Bei wichtigen Veranstaltungen ist Tijen Onaran dabei, keine Frage. Sie ist eine Meisterin des Netzwerkens in Berlin. Ein Gespräch über Gesprächsstrategien, wahre Freundschaften und Belastungstests für das persönliche Netzwerk.

Frau Onaran, Sie haben das Digitalnetzwerk „Global Digital Women“ gegründet, das inzwischen mehr als 30 000 Mitglieder hat. Sie richten sich dabei aber nicht ausschließlich an Frauen. Warum dann der Name, der Frauen ins Zentrum stellt?

Frauen haben mich geprägt, und ich hatte das große Glück toller Chefinnen. Ich habe irgendwann einen Stammtisch in Berlin gegründet für Frauen in Digitalrollen, egal, ob als Gründerin, in einer Konzernposition oder einer NGO. Auf vielen Veranstaltungen sitzen noch immer ausschließlich Männer auf den Podien, weil behauptet wird, man finde keine Expertinnen.

Wir zeigen aber, dass es sie selbstverständlich gibt: in sozialen Medien, auf unserer Content-Plattform, mit dem Digital Female Leader Award. Das hilft. Aber unser Netzwerk ist für alle offen. Und wir haben uns natürlich entwickelt. Der Fokus liegt heute auf Diversität mit all den Dimensionen.

Was bedeutet für Sie im Netzwerk-Zusammenhang Diversität?

Es geht dabei in erster Linie nicht um die Herkunft oder das Geschlecht. Viel wichtiger ist es, statt nur Schulterklopfern auch Menschen im Netzwerk zu haben, die mir widersprechen. Mit unterschiedlichen Erfahrungswerten, Positionen, Berufen.

Als ich Kommunikationsleiterin eines Verbands war, haben sich die Kolleginnen und Kollegen alle nur mit anderen Kommunikatorinnen und Kommunikatoren verbunden. Ich finde es spannender, Personen mit einer neuen Perspektive kennenzulernen.

Kürzlich haben Sie Ihr erstes Buch, die „Netzwerkbibel“, veröffentlicht. Mit welcher Strategie sind Sie beim Aufbau Ihres persönlichen Netzwerks vorgegangen?

Ich hatte anfangs überhaupt keine Netzwerk-Strategie. Ich bin in meiner Heimatstadt Karlsruhe den Jungen Liberalen beigetreten und kannte niemanden, komme auch nicht aus einer Genscher-Familie.

Als ich zu den ersten Veranstaltungen gegangen bin, war ich alleine dort, alle anderen kannten sich bereits und waren vernetzt. Ich wollte etwas bewegen, das geht nur gemeinsam, also war ich gezwungen, Kontakte zu knüpfen. Daraus habe ich übrigens eine wichtige Regel entwickelt.

Welche?

Nie zu zweit, sondern immer alleine auf Veranstaltungen gehen. Dann hält man sich nicht an seiner Begleitung fest, sondern ist gezwungen, sich miteinander zu unterhalten.

Sollten Menschen, die gerade ihr Netzwerk aufbauen, versuchen, möglichst hochrangige Kontakte zu knüpfen?

Funktionen sind zweitrangig. Es hilft, sich komplett von Titeln freizumachen, heute ist ja jeder Chief of Irgendwas. Häufig bringt mir auch nicht die vermeintlich wichtigste Person in einer hohen Position den größten Nutzen. Das hängt auch davon ab, an welchem Punkt in meiner Karriere ich mich befinde.

Man sollte nicht vergessen, dass Positionen meist nicht von Dauer sind. Ich habe in meiner Zeit in der Politik beobachtet, wie schnell sich ein Netzwerk im Nichts auflösen kann, weil die Leute nur auf Positionen geschaut haben – und diese dann plötzlich nicht mehr innehatten.

Woran erkennt man, ob das Netzwerk nachhaltig ist?

Das stellt sich immer dann heraus, wenn es mir mal nicht gut geht, weil ich mit etwas gescheitert bin oder auf der Suche nach einem neuen Job.

Weil ich genau dann darauf angewiesen bin, dass mir geholfen wird?

Ja. Viele fangen erst dann an zu netzwerken, wenn sie dringend darauf angewiesen sind. Wer nicht die notwendige Zeit in ein Netzwerk investiert, wenn es gerade gut läuft, darf sich auch nicht wundern, dass niemand da ist, um zu helfen, wenn das Kind einmal in den Brunnen gefallen ist.

Viele haben beim Thema Netzwerken geschlossene Gesellschaften mit grauen Gestalten in dunklen Anzügen im Kopf. Hat sich das gewandelt?

Netzwerken ist heute total demokratisiert. Das hat auch damit zu tun, dass sich das Arbeiten wandelt: Statt in festgefahrenen Teams wird in Projekten gearbeitet. Experten und Expertinnen aus verschiedenen Bereichen und mit unterschiedlicher Erfahrung tun sich dabei zusammen, Hierarchien spielen eine immer geringere Rolle.

Das spiegelt sich beim Netzwerken wider: Die Zeit der exklusiven Netzwerke ist vorbei. Es ist auch wichtig, dass Netzwerke offen sind und frei von Hierarchien, damit sich verschiedene Typen treffen. Je diverser ein Netzwerk ist, desto besser und nachhaltiger ist es.

Wie sieht ein gutes Netzwerk aus?

Wer netzwerken will, sollte sich am Anfang überlegen, was er eigentlich von einem Netzwerk erwartet. Will man von anderen lernen? Will man Mentor oder Mentorin für andere sein? Geht es um die eigene Bekanntheit? Sollen Kontakte innerhalb oder außerhalb des eigenen Unternehmens geknüpft werden? Erst wenn man das weiß, lässt sich ein gutes Netzwerk aufbauen. Wichtig ist: Qualität ist wichtiger als Quantität.

Möglichst viele Kontakte bei Linkedin oder Xing zu sammeln, ist kein erstrebenswertes Ziel?

Entscheidend ist nicht, wie viele Kontakte ich habe, sondern ob und wie sie mir helfen können. Wer ohne Anlass Kontakte sammelt, baut sich ein diffuses Netzwerk auf. So glauben aber viele netzwerken zu müssen. Für sie hat ihr Netzwerk einen Vertriebscharakter, ist nur ein Mittel zum Zweck, um ein Produkt zu verkaufen. Das ist nicht mein Ding und ich will Netzwerke auch aus dieser Schmuddelecke holen.

Es gibt also gute und schlechte Ziele beim Netzwerken?

Ich finde strategisches Netzwerken nicht schlimm. Ich finde es dann schlimm, wenn man nicht überlegt, was man anderen zurückgeben kannt. Immer im Hinterkopf behalten: Welche Person hat mir wirklich geholfen.

Ein Netzwerk zu pflegen, das klingt nach viel Arbeit. Wie schafft man das neben dem Job?

Heute ist es einfacher denn je. Du musst nicht wie früher auf jede Veranstaltung gehen, sondern kannst auch von der Couch aus netzwerken. Dafür gibt es schließlich Linkedin, Xing, Twitter und Instagram. Die sozialen Netzwerke lassen sich sehr gut in den Alltag integrieren.

Brauchen wir heute noch Visitenkarten, um Netzwerk-Profis zu sein?

Ich besitze keine mehr. Für mich sind sie ein Zeugnis der Vergangenheit. Drückt mir jemand eine Visitenkarte in die Hand, fliegen sie in meiner Tasche rum. Ich füge die Menschen lieber schnell online hinzu. So kann ich später auch viel besser verfolgen, womit sie sich aktuell beschäftigen und was sie beruflich umtreibt.

Viele Menschen haben Hemmungen, auf Veranstaltungen Kontakte zu knüpfen. Wie können sie diese überwinden?

Wer Hemmungen hat, kann sich ein Ziel vorgeben. Zum Beispiel die Gastgeberin oder einen der Vortragenden anzusprechen. Stück für Stück kann man sich so ein eigenes Netzwerk aufbauen.

Ich mache das jetzt seit vielen Jahren und habe gelernt, mich nicht zu überfordern. Man muss nicht an einem Abend alle 100 Gäste kennenlernen. Wenn man einen wichtigen Kontakt mitnimmt, reicht das vollkommen aus.

Nehmen wir an, Sie besuchen eine Veranstaltung und sind in ein Gespräch verwickelt, das Sie langweilt. Wie entgehen Sie der Situation möglichst freundlich?

Ich habe da einen Trick, den ich schon in meinem Buch verraten habe und deswegen leider nie wieder anwenden kann: Es hilft, eine dritte Person hinzu zu holen und die Personen dann einander vorzustellen. Es hilft aber auch, ehrlich zu sein und zu sagen,dass es aufschlussreich war, aber man sich noch weiter umschauen möchte.

Müssen wir mit den Menschen in unserem Netzwerk befreundet sein?

Nein. Man kann mal zusammen ein Glas Wein trinken gehen, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen, aber man muss keine Freundschaft knüpfen. Ich lege immer eine professionelle Freundlichkeit an den Tag, wahre aber eine ebenso gesunde Distanz, die mich frei von Erwartungshaltungen macht.

Das Interview führten Eliana Berger und Henrik Geisler.