Die Eibe von Fortingall ist 3000, vielleicht aber auch 9000 Jahre alt. Ganz genau können die Baumforscher das nicht feststellen, denn Eiben fangen im Alter von mehreren Jahrhunderten an, in ihrem Inneren Höhlen auszubilden und ihr Wachstum nach außen zu verlagern. Sie bilden mächtiges Wurzelwerk aus und entwickeln mehrere Parallelstämme, oft durch Zusammenbrechen und Neuaustrieb. Dann geht die Eibe stark in die Breite, derweil im Inneren die zählbaren Jahresringe schwinden.

Die Kenner der Fortingall-Eibe haben sich darauf geeinigt, sie auf 5000 Jahre zu schätzen. Auch damit gehört sie noch zu den ältesten Lebewesen Europas, zu besichtigen auf dem uralten Friedhof der Gemeinde Fortingall in den Perthshire Highlands im Herzen Schottlands. Fest steht also, dass dieses Exemplar erwachsen war, als die Steinkreise von Stonehenge oder die Pyramiden von Gizeh errichtet wurden.

In diesem fortgeschrittenen Alter darf so eine Kreatur hohen Respekt erwarten und die Ruhe, in wer weiß wie vielen Jahren zu sterben. Aber nun versetzt die Eibe Schotten wie Briten in Erstaunen – wobei angemerkt werden muss, dass der weibliche Artikel für die Eibe in die Irre führt. Es handelt sich nämlich um ein männliches Exemplar. Eiben sind zweihäusig wie viele andere Pflanzen auch, zum Beispiel Esche, Ginkgo, Sanddorn oder Weide.

Es gibt männliche und weibliche Exemplare. Zur Fortpflanzung muss es in der Gegend immer einen Partner geben, allein läuft nichts. Die einen produzieren in vier Millimeter großen Kügelchen männliche Pollen, die anderen haben zäpfchenförmige Blüten. An diesen Zeichen eibischer Weiblichkeit hängt an der unteren Spitze ein Tröpfchen, an dem sich anfliegende männliche Pollen ankleben können. Aus dieser Verbindung entstehen leuchtend rote Beeren, darinnen ein Samenkorn.

Rote Beeren in der Krone

Die Eibe von Fortingall zeigte 5000 Jahre lang nur Zeichen von Männlichkeit – bis Max Coleman vom Royal Botanic Garden in Edinburgh Ende vergangenen Jahres mal wieder einen Besuch im Dorf machte. Was er sah, verblüffte ihn: rote Beeren in der Krone, voll ausgebildete Weiblichkeit. Der Baum hat sein Geschlecht gewandelt. In seinem Blog schreibt Coleman, zumindest ein Teil der Krone „hat sich umgeschaltet und verhält sich nun weiblich“. Und er weist darauf hin, dass Geschlechtsumwandlungen von Eiben nicht so selten sind.

Aber in dem Alter? Die Zeitung Guardian fragte deswegen Brian Muelaner, Vorsitzender des Forums Alte Bäume (Ancient Tree Forum) und erfuhr, dass es sich offenkundig um ein Rezept für Langlebigkeit handelt: „Die Fortingall-Eibe hat sich in verschiedene Teile gespalten, so dass ein Teil sexuell zwiespältig geworden ist.“

Vielfalt als Evolutionsvorteil – eine große Einsicht findet einen überraschenden Beweis. Begeisterung löste die Entdeckung in der britischen Transgender-Community aus: ein Intersex-Baum! „Well done, tree!“, so wird er in einschlägigen Blogs gelobt. Das passt in die aufgeregte Debatte dieser Tage um einen Untersuchungsbericht zur Diskriminierung von Transgender-Personen, einem Prozent der Bevölkerung, und möglichen Konsequenzen, die dann von 99 Prozent der eindeutigen Männer oder Frauen als diskriminierend empfunden werden könnten.

Das ist ein weites Feld. Im Fall unserer lebenslustigen Eibe geht es derweil sehr direkt um Triebe: Das Publikum erwartet mit Spannung das Frühjahr. Coleman hat nämlich drei rote Beeren gepflückt und die darin enthaltenen Saatkerne in einen Blumentopf gesteckt. Wenn die keimen und Triebe bilden, dann kriegt sie Kinder. Alle Achtung.