Berlin - Eichwalde ist ein kleines Örtchen im Süden von Berlin. Halb liegt es in Brandenburg, halb auf Berliner Terrain. Eigentlich ist hier nicht viel los, sehr beschaulich, Speckgürtel halt. Doch im Herbst 2018 fuhr plötzlich eine Kolonne dunkler Limousinen über holpriges Kopfsteinpflaster – der Tross eines Staatssekretärs aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Denn Eichwalde schrieb Geschichte, die Geschichte der Energiewende.

Die Wagen hielten am Grundstück der Familie Keller. Großer Bahnhof, um den hunderttausendsten Stromspeicher Deutschlands in Betrieb zu nehmen. Die Speicher braucht man, um tagsüber erzeugten Solarstrom für den Abend und die Nacht vorzuhalten. In Wohnhäusern wie bei der Familie Keller hängen sie im Haustechnikraum. In E-Mobilen stecken sie unter der Haube, um die Autos mit Strom zu versorgen.

Hausherr Rene Keller hat für seinen Stromspeicher weder einen Kredit aufgenommen, noch Förderung beantragt. Er hat ihn gekauft und einbauen lassen, weil er sich unabhängig machen wollte: „Jede Kilowattstunde, die wir selbst erzeugen und verbrauchen, ist ein Schritt nach vorn“, sagte er. „Außerdem ist es eine Kilowattstunde weniger, die wir vom Versorger kaufen müssen.“ Der Solarakku hat eine Speicherkapazität von knapp fünf Kilowattstunden und ist jederzeit erweiterbar.

Bald eine Viertelmillion Sonnenakkus in deutschen Eigenheimen

Das gab für Familie Keller den Ausschlag. Sie wollte unabhängiger werden von den Stromanbietern, deren Energie immer teurer wird. „Insgesamt erreichen wir 97 Prozent Autarkie“, meinte Keller. Von Januar bis Ende August 2018 hat die Solaranlage rund 3400 Kilowattstunden Strom erzeugt. „Im gleichen Zeitraum haben wir etwa 2300 Kilowattstunden verbraucht“, rechnete er vor.

Seitdem sind mehr als zwei Jahre vergangen. Innerhalb dieser beiden Jahre hat sich die Zahl der Stromspeicher in deutschen Eigenheimen verdoppelt, bald sind gar eine Viertelmillion Sonnenakkus installiert.

Imago/Anna Huber/Westend61
Mehr Sonne für Berlin

Die sechsteilige Serie befasst sich mit den Chancen der Photovoltaik für Berlin und die umliegende Region. Dabei geht es um konkrete Anwendung, die technischen Möglichkeiten, die Förderung und weitere praktische Fragen. Diese stellen sich nicht nur für Eigenheimbesitzer, Mieter und Vermieter, sondern auch für Unternehmer, Architekten und die Kommune.

Heiko Schwarzburger ist Maschinenbauingenieur und Chefredakteur des Fachmediums photovoltaik, dessen Redaktion in Berlin ansässig ist. Er hat im VDE Verlag unter anderem den Ratgeber „Energie im Wohngebäude“ veröffentlicht. Für Mai 2021 ist sein neuer Ratgeber „Sonnenstrom aus der Gebäudehülle“ angekündigt. Zudem betreibt er das Webportal Solar Age, das sich an Architekten, Planer und die Immobilienwirtschaft richtet.

Trotz der Corona-Krise hat die Nachfrage nach Solarstromtechnik und Stromspeicher im vergangenen Jahr um 80 Prozent zugelegt. Oder vielleicht wegen der Pandemie? Viele Menschen waren im Lockdown gefangen, haben im Homeoffice gearbeitet, haben überlegt, wie sie ihr Geld in krisenfeste Werte investieren können. Photovoltaik ist krisenfest, denn sie macht das eigene Haus zum Generator. Macht die Bewohner autark von den Preisspiralen der Energieversorger.

Schwarzburger
Bei der Familie Keller in Eichwalde wurde 2018 der hunderttausendste Stromspeicher Deutschlands in Betrieb genommen.

Die Kellers in Eichwalde haben fünf Kilowatt Solarmodule auf den Dächern. Überschlägig braucht man dafür rund 30 Quadratmeter. Elf Module befinden sich auf dem Ostdach, neun auf der Westseite. Dort passten nicht mehr Paneele hin, weil eine große Gaube stört. Das südliche Dach war für die Photovoltaik ungeeignet, da es riesige Bäume beschatten.

Eine Solaranlage für fünf Kilowatt Leistung ist in Berlin und Brandenburg für rund 7000 Euro zu bekommen (inklusive Installation), ein Stromspeicher mit fünf Kilowattstunden Speicherkapazität für etwa die gleiche Summe oder etwas drunter. Im Gegenzug sinken die Stromkosten für den Haushalt mitunter dramatisch.

Einspeisung im Sommer mit Stromkauf im Winter verrechnen

Mit einer solchen Anlage lässt sich der Strombedarf eines Vier-Personen-Haushalts – rund 4000 Kilowattstunden im Jahr – problemlos decken. Allerdings dürfte es im Sommer einen Überschuss vom Sonnendach geben, im Winter eher einen höheren Strombedarf aus dem Netz. Überschüsse im Sommer – wenn sie nicht im Haus gebraucht werden – kann man ins Stromnetz einspeisen, im Winter kann man die eine oder andere Kilowattstunde aus dem Netz kaufen. So wirkt das Stromnetz wie eine Superbatterie. Es gibt bereits Anbieter, die den eingespeisten Sommerstrom mit Stromkauf im Winter verrechnen, um den Kunden noch bessere Konditionen zu bieten.

Technisch gesehen ist Sonnenstrom fast so einfach wie die Möhren aus dem Garten oder das Winterbeet hinterm Haus. Doch lange hat die Politik gebraucht, ihren Widerstand gegen die saubere und bürgernahe Stromerzeugung aufzugeben. So galt bisher eine Grenze von zehn Kilowatt Solarleistung, damit der Sonnenstrom im eigenen Gebäude verwendet werden kann, ohne dafür EEG-Umlage (sogenannte Sonnensteuer) an den Netzbetreiber abführen zu müssen. Diese Grenze wurde zu Jahresbeginn 2021 auf 30 Kilowatt erhöht, falls Stromnutzer und Gebäudeeigentümer dieselben Personen sind.

So kann jetzt jede Hausbesitzerin und jeder Hausbesitzer so viel Dächer, Fassaden, Pergolas, Garagen oder Terrassen mit Solarmodulen belegen, wie nur möglich. Die Kosten pro Kilowattstunde liegen dann – wenn man die Investition auf die Kilowattstunde umrechnet – bei acht bis elf Cent (ohne Solarakku). Je mehr Sonnenstrom im Haus verwendet wird, um so größer ist der Vorteil gegenüber Netzstrom.

Das öffnet zwei Chancen: Zunächst kann man überschüssigen Sonnenstrom sehr gut für Warmwasser nutzen und damit auch elektrische Heizkörper betreiben. Vor allem Solarfassaden bieten bei tiefer stehender Wintersonne erkleckliche Stromerträge, um die E-Heizung zu betreiben. So ein Gebäude braucht keine hydraulische Wärmeverteilung mehr, keine Schornsteine, keinen Gasanschluss – nur noch den Elektroanschluss, um an sehr kalten und sehr dunklen Tagen im Winter den Ökostrom aus dem Netz zu beziehen. Dann schlappt kein Schornsteinfeger mehr durchs Heim, kein Gasmann, kein Heizungsbauer; es gibt keine Abgase mehr, keine störenden Heizungsgeräusche oder klappernde Pumpen.

Lukrativ wird Sonnenstrom bei der Anschaffung eines E-Autos

Zudem wird die Sache richtig lukrativ, wenn ein E-Auto angeschafft wird. Dann entfallen die Kosten für Benzin oder Diesel, denn die Ladebox am Haus wird durch preiswerten und sauberen Sonnenstrom betrieben.

Der sprunghafte Anstieg der Nachfrage im Jahr 2020 beweist, dass immer mehr private Eigentümer clever rechnen: „Wir erleben oft, dass die Kunden erst einmal die Photovoltaik kaufen und dann den Speicher nachinstallieren“, sagt Hendrik Krause, Prokurist von Sybac Solar in Ahrensfelde, einem Installationsfachbetrieb. „Deshalb legen wir die Anlagen so aus, dass die Nachrüstung des Speichers ohne weiteres möglich ist.“ Mittlerweile gehört auch die Ladestation beinahe standardmäßig zur Ausstattung.

Kauften 2018 rund 60 Prozent seiner Solarkunden den Stromspeicher gleich mit, sind es mittlerweile nahezu alle Privatkunden. Es macht keinen Sinn mehr, nur Solarplatten auf die Dächer zu schrauben und den Strom ins Netz zu verkaufen. Der Eigenverbrauch mithilfe eines Stromspeichers – und eines E-Mobils – ist viel lukrativer.

Komplette Solaranlagen werden auch zur Miete angeboten

Der Speicher bei der Familie Keller in Eichwalde stammt übrigens von einem Anbieter aus Dresden, er nutzt Lithiumzellen aus Südkorea, die mit einer speziellen Sicherheitstechnik (keramischer Separator) ausgestattet sind.

Die Preise sinken weiter, je größer die Nachfrage ist. Das ist das Gesetz der Industrie, der Massenproduktion. Derzeit liegen die Speicherpreise bei rund 1000 Euro je Kilowattstunde (für private Kunden), das Kilowatt Solartechnik mit allen Komponenten und Installation ist für 1100 bis 1500 Euro zu haben – bei größeren Anlagen für 900 bis 1100 Euro. Pro Kilowatt muss man drei bis vier Solarmodule rechnen, das sind 4,5 bis sechs Quadratmeter Fläche.

Diese Investition muss der Kunde nicht unbedingt hinblättern. Zunehmend gibt es Anbieter, die komplette Solaranlagen zur Miete anbieten, mit Stromspeicher und Wallbox. Sie werden über den Stromkauf finanziert, nach zehn Jahren bleibt ein Restwert, um die Anlagen in Besitz zu nehmen.

Durch die neue 30-Kilowatt-Regel für den Eigenverbrauch wird dieses lukrative Modell nun auf Wohngebäude übertragen, die eine Arztpraxis, Büros, eine Bäckerei oder eine Werkstatt beinhalten. Je größer der Strombedarf und je größer die Solaranlage nebst Stromspeicher, desto lohnender ist die Investition, desto kürzer der Zeitraum, bis sie sich amortisiert.

Solartechnik lässt sich mit Brennstoffzellen kombinieren

Kombiniert man die Solartechnik mit einer Brennstoffzelle im Keller, kann sich das Wohnhaus sogar völlig autark versorgen. In Berlin-Adlershof gibt es die Firma Home Power Solutions (HPS). Sie bietet ihren Kunden ein Komplettpaket aus Photovoltaik, Stromspeicher, Brennstoffzelle, Elektrolyseur und Wasserstoffspeicher, das ein Wohnhaus ganzjährig und vollständig mit Strom und Wärme versorgt.

Das Komplettpaket Picea nutzt Solarstromüberschüsse im Sommer, um daraus Wasserstoff zu machen. Er wird mit 300 bar in einen drucksicheren Tank eingelagert, um die stromerzeugende Brennstoffzelle im Winter zu speisen. HPS hat die Technik entwickelt und die Installateure geschult, im Januar 2021 lief die Serienfertigung an.

Solche Brennstoffzellen sind noch relativ teuer, denn noch erreichen sie nicht die Stückzahlen wie bei Solarmodulen oder Stromspeichern. Aber ausgereift sind sie, in ganz Deutschland laufen solche stationären Brennstoffzellen bereits Millionen Betriebsstunden – zuverlässig und ohne Probleme.

Und sie werden – zur Einführung als neue, saubere Technik für private und gewerbliche Anwendungen – sehr großzügig gefördert. Zukunftsmusik? Nein, machbar und bezahlbar schon heute.