinde wieder, um Ersatzteile zu holen. Nachdem er den Schaden behoben hat, verschwindet er wortlos. „Das ist dann ein Mensch, der eigentlich schon ein Computer ist“, sagte Dueck.

Enzo Weber, Wissenschaftler beim IAB, forscht seit Jahren zum Thema Digitalisierung am Arbeitsmarkt. Er hat eine gute Nachricht für alle, die Angst vor Robotern haben. „Nach unseren Erkenntnissen ist es nicht so, dass der Beschäftigungsstand sinkt“, sagt Weber. Digitalisierung, Automatisierung, Einsatz von Robotern – das alles schafft auch neue Jobs.

Dass die Hälfte aller Jobs der Automatisierung zum Opfer fallen, wie die Oxford-Forscher Carl Benedict Frey und Michael Osborne 2013 in einer vielzitierten Studie für die USA weisgesagt hatten, davon gehen Forscher heute zumindest in Deutschland nicht mehr aus. „Kaum ein Beruf ist vollständig automatisierbar“, schreibt etwa Webers Kollegin Britta Mattes in einer Studie zum Stand der Digitalisierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Beispiel Erziehungsbranche: Die Zahl der Stellen in der Erziehung – selbst weitgehend automatisierungsfrei – ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Möglich wurde dies laut Weber auch dadurch, dass die Automatisierung in der Industrie mehr Produktivität geschaffen hat, damit die Einkommen stiegen – und somit Geld frei ist zur Finanzierung von Erziehungsleistungen.

Ein anderes Beispiel ist die Internetbranche: Immer neue Ideen werden für den Online-Bereich entwickelt – sie müssen aber auch umgesetzt werden. Plattformen wie YouTube brauchen Videos oder andere Inhalte. Unterhaltungskünstler, die dort auftreten und Follower generieren, sind zu einem eigenen Berufsbild herangewachsen. Als die Plattform Instagram aufkam, wurde plötzlich über Influencer gesprochen, also Personen, die sich Reichweite aufbauen, um sich öffentlich zu präsentieren und Produkte vorzustellen oder zu bewerben. Anderes Beispiel: die Vermietung von E-Scootern. Sie werden über das Internet vermietet und gemanagt – aber das Einsammeln, Warten, Reparieren und Putzen müssen Menschen übernehmen.

„Wir werden auch in Zukunft genügend Jobs haben, wenn wir den Umbruch vernünftig meistern“, sagt Enzo Weber. Damit meint er auch: die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. In den ersten Automatisierungsphasen der 1970er- und 80er-Jahre etwa seien viele Hilfsarbeiter – für das Wirtschaftswunder zum Teil noch eigens als sogenannte Gastarbeiter aus dem Ausland geholt – auf der Strecke geblieben. Dies müsse durch ständige Qualifizierung im Beruf heute ausgeschlossen werden. Und auch die Sozialsysteme müssten sich anpassen, damit nicht Geringverdienende durchs soziale Netz fielen.

Auch die Arbeitsverwaltung hat sich bereits auf die neue Welt eingestellt – nicht zuletzt auch getrieben durch die Notwendigkeiten der Corona-Krise. In den Arbeitsagenturen und Jobcentern können Jobsuchende online ihr Bewerberprofil einstellen, Termine mit Berufsberatern vereinbaren oder Weiterbildungskurse auswählen. Wenn gar nichts mehr geht, kann man sich auch arbeitslos melden und Arbeitslosengeld beantragen – online, versteht sich.

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