Die Verwendung von Emojis birgt Risiken.
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BerlinEmojis beschäftigen immer häufiger die Gerichte. So wurde 2016 ein Mann im französischen Pierrelatte von einem Gericht zu sechs Monaten Haft verurteilt, nachdem er seiner Ex-Freundin ein Pistolen-Emoji geschickt hatte. Die Richter werteten das Symbol als Drohung. Auch in anderen Fällen sorgen die Symbole für Ärger.

Der US-Rechtswissenschaftler Eric Goldman hat in einer empirischen Untersuchung herausgefunden, dass die Zahl der Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit Emojis regelrecht explodiert ist. Waren es 2014 noch fünf Fälle, die vor US-Gerichten verhandelt wurden, stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 53.

Emojis bieten unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten

Bisher galten Emojis eher als friedliche, poppige Weltsprache: Jeden Tag werden weltweit sechs Milliarden Emojis verschickt. Dass sich darunter auch Justiziables findet, ist angesichts der schieren Menge logisch. Das Problem ist nur, dass die bunten Symbole die Richter vor Auslegungsprobleme stellen.

Juristen verstehen sich vor allem auf Worte. Buchstaben sind ihre Elemente. Visuelle Sinneinheiten wie Piktogramme sind jedoch eine relativ junge Entwicklung der Sprache, auf die das Recht kaum Antworten hat. Daher muss man die Gesetze neu auslegen.

Ist die Flasche mit knallendem Korken-Emoji eine Willenserklärung, mit der man einen Vertrag besiegelt (ein Gericht in Israel hatte diese Frage zu klären)? Erfüllt ein Pistolen-Emoji den Tatbestand der Drohung? Ist ein Lippenstift-Emoji eine suggestive Anzüglichkeit oder eine sexuelle Belästigung? Das hängt wesentlich vom Kontext, aber auch vom Gebrauch der Symbole ab.

So ist das Pfirsich-Emoji in der Alltagssprache beispielsweise als weiblicher Po codiert und wird häufig beim Sexting, also beim verruchten Texten, verwendet. In jüngster Zeit wird es auch als Symbol für das Impeachment-Verfahren gegen US-Präsident Donald Trump gebraucht, weil Pfirsich auf Englisch „peach“ bedeutet. Was zeigt, wie Worte und Symbole in der Kommunikationspraxis verschränkt werden.

Selbst die Nutzer sind sich oft uneinig

Die Richter sind mit ihren Verständnisschwierigkeiten nicht allein: Laut einer Studie sind 25 Prozent der Nutzer uneins, ob ein Emoji positiv oder negativ konnotiert ist. Die Konnotation hängt ganz vom Einzelfall ab. So symbolisiert das Totenkopf-Emoji nicht den Tod (was naheliegend wäre), sondern eine fehlende Internetverbindung, die sich für Digital Natives wie der Tod anfühlt. Diese Semantiken und Bedeutungsambivalenzen zu durchdringen, ist in der Rechtsprechung gar nicht so einfach, zumal es keine offizielle Übersetzung gibt (abgesehen von einem inoffiziellen Emoji-Wörterbuch).

Zuständig für die Standardisierung der Zeichen ist das Unicode-Konsortium, ein Verein nach kalifornischem Recht, dem Tech-Konzerne wie Apple, Microsoft und Google angehören. In schöner Regelmäßigkeit werden der Kollektion neue Symbole hinzugefügt. Zuletzt waren dies unter anderem ein Blindenhund, ein Rollstuhlfahrer sowie Arm- und Beinprothesen.

Vorschläge kann jeder unterbreiten, sofern sie nicht werblich sind oder geschützte Marken darstellen. 3000 offiziell anerkannte Symbole gibt es mittlerweile in dem Katalog.

Aus Revolver wird Wasserpistole

Das Problem ist nur, dass – im Gegensatz zu Buchstaben – Emojis bei Empfängern mit anderer Software unterschiedlich dargestellt werden können. Das Pfirsich-Emoji sieht bei LG zum Beispiel ganz anders aus als bei Facebook (nämlich weniger anzüglich). Der Grund: Der Unicode legt mit dem Codepoint, einem kryptischen Kürzel, lediglich die äußere Form fest. Plattformbetreiber wie Apple, Google oder Facebook haben bei der Implementierung des Codes in ihre Betriebssysteme Gestaltungsmöglichkeiten. So könnten sie das Weinglas statt mit Rotwein auch mit Weißwein füllen – eine Forderung, auf die Weißweinlobby schon seit längerem pocht. Das heißt: Ein Pistolen-Emoji, das im Facebook-Messenger oder auf einem LG-Gerät verschickt wird, sieht bei Apple, Google oder Microsoft ganz anders aus: Dort wird nämlich eine harmlose Wasserpistole angezeigt.

Die Tech-Giganten wollen die Nutzer damit sprachlich entwaffnen. Was gut gemeint ist, sorgt in der Rechtspraxis allerdings für Schwierigkeiten: Bleibt der Tatbestand der Drohung bestehen, wenn aus einem Revolver eine Wasserpistole wird? Handelt jemand vorsätzlich, wenn er zum Spaß eine Wasserpistole verschickt, diese aber ohne sein Wissen auf dem Empfängergerät als Colt dargestellt wird? Solche Nuancen können in der rechtlichen Bewertung einen erheblichen Unterschied machen.