Die Diagnose ist niederschmetternd: Deutsche Krankenhäuser leiden an einem Syndrom, das aus dem Formenkreis der Zwangserkrankungen stammen könnte: fortgeschrittene Geldfixierung. Peter Hoffmann, Oberarzt für Anästhesie am Städtischen Klinikum München, sagt: „Das Geld steht im Mittelpunkt aller Gedanken.“ Einerseits werde gespart, insbesondere am Personal und an der Zeit für den Patienten, andererseits werde mehr operiert, und zwar dort, wo es sich lohnt.

2003 wurde in Krankenhäusern ein neues Abrechnungssystem eingeführt. Statt nach Liegetagen und Pflegesätzen wird seither nach Leistungen vergütet. Auf den Internetseiten des Bundesgesundheitsministeriums lesen sich die Erläuterungen zum DRG-System (siehe Kasten) plausibel: „Bei Patientinnen und Patienten mit leichten Erkrankungen sind die Vergütungen geringer als bei schweren, aufwändig zu behandelnden Erkrankungen.“ Den Realitäts-Check aber besteht das DRG-System nicht. Zumindest nicht, was das Wohl des Patienten angeht. Der ist nur noch Objekt in einer auf Gewinnmaximierung gedrillten Krankenhausmaschinerie.

Das jedenfalls ist die These des Dokumentarfilms „Der marktgerechte Patient“, der nun in die Kinos kommt und von den Hamburger Filmemachern Leslie Franke und Herdolor Lorenz für Veranstaltungen zur Verfügung gestellt wird. Ein „Kampagnenteam“ kümmert sich darum, dass der aus Spenden (etwa von Attac, der GLS Bank und Verdi) finanzierte Film unter die Leute kommt.

Hilfsmittel zur Aufklärung

Seit vielen Jahren beschäftigen sich Franke und Lorenz mit dem staatlich vorangetriebenen Langzeitprojekt umfassender Privatisierungen, sei es der Bahn, sei es der Wasserversorgung. „Water Makes Money“ wurde von mehr als einer Million Zuschauern gesehen. Franke und Lorenz begreifen ihre Filme als Hilfsmittel zur Aufklärung. Sie setzen dabei vor allem auf die Überzeugungskraft der Protagonisten, wenige Grafiken und eine sparsam eingesetzte Sprecherstimme. Emotional aufgeladene Bilder vermeiden sie.

„Der marktgerechte Patient“ ist in seiner betont unspektakulären Erzählweise ein Gegenentwurf zu den seichten Krankenhaus-Serien des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Wer den Film als demagogisches Pamphlet abtun will, der hat es in diesem Fall schwer. Denn Franke und Lorenz haben keine Nörgler befragt, die vor der Kamera über Arbeitsbelastung jammern. Die Experten, man könnte sie auch Zeugen der Anklage nennen, haben nicht nur Rang und Namen, Erfahrung und Wissen, sondern vor allem eine große Liebe zu ihren heilenden Berufen. Es sind Ärzte und Ärztinnen, Krankenschwestern und Pfleger. Meist befragt am Arbeitsplatz, bei laufendem Betrieb. In 80 Minuten zeichnen sie das Bild einer nicht nur latenten Gefahrensituation.

Aber der Film zeigt auch Gegenstrategien, verkörpert etwa von einem gegen Berater resistenten Klinik-Geschäftsführer in Dortmund und den streikenden Schwestern und Pflegern der Berliner Charité, die 2015 nicht für Lohnerhöhungen, sondern für mehr Personal kämpften. An der politisch gesetzten Zielvorgabe, Renditen zu erwirtschaften, änderte das nichts. Der Film hingegen stellt dieses Ziel infrage und gibt jenen Stimmen Raum, die das ebenfalls tun.

„Kinder, die sich den Arm brechen, können wir nicht mehr adäquat versorgen.“

Den Anfang macht der Oberarzt Michael Berger in der Kinderklinik der LMU-Universitätsklinik München. Er steht am Bett eines etwa zweijährigen Kindes nach einer Lebertransplantation. Ein Jahr musste der Junge auf das Spenderorgan warten, und das lag, wie Berger ausführt, „nicht so sehr an mangelnder Spende-Bereitschaft unserer Mitbürger“, sondern daran, dass es „sich für die Krankenhäuser nicht lohnt“. Die Kliniken, in denen die Spender sterben, seien einem „absoluten Kostendruck ausgesetzt“. Sie hätten die OP-Kapazität für solch einen Eingriff nicht, „es ist viel lukrativer, wenn man die OPs anderweitig nutzt“.

Die Frage, was sich finanziell lohnt und was nicht, steht spätestens seit 2003 im Hintergrund aller ärztlichen Entscheidungen. Der Direktor derselben Klinik, Christoph Klein, zieht Bilanz: „Mit der Einführung des Fallpauschalen-Systems gibt es in der Medizin Gewinner und Verlierer, und leider ist es so, dass schwerstkranke Kinder hier zur Gruppe der Verlierer gehören. Mit kranken Kindern ist es sehr schwer, Geld zu verdienen oder auch Profit zu machen.“ Bleibt der jedoch aus, hat das Konsequenzen. „Es wird verlangt, dass wir jedes Jahr mehr Geld generieren, und wenn wir das nicht tun, werden uns Stellen gestrichen“, sagt seine Kollegin Sibylle Koletzko. Mittlerweile sei es so weit gekommen, dass die medizinische Grundversorgung von Kindern nicht mehr gewährleistet sei, sagt Michael Berger. „Kinder, die von der Schaukel fallen, die sich den Arm brechen, können wir nicht mehr adäquat versorgen.“

Krankenhäuser in München, Freiburg, Hamburg, Dortmund und am Ende auch in Berlin – das sind die Stationen einer Reise an die Kehrseite eines Wirtschaftssystems, das seit der Agenda 2010 immer mehr Bereiche dem Markt überlässt. Auch jene, die eigentlich der Daseinsvorsorge dienen, ein zentraler Begriff der Kritiker des DRG-Systems. Zu ihnen gehört der Chirurg und Publizist Ulrich Hildebrandt. Der ehemalige Chefarzt einer Uniklinik rechnet in seinem Buch „Die Krankenhausverdiener“ radikal mit dem DRG-System ab. 30 Euro im Schnitt Fallpauschale für einen Notfall – das, so erklärt er im Film, führe dazu, dass viele privatisierte Krankenhäuser keine Notaufnahmen mehr betreiben. Eine kommunale Klinik ist dazu verpflichtet – und schreibt Verluste. Dasselbe gilt für Geburtsstationen. Diese Kliniken verlieren gegenüber anderen, die sich auf gewinnträchtige Operationen spezialisieren – Knie-Arthroskopien, Gefäßchirurgie, kardiologische Eingriffe.

Abgelehnte Notfall-Behandlung

Die Rendite-Kliniken siedeln in München gleich neben ihren ärmeren Verwandten, den kommunalen, und ziehen diesen dazu noch qualifiziertes Personal ab. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) weiß um die Lage des Städtischen Klinikums München, immerhin ist er dort Aufsichtsratsvorsitzender. Im Film redet er wie ein empörter Student: „Der Gesetzgeber müsste sich schon was überlegen, wenn er nicht will, dass Krankenhäuser auch zu Luxusgut verkommen.“ Seine Partei, die SPD, aber hat diese Gesetze mitverantwortet.

Der Geschäftsführer des 2008 gegründeten Isar Klinikums, Andreas Arbogast, bewegt sich hingegen mühelos im DRG-System. Er sagt Sätze wie: „Ich kann Prozesse schlank gestalten“ oder: „Wenn ein Patient sieben statt vier Tage liegt, nutzt er die Infrastruktur ohne zusätzliche Erlöse.“ Das ist die Gewinnerseite. Ob die Patienten dieser Klinik auch dazugehören, bleibt offen.

In Hamburg fanden die Filmemacher Patienten, die in den seit 2004 privatisierten Hamburger Asklepios-Kliniken miserabel, gar nicht oder zu spät behandelt wurden. Notfälle werden laut Logbuch, das im Film gezeigt wird, „mangels Kapazität“ häufig abgelehnt, auch ein „Polytrauma nach Motoradunfall“. Angesichts dieser Entwicklungen an DRG „herumzudoktern“, so Ingrid Greif, Betriebsratsvorsitzende des Städtischen Klinikums in München, nütze nichts. „DRG muss abgeschafft werden. Gesundheit ist Daseinsvorsorge und gehört zurück in die öffentliche Hand.“