Gesang, Gejohle, großer Jubel. In den WM-Stadien in Brasilien lässt sich derzeit beobachten, wie Menschen sich gegenseitig hochschaukeln und kollektive Begeisterung oder Enttäuschung entwickeln. Typisch menschlich ist das jedoch nicht. Auch Tiere haben das Zeug zu echten Fußballfans. Zumindest beherrschen einige Arten die Grundlagen des stadiontypischen Verhaltens.

Schimpansen zum Beispiel kennen ansteckende Begeisterung, die im Freudentaumel endet. Ebenso bilden sie spontane Chöre, in die immer mehr Stimmen einfallen – singend oder grölend, je nach musikalischem Talent. Auch um sich greifende schlechte Laune, die sich nur zu leicht in Aggressionen entlädt, ist in der Tierwelt nicht unbekannt.

Selbst die Stadionwelle, genannt La Ola, bei der die Zuschauer zeitlich versetzt von den Sitzen springen und die Arme hochreißen, ist nicht dem Menschen vorbehalten. Auch die Präriehunde in den weiten Grasländern Nordamerikas beherrschen diese Kunst der koordinierten Bewegung.

Diese äußerst geselligen Nagetiere leben in riesigen Kolonien zusammen, die aus Tausenden von Mitgliedern bestehen können. Die größte bekannte Präriehund-Stadt in Mexiko hat sogar mehr als eine Million Einwohner.

Für Biologen bietet das komplexe Sozialleben dieser Tiere ein reiches Betätigungsfeld. Seit Jahren haben sie zum Beispiel über ein bizarres Verhalten gerätselt, das bis vor kurzem niemand so recht erklären konnte.

Ansteckendes „Wii-uuu!“

Da stellt sich ein Tier plötzlich auf die Hinterbeine – manchmal mit so viel Schwung, dass es kurz vom Boden abhebt. Dabei streckt es die Vorderbeine aus, wirft den Kopf in den Nacken und stößt ein jaulendes „Wii-uuu!“ aus. Das Ganze dauert etwa eine Sekunde und wirkt auf Artgenossen äußerst ansteckend: Wer sieht, wie sich seine Nachbarn in Positur werfen, macht normalerweise ebenfalls mit. So schwappt die Bewegung oft durch die ganze Kolonie – genau wie La Ola über die Ränge eines Stadions.

Es gab verschiedene Theorien darüber, was die Tiere mit diesen seltsamen Aktionen bezwecken. Wollen sie auf diese Weise ihr Territorium markieren? Stärkt die von einem Koloniemitglied zum nächsten übertragene Bewegung den sozialen Zusammenhalt? Oder signalisiert die Präriehund-Welle, dass ein zuvor entdeckter Feind wieder abgezogen und die Luft rein ist?

Um der Sache auf den Grund zu gehen, haben James Hare und seine Kollegen von der University of Manitoba im kanadischen Winnipeg mehr als 170 Videos aus 16 Kolonien von Schwarzschwanz-Präriehunden analysiert. Sie wollten wissen, in welchen Situationen das kollektive Aufspringen und Jaulen auftritt und welche Reaktionen es nach sich zieht.

Dabei sind die Forscher auf einen auffälligen Zusammenhang gestoßen: Je länger die Welle dauerte und je mehr Artgenossen sich daran beteiligten, umso mehr Zeit verbrachte der Initiator der Aktion anschließend mit Fressen.

Das aber lieferte den entscheidenden Hinweis auf den Sinn des bizarren Verhaltens. Eine ausgiebige und entspannte Mahlzeit zu sich nehmen zu können, ist für einen Präriehund nämlich keine Selbstverständlichkeit. Da von Greifvögeln über Klapperschlangen bis zu Kojoten ein Heer von Feinden auf sie lauert, müssen die Nager ständig auf der Hut sein. Ein Teil der Koloniemitglieder mustert daher laufend den Himmel und die Landschaft, ihren Gefährten bleibt derweil Zeit zum Fressen oder für andere Aktivitäten.

Diese Strategie geht allerdings nur auf, wenn die diensthabenden Wächter auch wirklich aufpassen und nicht etwa vor sich hindösen oder abgelenkt sind. Und genau das scheinen die Präriehunde mithilfe ihrer Kolonie-Wellen sicherstellen zu wollen.

Wer so eine Aktion anstößt, testet die Aufmerksamkeit seiner Nachbarn: Je mehr seiner Kollegen die Bewegung aufnehmen, umso wachsamer ist das Kollektiv – und umso eher kann sich der Initiator eine Auszeit nehmen und eine Mahlzeit gönnen.

Kollektives Aufspringen ist allerdings nicht das einzige ansteckende Verhalten, zu dem sich Tiere von ihren Gefährten anstacheln lassen. Die Entsprechung der anschwellenden Fangesänge im Fußballstadion findet sich zum Beispiel bei den Mantelaffen. Diese auch als Guerezas bekannten Bewohner des afrikanischen Regenwaldes stimmen jeden Morgen beeindruckende Konzerte an, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten.

Sobald eine Gruppe die Darbietungen ihrer Nachbarn hört, stimmt sie ebenfalls mit ein. Hinter diesem Spektakel scheint eine Art akustischer Wettbewerb zu stecken, vermuten Anne Marijke Schel und Klaus Zuberbühler von der University of St. Andrews in Schottland: Ein kleineres Männchen fängt an zu rufen und immer mehr Konkurrenten fallen ein, um stimmlich ihre eigene Größe und Stärke zu demonstrieren.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, warum Affen gute Fußballfans wären.