Vier Frauen, drei Männer – „Orkas“ nannte sich die Gruppe der Einzelkämpfer.
Foto: Berliner Zeitung/ Anna Gyapjas

BerlinWeißes Hemd, aufrechte Haltung, ausladende Gesten: Wie sich Titto Ephraim Mathew auf der Bühne so gibt, ist Souveränität pur. In Wirklichkeit rennt ihm die Zeit davon. Der Raumfahrtingenieur hat soeben die Präsentation seines Teams anmoderiert, doch statt zur Produktbeschreibung überzuleiten, spricht er von Orkas, den „intelligentesten Raubtieren der Welt“, nach denen sich seine Gruppe benannt hat. Als Mathew an den Kollegen übergibt, der die technologischen Details vorstellen soll, ist die Zeit fast herum. Auf der Stirn des Entwicklers bricht der Schweiß aus, er verhaspelt sich und bittet um Entschuldigung: „Ich habe nur zwei Stunden geschlafen.“

Schwächen der Programmierer

Es ist Showtime, der alles entscheidende Moment eines jeden Hackathons, der meist nach 24 oder 48 Stunden, manchmal sogar wochenlanger kooperativer Datentüftelei erreicht ist. Eine Jury bestimmt den Sieger. Bei diesem Wettbewerb winken dem erstplatzierten Team 5 000 Euro, die Gewinner der Herzen kriegen Gutscheine. Für den einen oder anderen Hacker könnte auch die offene Stelle interessant sein, die zwischendurch ausgerufen wird.
Gehackt, also im erforschenden Sinne programmiert, wird allgemein gerne, aber selten sind solche Projekttage mit politisch anmutenden Slogans überschrieben. „AIHack4Diversity“ heißt es hier bei der Telekom, es geht um Cybersicherheit.

Aber noch wichtiger: Es geht um Kooperation, es geht darum, dass Teilnehmer mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichem Alter und unterschiedlicher sexueller Identität kooperieren und möglicherweise auch herausfinden, dass heterogene Teams bessere Resultate liefern. Kenza Ait Si Abbou Lyadini, die Managerin mit marokkanischen Wurzeln, weiß, dass Einseitigkeit für folgenreiche Fehl-Programmierungen sorgen kann. Etwa bei den Sprach-Assistenten. Für die Programmierer großer Tech-Konzerne war es selbstverständlich, dass eine weibliche Stimme gewählt wurde, bis es Proteste gab. „So etwas entsteht nicht aus böser Absicht“, weiß Kenza Ait Si Abbou Lyadini und erzählt von einem anderen Beispiel: Gesichtserkennung. In homogenen Teams hatte keiner daran gedacht, auch Fotos dunkelhäutiger Menschen in die Datenbasis aufzunehmen.

Rückblende. Als zum Hackathon-Auftakt ein weißer Mann das Motto mit der nötigen Portion Selbstironie erklärt, geht zögerlich ein Finger in die Höhe. Der Teilnehmer will wissen, warum Identitätsmerkmale ins Rampenlicht gerückt werden müssten. Raumfahrtingenieur Mathew, der in Berlin lebende Inder, sitzt eine Reihe dahinter und klatscht, während er vor sich hin murmelt: „It’s just technology.“ Diverse Teams, erklärt der Moderator, sorgten für mehr Produktivität und Kreativität, das habe sich auch in der eigenen Innovationsabteilung gezeigt.

Im Publikum sitzen auch 20 Mitarbeiter des Telekom-Konzerns. Eine mexikanische Projektmanagerin erzählt von Hackerangriffen auf den Onlineshop und Phishing-Versuchen per Mail und SMS bei der Belegschaft. Wie die meisten Teilnehmer ist sie nicht wegen des Preisgeldes da, sondern um zu lernen. Bei der Gruppenbildung gilt es schon mal zu beachten, dass die Aspekte von Diversität wichtig sind, aber auch Kenntnisse in Sachen KI, Cybersicherheit und Coding. Außerdem: techfremde Fähigkeiten.

Warten auf die Einzelkämpfer

Titto Ephraim Mathew wartet erst einmal ab, als sich die Gruppen finden sollen. Er hofft darauf, dass die Einzelkämpfer übrigbleiben, die in ihrem Fach besonders stark sind. Er hält nicht viel davon, Diversität zu forcieren: „Bei Technologie sollte es um intellektuelle Fähigkeiten gehen: Wer kann gut zusammenarbeiten, wer kann liefern?“ Der Raumfahrtingenieur befürchtet, alles andere begrenze den kreativen Spielraum. Bald hat er seine Kollegen gefunden; sie verziehen sich, um zu besprechen, wie man den Datensatz aufbereiten könnte. Die „Orkas“, das sind drei Männer und vier Frauen.

Eine von ihnen ist Bisera Dugalic. Die Entwicklerin ist aus Mazedonien angereist, wo sie im Kundenbeziehungsmanagment tätig ist. Dugalic findet die Idee mit der Diversität großartig. Neue Perspektiven, andere Kulturen lerne sie gerne kennen. Inwiefern ihr das bei den „Orkas“ gelungen sei, kann sie im Gespräch kurz vor Showtime aber nicht so wirklich benennen. Es seien eben die kleinen Sachen, sagt sie.

Letztlich gehen die „Orkas“ leer aus. Aber selbst der um den Schlaf gebrachte Entwickler sieht zufrieden aus. Dafür, dass sie sich zuvor nicht kannten, ihre Browser unter der Datenlast kollabiert seien und die eigens gebaute Anwendung zunächst nicht wollte, ist es ihnen gelungen, ein Produkt aufzusetzen: Es klassifiziert die potenziellen Angriffe im Datensatz des Veranstalters.