Einzelgänger in der Wildnis: Was wir von tierischen Singles lernen können

Berlin - Zusammen mit anderen Artgenossen leben? Das kommt für einige Tiere überhaupt nicht infrage. Denn offenbar ist ein harmonisches Sozialleben auch in der Tierwelt eine anstrengende Sache. Vor allem Säugetiere haben mitunter wenig für die Gesellschaft von ihresgleichen übrig. Sie ziehen ihr Single-Dasein dem Leben in der Gruppe vor. Auch ihr Kontakt zum anderen Geschlecht beschränkt sich zum Teil nur auf die Paarungszeit. Doch so ein Leben als Einzelgänger hat seine Herausforderungen. Verhaltensforscher haben neue Details über den Alltag und die besonderen Anpassungen der tierischen Eigenbrötler herausgefunden.

Weibchen leben in Gruppen

Männliche Weißrüssel-Nasenbären beispielsweise denken gar nicht daran, sich irgendwelchen Gruppenstress zuzumuten. Bei diesen kleinen Raubtieren, die zwischen dem Südwesten der USA und Panama vorkommen, hängt die Neigung zur Geselligkeit vom Geschlecht ab. Die Weibchen leben in Gruppen zusammen, die aus bis zu 30 Müttern und noch nicht ausgewachsenen Jungtieren bestehen können. Die Männchen aber streifen allein umher. Und das beschränkt sich nicht wie bei anderen Raubtierarten auf wenig durchsetzungsfähige Schwächlinge, die einfach keinen Harem für sich erobern und gegen die Konkurrenz verteidigen können. Nasenbären sind aus Prinzip Einzelgänger.

Wie aber kommen die unterschiedlichen Lebensstile der Geschlechter zustande? Offenbar muss man sich Ungeselligkeit auch leisten können, meint Matthew Gompper von der University of Missouri in Columbia. Wenn einem Männchen der Magen knurre, könne es mit einer ganz einfachen Strategie Abhilfe schaffen: „Finde Futter, wie etwa reife Früchte an oder unter einem Baum, friss so viel wie möglich davon und jage andere Interessenten weg.“ Für die deutlich kleineren Weibchen aber ist das keine Option. „Sie können nicht erwarten zu gewinnen, wenn sie allein auf ein Männchen losgehen“, erklärt der Forscher. Also setzt das schwächere Geschlecht auf die Stärke der Gruppe, um sich bei der Konkurrenz um Fressbares durchzusetzen. Zwar müssen die Weibchen die Beute dann untereinander aufteilen. Doch das ist immer noch besser, als wenn sie erst gar keine erobern können. Zumal die Geselligkeit auch noch weitere Vorteile hat.

Bei so vielen wachsamen Augen ist auch die Chance besser, Feinde rechtzeitig zu entdecken. So landen die Mitglieder der Frauen-WGs deutlich seltener im Magen von Pumas als ihre einzelgängerischen Artgenossen. Und es sind auch immer ein paar hilfreiche Pfoten in der Nähe, die ihnen Parasiten aus dem Fell klauben können. Das ist wohl der Grund dafür, dass Weibchen deutlich seltener von Zecken geplagt werden als Männchen. Dafür leiden die geselligen Nasenbärinnen häufiger an Hautentzündungen, die durch winzige und daher kaum zu entfernende Milbenlarven ausgelöst werden. Möglicherweise lockt eine Gruppe von möglichen Opfern solche Plagegeister leichter an als ein einzelnes Tier. Und Parasiten, die durch direkten Kontakt ihrer Wirte übertragen werden, haben bei sozial lebenden Tieren leichteres Spiel.

Viele leben als Nicht-Singles, weil der Platz knapp ist

Sowohl Geselligkeit als auch Eigenbrötelei haben ihre Vor- und Nachteile. Sie sind je nach Lebensraum unterschiedlich stark ausgeprägt. Etliche Arten haben sich deshalb gar nicht hundertprozentig auf einen Lebensstil festgelegt. So ist bei Europäischen Wildkaninchen das Single-Dasein in Städten wesentlich angesagter als auf dem Land. Das haben Madlen Ziege von der Universität Frankfurt am Main und ihre Kollegen herausgefunden, als sie die Wohnverhältnisse der Tiere in und um die hessische Großstadt untersuchten.

Das typische Landkaninchen lebt demnach in großen und komplexen Familienbauen mit 70 bis 80 Zugängen und bis zu 30 Bewohnern. Je städtischer dagegen das Milieu war, umso mehr Baue fanden die Forscher, die zudem auch kleiner waren. Oft waren in solchen Mini-Apartments Paare oder nur einzelne Kaninchen zuhause. Diese Diskrepanz zwischen Stadt und Land könnte nach Ansicht der Forscher mit dem unterschiedlichen Angebot an geeignetem Lebensraum zusammenhängen.

Denn in weitläufigen Agrarlandschaften finden die Tiere offenbar immer weniger Rückzugsgebiete, so dass sich mehr Kaninchen denselben Standort teilen müssen. Städte mit ihren Parks, Gärten und anderen Grünflächen dagegen bieten eine große Auswahl an Wohnraum. Deshalb können sich die Tiere auf mehr und kleinere Domizile verteilen. Zudem könnte die höhere Temperatur in der Stadt eine Rolle spielen– die Kaninchen sind dort nicht so sehr auf ein wärmendes Miteinander im Bau angewiesen.

Lieber nicht direkt ins Gesicht schauen

Nicht jeder kann sein Sozialleben allerdings so flexibel gestalten. Viele Arten bestehen auf ihrer Vorliebe für die Einsamkeit. Freilebende Orang-Utans zum Beispiel verbringen rund 95 Prozent ihrer Zeit allein. Den Kontakt zu ihren Artgenossen beschränken sie meist auf die Beziehungen zwischen Mutter und Kind, sowie auf kurze Rendezvous zur Paarungszeit. Damit sind sie die ungeselligsten unter den Menschenaffen.

Wenn sie dann doch auf einen Artgenossen treffen, zeigen sie oft ein Verhalten, das man bei einem Menschen als extreme Schüchternheit interpretieren würde: Sie wenden den Kopf ab, vermeiden jeden Blickkontakt und mustern ihr Gegenüber allenfalls aus dem Augenwinkel. Schließlich gilt direktes Anstarren unter Menschenaffen als Drohgebärde. Da ist es aus Orang-Utan-Sicht besser, den Augenkontakt zu meiden. Wer nicht gesellig ist, muss sich schließlich auch nicht so intensiv mit Artgenossen abstimmen. Da kann man auf einen Blick ins Gesicht leicht verzichten.

Solche Beobachtungen erinnern Jared Edward Reser von der University of Southern California stark an das Verhalten von Menschen mit Autismus. Betroffene, die unter anderem Probleme mit der Kommunikation und dem Sozialverhalten haben, schauen anderen Menschen oft nur sehr ungern in die Augen. Und es gibt offenbar noch zahlreiche weitere Parallelen zwischen dem Verhalten von Autisten und allein lebenden Säugetierarten. Beide haben zum Beispiel ein geringes Bedürfnis nach sozialen Bindungen, können Gesichter von Artgenossen schlecht unterscheiden und zeigen eine relativ wenig ausdrucksvolle Körpersprache und Mimik.

Parallelen zu Autisten

Das alles hängt offenbar mit Besonderheiten im Nervensystem zusammen. Ein vielfältiges Mienenspiel ist dann wichtig, wenn man ausgiebig mit Artgenossen kommunizieren will. Der Bereich im Gehirn, der die Gesichtsmuskeln steuert, ist daher bei sozial lebenden Affenarten sehr groß. Deutlich kleiner fällt er dagegen bei den Einzelgängern der Primatenwelt aus – und bei Autisten.

Auch bei den biochemischen Signalen im Körper gibt es Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Gruppen – zum Beispiel beim sogenannten Kuschelhormon Oxytocin. Diese Substanz ist bei Säugetieren wichtig für die Bindung zwischen Mutter und Kind, aber auch für den Aufbau von Partnerschaften und anderen sozialen Beziehungen. Sie wird beim Sex und bei positiven Sozialkontakten freigesetzt und hilft offenbar beim Entwickeln von Vertrauen. Allerdings ist der Einfluss des Oxytocins nicht bei allen Säugetieren gleich groß, selbst bei nahe verwandten Arten gibt es massive Unterschiede.

Eine sehr große Rolle spielt das Hormon etwa bei den nordamerikanischen Präriewühlmäusen, die für ihre lebenslangen monogamen Partnerschaften bekannt sind. Die verwandten Rocky-Mountains-Wühlmäuse dagegen haben für solche engen Bindungen nichts übrig und besitzen daher deutlich weniger Oxytocin-Rezeptoren im Gehirn. Gegenüber Artgenossen verhalten sie sich dementsprechend vorsichtiger, misstrauischer und ängstlicher als ihre Verwandten. Auch das erinnert an Menschen mit Autismus, die ebenfalls geringere Oxytocin-Mengen im Blutplasma haben. All diese Parallelen sind aus Sicht von Jared Reser kein Zufall. Er hofft daher, dass Wissenschaftler von den Einzelgängern der Tierwelt auch mehr über die biologischen Hintergründe des Autismus lernen können.