Dresden - Die Dresdner Fabrik des Halbleiterherstellers Globalfoundries fährt in der Corona-Krise unter Volllast. Die Auftragsbücher sind voll, die Kapazitäten am Limit. „Die Knappheit an Mikrochips, das spielt uns in die Hände“, sagt Geschäftsführer Manfred Horstmann. Den Grund dafür sieht er neben der E-Mobilität vor allem in der Corona-Krise. Diese habe den Bedarf und zugleich die Schwächen der Digitalisierung aufgezeigt und technologische Neuerungen vorangetrieben. „Was normalerweise zehn Jahre dauert, hat nun alles innerhalb eines Jahres stattgefunden.“

Ohne Halbleiter geht in der vernetzten Welt nichts. Sie sind ein Grundmaterial für Mikrochips, die in sämtlicher Elektronik stecken. In Dresden produziert Globalfoundries pro Jahr rund 400.000 Wafer. Angesichts der wachsenden Nachfrage sollen es künftig doppelt so viele sein. Das Unternehmen mit derzeit rund 3200 Mitarbeitern will ausbauen und hat noch freie Flächen in seinen Reinräumen im Dresdner Norden. Auf mehr als 400 Millionen Euro schätzt Horstmann die Summe der Investitionen für den Ausbau. Neben Chips für Smartphones und Computer setzt der Halbleiterhersteller verstärkt auf Chips für die Automobilindustrie, 5-G-Anwendungen oder Display-Technologien.

Viele Autobauer und Elektronikhersteller kämpfen derzeit damit, dass nicht genügend Chips auf dem Markt zur Verfügung stehen. Weil die Nachfrage groß ist, will auch Infineon in Dresden wachsen: Die bestehenden Produktionskapazitäten sollen in den nächsten fünf Jahren für rund 1,1 Milliarden Euro ausgebaut werden. Die beiden Fertigungslinien sind nahezu vollständig ausgelastet, sagt ein Sprecher. Im Gespräch sei auch ein viertes Fabrikmodul, die Entscheidung aber noch nicht gefallen. Bis Ende des Jahres will Infineon rund 2900 Mitarbeiter beschäftigen – 100 mehr als derzeit.

dpa/Sebastian Kahnert
Baustelle der neuen Halbleiterfabrik von Bosch in Dresden.

Nur wenige Kilometer entfernt, ebenfalls im Dresdner Norden, laufen in der neuen Bosch-Halbleiterfabrik die Vorbereitungen für den Produktionsstart. Seit Ende Januar durchlaufen die ersten hauchdünnen Siliziumscheiben – sogenannte Wafer – die vollautomatisierte Fertigung. Bosch will hier ab Jahresende vor allem Chips für das Internet der Dinge und die Autoindustrie bauen und investiert rund eine Milliarde Euro – die größte Einzelinvestition in der 130-jährigen Firmengeschichte. Bosch setzt auf 300-Millimeter-Wafer, auf die rund 31.000 einzelne Chips passen. Bosch will im Juni seine Fabrik offiziell eröffnen und beschäftigt aktuell 250 Mitarbeiter – bis zu 700 sollen es später einmal sein.

Nach Einschätzung von Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Hightech-Branchenverbandes Silicon Saxony, hat sich Sachsen zu einem der bedeutendsten Standorte für Mikroelektronik in Europa entwickelt. In Anlehnung an das Silicon Valley in den USA wird es Silicon Saxony genannt. „Seit 2009 gibt es ein kontinuierliches Wachstum“, so Bösenberg. Laut dem Verband sind in Sachsen derzeit rund 2300 Unternehmen mit mehr als 65.000 Beschäftigten in der Branche tätig, Tendenz steigend.

„Die Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln“

Auch schon zu DDR-Zeiten hatte Dresden eine herausragende Stellung, wenn es um Technologie ging. Das Zentrum Mikroelektronik Dresden galt in den 1980er-Jahren als Herzstück der DDR-Mikroelektronikforschung und hatte eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem 1-Megabit-Speicherchip-Projekt. „Der Wettlauf um den technologischen Fortschritt war die Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln“, heißt es in der Autobiografie von Karl Nendel, einem langjährigen Staatssekretär im Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik der DDR. Zwischen 1977 und 1988 investierte die DDR angeblich 14 Milliarden Mark in die Mikroelektronik. Das Ergebnis: „Der 1988 in Dresden entwickelte 1-MB-Speicherchip sorgte im Westen für einen kleinen Sputnik-Schock.“

Im Jahr 2021 und während der Corona-Krise sieht Bösenberg die Pandemie als Beschleuniger einer Entwicklung, die sich bereits vorher abgezeichnet habe. „Nun geht es schneller, als wir das gehofft haben – mit allen Herausforderungen, die dadurch entstehen.“ Eine davon: genug Fachkräfte für die Fabriken und Hersteller in Sachsen zu finden. Es gebe jede Menge offene Stellen, vor allem für Ingenieure und Softwareexperten.

Schon lange warnt der Hightech-Verband, dass Deutschland und Europa bei der Halbleiterproduktion den Anschluss verlieren. Bösenberg mahnt rasche Subventionsentscheidungen an. Angesichts der gestiegenen Nachfrage nach Mikrochips erwägen Hersteller weltweit, ihre Produktion auszubauen. „Während hier noch diskutiert wird, wird in Taiwan, China und USA schon gebaut. Wenn wir bummeln, fallen wir weiter zurück“, so Bösenberg. Die Förderung von europäischen Mikroelektronik-Projekten über das IPCEI (Important Project of Common European Interest) sollte so schnell wie möglich beginnen.

Sachsens Wirtschaftsministerium sieht vor allem EU und Bund in der Verantwortung, damit die europäische Mikroelektronik im globalen Wettbewerb bestehen kann. Gleichwohl fördere Sachsen seit vielen Jahren die Halbleiterfertigung und das Ökosystem, so Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). „Nur auf die Förderung zu schauen, greift jedoch zu kurz.“ Weitere Gründe für Ansiedlungen und Investitionen seien etwa verfügbare Fachkräfte und Forschungspartner. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die sächsische Halbleiterindustrie ausgesprochen positiv entwickelt.

Unabhängigkeit von globalen Lieferketten

Die Halbleiter-Lieferkrise hat dazu geführt, dass viele Firmen unabhängiger von globalen Lieferketten werden wollen. „Das ist für uns in Europa eine zusätzliche Chance“, so Globalfoundries-Chef Horstmann. Auch Kunden wollen etwa in den Ausbau der Dresdner Fabrik investieren, um sich damit Chip-Kapazitäten zu sichern. Infineon-Sprecher Gregor Rodehüser meint, dass Europa seine digitale Souveränität stärken müsse. „Hier gilt es, keine Zeit zu verlieren.“

Dass die Chip-Nachfrage von Dauer ist, davon ist der Dresdner Globalfoundries-Chef Manfred Horstmann überzeugt. Bisher habe es immer einen Schweinezyklus mit regelmäßigen Aufs und Abs in der Branche gegeben. „Aber diese Situation, wie sie jetzt vorherrscht, hatten wir noch nie. Es hat sich etwas grundlegend geändert. Das ist ein nachhaltiger Bedarf.“