Pittsburgh/Basel - Erstmals haben Mediziner einem blinden Patienten mit einer optogenetischen Therapie das Sehen ermöglicht. Sie behandelten einen 58-jährigen Mann, der durch die Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa seit Jahrzehnten blind war. Nach der Gentherapie konnte der Patient mithilfe einer Spezialbrille im Labor Gegenstände erkennen und greifen, wie das internationale Team um José-Alain Sahel von der University of Pittsburgh School of Medicine und Botond Roska von der Universität Basel im Fachblatt Nature Medicine schreibt.

Experten bewerten die Studie einhellig als Durchbruch. „Zum ersten Mal hat eine therapeutische Intervention, die auf Optogenetik beruht, eine Art des Sehens ermöglicht“, sagt Stylianos Michalakis von der Universität München, der nicht an der Arbeit beteiligt war. Bei Retinitis pigmentosa käme eine solche Therapie, falls sie eines Tages zugelassen wird, jedoch nur für Patienten im Spätstadium infrage, betont der Leiter der Arbeitsgruppe Gentherapie von Augenerkrankungen.

Mutationen lassen Lichtrezeptoren zugrunde gehen

Retinitis pigmentosa umfasst eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen durch verschiedene Erbgut-Mutationen die Lichtrezeptoren der Netzhaut – der Retina – zugrunde gehen. Blindheit ist die Folge. Bislang sind mehr als 70 Gene bekannt, bei denen Mutationen die Krankheit verursachen können. In Deutschland schätzt Michalakis die Zahl der Betroffenen auf bis zu 40.000. Als einzige kurative Behandlung ist in Europa seit 2018 eine Gentherapie mit dem Mittel Luxturna zugelassen. Die über 800.000 Euro teure Behandlung hilft jedoch nur Menschen mit Mutationen des Gens RPE65, die die Erkrankung im Frühstadium haben.

Der nun vorgestellte Ansatz ist dagegen mutationsübergreifend. Er soll jenen Patienten, die bereits erblindet sind, wieder ein zumindest rudimentäres Sehen ermöglichen. In der Studie wollten die Forscher das Verfahren eigentlich an 15 Menschen testen. Wegen der Corona-Pandemie beendete jedoch vorerst nur der 58-jährige Franzose die Untersuchung. Dabei injizierte das Team in das schwerer betroffene Auge des Mannes Viren, die den Bauplan für ein lichtempfindliches Protein trugen. Dieses aus Mikroalgen stammende Protein – ein sogenanntes Kanalrhodopsin namens ChrimsonR – bildet in bestimmten Zellen der unteren Netzhaut einen Ionenkanal. Damit erzeugen die Zellen aus einfallendem Licht elektrische Signale, die sie an das Sehzentrum im Gehirn weiterleiten.

Der Ionenkanal reagiert besonders sensibel auf Licht mit einer Wellenlänge von 590 Nanometern, was einem gelblichen Orange entspricht. Allerdings reicht Tageslicht zu seiner Aktivierung bei weitem nicht aus. Deshalb entwickelte das Team eine Kamerabrille, die die Bilder der Umgebung in Echtzeit auf genau dieser Wellenlänge mit sehr hoher Intensität durch die Pupille auf die Netzhaut projiziert.

Noch sind weitere Studien mit mehr Teilnehmern nötig

Der Patient begann das Training mit der Brille viereinhalb Monate nach der Injektion – etwa so lange brauchen die Zielzellen in der unteren Netzhaut, um die Ionenkanäle zu bilden. Sieben Monate nach Aufnahme des Trainings berichtete der Mann von visuellen Eindrücken, allerdings nur, wenn er die Spezialbrille trug. In verschiedenen Tests konnte er damit Gegenstände, die vor ihm auf einem weißen Tisch lagen, recht zuverlässig erkennen und greifen. Auch konnte er etwa auf einem Zebrastreifen die Zahl der Streifen zählen. Die Besserung betraf nur das behandelte Auge.

Die Autoren warnen vor überzogenen Hoffnungen. Derzeit sei nicht zu erwarten, dass Patienten nach einer solchen Therapie etwa Gesichter erkennen oder gar lesen könnten, betonten sie. Dennoch ermögliche das Verfahren eine deutliche Steigerung der Lebensqualität – zumal der 58-Jährige nur mit einer niedrigen Dosis behandelt worden sei.

Auf die Frage, wann dieser Ansatz mehr Patienten zur Verfügung stehe, antwortete José-Alain Sahel aus Pittsburgh, zunächst seien weitere Studien mit mehr Teilnehmern nötig. Möglicherweise könne der Ansatz innerhalb von fünf Jahren mehr Menschen angeboten werden, doch zunächst müsse seine Sicherheit abgeklärt werden. Mehrere der Autoren arbeiten für das französische Unternehmen Gensight Biologics, das die Studie mitfinanziert hat. (dpa/fwt)