„In 50 Meter rechts abbiegen“, ertönt plötzlich die Stimme aus der Hosentasche. Sie platzt in den ruhigen Rhythmus der Schritte, der sich mit dem Knirschen der Steinchen unter den Wanderschuhen, dem Zirpen der Zikaden und dem Rauschen des Windes mischt, während der Blick über das Tiefblau des Meeres schweift. Hätte die Stimme aus dem Smartphone mich nicht aus der fast meditativen Stille aufgeschreckt, ich hätte die kleine Abzweigung zwischen dichten Macchia-Büschen sicher übersehen.

Ich bin auf einer Rundroute im Südosten der Mittelmeerinsel Elba unterwegs, an den Hängen des Monte Calamita, mit dem Smartphone als digitalem Wanderführer und Navigationsgerät. Ist der Trampelpfad, der da zwischen der Macchia steil den Hang hinaufführt, wirklich der richtige Weg? Ich bleibe lieber auf dem breiteren Pfad. Doch nach hundert Metern zeigt der Blick auf das Display: falsche Richtung. Der weiß-blaue Pfeil, der meinen Standpunkt angibt, entfernt sich immer weiter von der Linie aus blauen Punkten, die den eineinhalbstündigen Rundweg auf Google Maps markiert. Also zurück und die steile Abzweigung nehmen. Schwitzend steige ich zwischen Ginsterbüschen und duftendem Rosmarin bergauf. Hätte ich mir vorher im Internet den Wanderweg in 3D- und 360-Grad-Bildern angeschaut, wäre ich vorbereitet gewesen.

Auf Elba hat die digitale Technologie Spaziergänger, Wanderer und Mountainbiker erreicht. „Smart Trekking“ nennt sich das. Es funktioniert genauso wie das Navigationssystem beim Autofahren. Man braucht nur ein Smartphone oder ein Tablet mit GPS und Google Maps – und dann muss man nicht länger auf Markierungen achten oder Karten ausbreiten.

Pionier-Projekt

Elba, die größte Insel des toskanischen Archipels, ist weltweit das erste außerstädtische Territorium, das systematisch und vollständig für Google kartiert und mit einer 360-Grad-Spezialkamera gefilmt wird. In Italien sind zwar, wie auch sonst in Europa, inzwischen 98 Prozent aller Straßen von Google erfasst worden worden und mit 3D-Aufnahmen im Internet abrufbar. Doch dafür müssen 28 Kilogramm schwere und jeweils 300.000 Euro teure kugelförmige 360-Grad-Spezialkameras im Einsatz sein, die auf Autos montiert werden.

Wo keine Straßen hinführen, konnte Google also bisher nicht filmen, erklärt der Fotograf Federico Debetto, der schon länger für den Internetkonzern arbeitet. Gemeinsam mit der Tourismus-Vereinigung Visit Elba hatte er die Idee für das Pionier-Projekt. Google hat dafür eine nur acht Kilo schwere neue Kamera entwickelt, die Insta360. Sie sitzt auf einem Stativ, das in eine Art Rucksackweste integriert ist, die sich Debetto umschnallt. Der 41-Jährige kann damit auch die steilen Bergpfade zum höchsten Gipfel von Elba erklimmen, dem mehr als 1000 Meter hohen Monte Capanne.

Im Frühjahr hat Debetto damit begonnen, gemeinsam mit einheimischen Wanderführern das weit verzweigte Netz von Pfaden und Wegen abzulaufen. Bislang hat er 150 Kilometer davon geschafft. Elbas Strände, von denen fast zwei Drittel nur zu Fuß erreichbar sind, werden für das Projekt zusätzlich aus der Luft mit Hilfe von Drohnen gefilmt. Noch im Herbst sollen alle knapp 400 Kilometer Wanderwege und alle 197 Strände der Insel kartiert und mit der 360-Grad-Kamera gefilmt worden sein. Dann ist das Smart-Trekking-Projekt vollständig online abrufbar. „Das Tolle ist: Auf Elba kann sich dann keiner mehr verlaufen“, sagt Debetto.

Paket an Informationen

Für Urlauber hat Smart Trekking etliche Vorteile, sagt Claudio Della Lucia von Visit Elba. „Man ist unabhängig, kann schon zu Hause seine Wanderungen oder Mountainbike-Touren planen und das Ganze ist kostenlos.“ Der Schwierigkeitsgrad der Routen, die Steigung, die Entfernungen, auch ob der Weg durch schattige Wälder führt oder man der prallen Sonne ausgesetzt sein wird – alles ist absehbar. Der Markt dieser Apps fürs Wandern ist umkämpft, viele Anbieter versuchen, die Orientierung in der Natur zu verbessern.

Mal werden die Informationen sehr praktisch direkt auf die digitale Uhr am Handgelenk weitergeleitet, mal lassen sich Karten herunterladen und auf dem Smartphone vergrößern. Die App „PeakFinder Earth“ ist eine Augmented Reality-App, mit der sich Namen der Berge bestimmen lassen. Die App funktioniert auch offline und kennt mehr als 300.000 Berge. Denn das ist der große Unterschied zu Elba: Wer nicht so gut ist im Kartenlesen, verliert gelegentlich die Orientierung, auch wenn er die Wanderkarten vorher heruntergeladen hat.

Elba war lange eher ein Ziel für Badeurlauber. Doch es hat nicht nur Strände und türkisblaues Meer zu bieten, sondern auch hohe Berggipfel, dichte Buchen- und Kastanienwälder. Und so kommen zunehmend Wanderer und Mountainbiker, vor allem im Frühjahr und Herbst.