Der neue Esa-Generaldirektor Wörner äußerte die Idee einer Raumstation auf dem Mond. Was sagt der Esa-Chef für bemannte Raumfahrt, Thomas Reiter, dazu?

Herr Reiter, wie realistisch ist so eine Mondbasis?

Technisch ist es vorstellbar, dass wir ab der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts in einer internationalen Kooperation eine solche Station aufbauen. Ausreichend Expertise ist durch die bisherige Raumfahrt und den Betrieb der Raumstation ISS gesammelt. Für mich wäre der Mond auch der logische nächste Schritt, nachdem wir jahrzehntelang im niedrigen Erdorbit geforscht haben. Die Frage ist, ob es uns gelingt, hierfür auch die politische Unterstützung zu gewinnen. Ein solches internationales Projekt braucht natürlich Zeit, es kann zehn oder zwölf Jahre dauern, bis Ergebnisse vorliegen.

In den 1960er-Jahren war der Mond ein Prestigeobjekt im Wettstreit der Systeme. Warum soll der Mensch nun dorthin zurückkehren?

Trotz der Apollo-Missionen und der rund 400 Kilogramm Mondgestein, die dabei zur Erde gebracht wurden, wissen wir heute mehr über den Mars als über unseren eigenen Trabanten. Dabei ist der Mond eine Art Geschichtsbuch unseres Planeten. Er wurde vor etwa 4,5 Milliarden Jahren durch einen Asteroideneinschlag aus der Erde herausgetrennt. Deren Oberfläche hat sich seither stark verändert, auf dem Mond ist der damalige Zustand konserviert. Hinzu kommt die Frage: Wie ist der Mond geologisch beschaffen? Die Apollo-Missionen landeten in der Äquatorregion. Die ist jedoch geologisch weniger vielfältig als höhere Breiten und die Polarregionen, in denen Eis unter der Oberfläche vermutet wird. Aus dem Eis ließe sich durch Elektrolyse Sauer- und Wasserstoff gewinnen, was für eine permanente Station wichtig wäre. Zudem besteht auf der erdabgewandten Seite für Radioastronomen die Möglichkeit, Messanlagen aufzubauen, die dann völlig abgeschirmt von irdischen Einflüssen, wie Funksignalen, messen könnten.

Sie rechnen mit der Rückkehr des Menschen auf den Mond Ende der 2020er-Jahre. Wie groß sind die Chancen, dass die Politik ein Mondprojekt zeitnah beschließen wird?

Aus europäischer Sicht geht es in der nächsten Ministerratssitzung Ende 2016 um zwei Fragen. Die erste ist die Verlängerung der europäischen Beteiligung an der ISS bis 2024. Dort gibt es ein breites Spektrum an Forschung, und ein Teil davon beschäftigt sich mit Technologien für regenerative Lebenserhaltungssysteme, die für eine längere Arbeit im All erforderlich sind. Die zweite Frage ist, in welchem Umfang man eine Kooperation mit der russischen Raumfahrtbehörde eingeht. Die plant eine Robotermission zum Südpol des Mondes. Wenn sich die Esa daran beteiligt, wäre das ein erster Schritt, um festzustellen, ob es dort Wasservorkommen gibt und somit die Voraussetzung für eine Station.

Die Esa ist bis 2020 an der ISS beteiligt, eine Verlängerung bis 2024 geplant. Soll die Station danach aufgegeben werden?

Das ist nicht nur eine Entscheidung der Esa-Länder. An der ISS beteiligen sich auch die Raumfahrtagenturen von Japan, Kanada, Russland und den USA. Technisch wäre ein ISS-Betrieb aus heutiger Sicht bis 2028 möglich. Auch haben unsere Wissenschaftler großes Interesse daran, die Forschungsbedingungen der ISS zu nutzen. Der Bedarf wird auch nach 2024 bestehen.

Könnte eine Station auf dem Mond diesen Bedarf decken?

Die Forschungsmöglichkeiten der ISS lassen sich nicht 1:1 auf den Mond verlagern, vor allem fehlt die Schwerelosigkeit. Auf dem Mond gibt es eine Anziehungskraft, die etwa einem Sechstel der Erdgravitation entspricht. Aber einen Teil der Forschungsthemen könnte man auch auf dem Mond bearbeiten.

Könnte eine Mondbasis als Ausgangspunkt für Expeditionen zu anderen Himmelskörpern dienen?

Der Treibstoffbedarf ist vom Mond aus zumindest geringer. Voraussetzung wäre aber, dass auf dem Mond Wasser für die Sauerstoff- und Wasserstoffproduktion gefunden wird. Damit könnte der Treibstoffbedarf für interplanetare Missionen sichergestellt werden.

Abgesehen von Mondgeologie und Politik – was ist die größte Herausforderung auf dem Weg zum Mond?

Die Entwicklung eines Transportsystems, das den Menschen zunächst wieder in den Mondorbit bringen kann. Daran arbeiten wir derzeit in Kooperation mit der US-Raumfahrtagentur Nasa. Als Basis dient das europäische Transportraumschiff ATV, das bis 2014 die ISS beliefert hat. Ein erster unbemannter Start des neuen Systems ist für 2018 geplant. Anfang der 2020er-Jahre soll dann ein bemannter Flug um den Mond folgen.

Das Interview führte Robert Briest.