Was machen die Sozialen Medien mit uns? Es geht auch darum, die Nutzer so zu beeinflussen, dass sie immer hoffen, eine Belohnung zu erhalten. 
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BerlinWas machen die Sozialen Netzwerke mit unserer Gesellschaft? Welche Macht haben Facebook, Instagram und Co. auf unsere Psychologie? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Dokumentarfilm „The Social Dilemma“ von Jeff Orlowski, der am Mittwoch, 9. September, auf Netflix startet. 

Immer mehr Forscher untersuchen mögliche Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen und der Nutzung Sozialer Netzwerke. Aus biologischer Sicht rufen sie messbare Veränderungen in unserem Gehirn hervor.

Wir schreiben das Jahr 2020, 59 Prozent der Weltbevölkerung hat Zugang zum Internet und 49 Prozent sind aktive Nutzer Sozialer Netzwerke. Das sind 3,8 Milliarden Menschen, die tagtäglich scrollen, swipen, liken und kommentieren - und das durchschnittlich 144 Minuten am Tag. Soziale Netzwerke ermöglichen es, sich mit Menschen weltweit zu verknüpfen, sich auszutauschen, an Informationen zu gelangen, Ideen zu teilen und auf Missstände aufmerksam zu machen, wie zuletzt bei der #BlackLivesMatter-Bewegung. Sie sind ein integraler Teil unserer modernen Informationsgesellschaft und nicht mehr wegzudenken. Gleichzeitig leiden immer mehr junge Menschen an Depressionen und anderen psychischen Belastungen.

Der Psychologie-Professor Jean Twenge von der San Diego State University sieht einen Zusammenhang zwischen solchen Belastungen und den Sozialen Netzwerken, die die Gefühle von Fear Of Missing Out (dt.: Angst, etwas zu verpassen, FOMO), Einsamkeit und Schlafstörungen verstärken würden. Ob und wie Soziale Netzwerke die Entwicklung von Kindern beeinflussen, untersucht die Studie „Adolescent Brain Cognitive Development“ (dt.: Jugendliche kognitive Hirnentwicklung. ABCD) der US-Gesundheitsbehörde NIH. Sie begleitet rund 12.000 Kinder über zehn Jahre und führt fortlaufend psychologische und neurologische Tests durch.

Die Ursache unserer Neigung, Stunden vor unseren Smartphones und Tablets zu verbringen, liegt in ausgefeilten Algorithmen der großen Technologiefirmen, die mit einem Ziel designed wurden: unsere Aufmerksamkeit zu maximieren. Eine der führenden kritischen Stimmen im Silicon Valley, die sich klar gegen „Big Tech“ ausspricht, ist Ex-Google-Mitarbeiter Tristan Harris. In „The Social Dilemma“ berichtet er, dass viele Nutzer sich nicht im Klaren darüber seien, „dass ganze Teams von Entwicklern daran arbeiten, Ihre Psychologie gegen Sie einzusetzen“. Facebook, Google und Co. befänden sich im „Krieg um Aufmerksamkeit“, im Wettstreit darum, wer die Nutzer am längsten dazu bringt, sich Inhalte – und somit gleichzeitig auch Werbung – anzuschauen.

Suchtgefahr

Der Filmemacher Jeff Orlowski hat im Silicon Valley Mitarbeiter der großen Unternehmen gefunden, also Facebook, Instagram, Google, Twitter, Pinterest und noch mehr. Was die Personen verbindet, ist der Wandel ihrer Ansichten. Mit Leidenschaft hatten sie sich in ihre Aufgaben bei den Konzernen gestürzt, dann stellten sie irgendwann fest, welche negativen Einflüsse die Sozialen Medien auf die Nutzer haben. So gelingt es „The Social Dilemma“, Personen zu porträtieren, die die Entwicklungen der vergangenen Jahre mitgeprägt haben, dann auf Distanz gegangen sind und darüber jetzt offen sprechen können. Der Film ist bei Netflix zu sehen.

Und die Strategie geht auf: Laut einer Studie von Gallup schauen 52 Prozent aller amerikanischen Smartphone-Nutzer zwischen 18 und 29 mehrmals pro Stunde auf ihr Handy. Jeder Fünfte gab sogar zu, alle paar Minuten auf sein Smartphone zu schauen. Eine ganze Generation fixiert auf das Handy? Jaron Lanier, einer der führenden Entwickler im Bereich Virtual Reality, spricht von „Algorithmen (...), die die Sucht im Menschen befeuern“. Wenn Tristan Harris vom „Wettrennen bis ans Ende vom Hirnstamm“ spricht, dann meint er damit einen der grundlegendsten und primitivsten Abläufe in unserem Gehirn: das Dopamin-System.

Unser Gehirn besteht mehrheitlich aus Nervenzellen, den sogenannten Neuronen. Diese kommunizieren über chemische Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter. Sie ermöglichen die Interaktion zwischen verschiedenen Hirnarealen, die an unterschiedlichen Funktionen beteiligt sind. Der Neurotransmitter Dopamin sorgt im Gehirn für das Empfinden von Vergnügen und Belohnung und folgt einem bestimmten Pfad, dem Mesolimbischen System.

Stellen Sie sich das Gehirn als Netzwerk aus Datenautobahnen vor, die Hirnareale für einen effizienteren Informationstransport verbinden. Das Mesolimbische System ist aktiv, wenn es um Vergnügen und Gewohnheitsbildung geht, zum Beispiel bei Essen, Sex und sozialen Interaktionen. Was passiert also, wenn wir eine neue Benachrichtigung auf unserem Smartphone erhalten? Ein rotes Symbol aufblinken sehen? Neue Likes, Kommentare oder Nachrichten entdecken? Sofort wird Dopamin ausgeschüttet in einem Bereich des Mittelhirns, der als Ventral Tegmental Area (VTA) bezeichnet wird.

Über die bereits erwähnten Neurotransmitter-Autobahnen wird Dopamin an die Amygdala weitergegeben. Diese ist für starke emotionale Reaktionen wie Angst und Vergnügen verantwortlich. Die Verbindung zum Hippocampus, in dem Erinnerungen entstehen, führt dazu, dass wir uns an die Situationen erinnern, bei denen wir viel Dopamin ausgeschüttet haben.

Zudem ist die VTA mit dem Nucleus Accumbens (NAcc) verbunden, der an motorischen Prozessen beteiligt ist - beispielsweise das Tippen mit dem Finger, das Wischen nach unten zum Aktualisieren. Diese Assoziationen zwischen verschiedenen Hirnarealen und unseren Erinnerungen verstärkt unser Verlangen, unser Verhalten zu wiederholen. Mit jedem Like wird unser Gehirn effizienter vorprogrammiert - wir werden in eine sogenannte Zwangsschleife eingebunden. Evolutionstechnisch hat dieser Mechanismus unser Überleben gesichert - das Vergnügen an Nahrung, um nicht zu verhungern, oder Sex zur Fortpflanzung. Er kann jedoch nachteilige Auswirkungen haben, wie es bei Suchtproblemen der Fall ist.

Interessanterweise wirken Apps wie Instagram und TikTok, die unsere Aufmerksamkeit erregen sollen, ähnlich auf unser Gehirn wie beispielsweise Kokain und Amphetamin, die auch zur Ausschüttung von Dopamin führen. Zudem wird Dopamin nicht nur nach einer Belohnung freigesetzt, sondern auch davor, in dem Zeitraum, in dem wir aufgrund früherer Erfahrungen eine Belohnung erwarten.

Spielautomaten sind so konzipiert, dass sie einige Sekunden lang drehende Räder zeigen, um Dopamin als bloße Reaktion auf Vorfreude auszuschütten. Dasselbe passiert, wenn unser Smartphone vibriert und wir, getrieben von unserer Dopamin-Gier, eine kleine Belohnung in Form einer Nachricht oder einer E-Mail erwarten. App-Entwickler und User-Experience-Designer sind sich dieser neurobiologischen Grundlagen bewusst.

Jaron Lanier spricht von einer „Feedback-Schleife zur sozialen Validierung (...), die eine Schwachstelle in der menschlichen Psychologie ausnutzt“ - und er bringt es auf den Punkt. Die langfristigen Auswirkungen der Sozialen Netzwerke auf das Gehirn, insbesondere bei jungen Menschen, sind schwer fassbar. Also: Legen Sie Ihr Smartphone öfter zur Seite!

Der Autor ist Neuro-Wissenschaftler und lebt in Berlin. 

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