Ein Compterprogramm startet und landet den Drachen automatisch.
Foto: Enerkite

BerlinWer Wind bestmöglich nutzen will, muss hoch hinaus. Je höher, desto besser, lautet eine Grundregel im Geschäft mit Windkraftanlagen. In der Folge werden Windräder immer mächtiger. Ansehnlicher werden sie dadurch freilich nicht, billiger schon gar nicht. Und dennoch sind sie noch immer nicht hoch genug, um quasi jederzeit zuverlässig Strom liefern zu können. Die mögliche Lösung des Problems: fliegende Windkraftwerke.

Weltweit befassen sich etwa 70 Unternehmen intensiv mit der Entwicklung solcher Systeme. Allein in Europa sucht ein Dutzend Firmen nach Lösungen zur Stromerzeugung in großer Höhe – auch in Deutschland. In der Ackerstraße in Mitte hat das Unternehmen Enerkite seinen Sitz, das sein fliegendes Kraftwerk innerhalb der nächsten zwei Jahre zur Marktreife bringen will.

Zuverlässig wie Strom aus Kohle und Gas

„Wir machen erneuerbare Energie so günstig, dass niemand mehr eine Ausrede hat, sie nicht zu nutzen“, sagt Firmenchef und -gründer Alexander Bormann. „Und zugleich liefern wir Strom so zuverlässig wie aus Kohle und Gas.“ Enerkite liefert Drachenstrom.

Dafür lässt das Unternehmen einen tatsächlich einen etwa 30 Quadratmeter großen Drachen mehrere Hundert Meter aufsteigen – bis dorthin, wo der Wind kräftig und beständig bläst. Dort oben drehen sich allerdings keine Windräder. Es ist die Zugkraft des Drachens, die hier zu Strom gemacht wird. Denn beim Aufstieg treiben die sich abrollenden Seile einen Generator am Boden an, der den Strom erzeugt. Dann wird der Drachen wieder ein Stück eingeholt, um in langen Achten erneut aufzusteigen und wiederum Strom zu produzieren.

Flugverbot bei Gewitter

Computerprogramme starten und landen den Drachen automatisch und halten ihn stets in der optimalen Flugposition. Da beim Einholen des Drachens nur ein Zehntel der Energie benötigt wird, die beim Aufstieg erzeugt wird, bleibt ein nennenswerter Energieüberschuss übrig. „Außer bei Gewitter kann der Drachen eigentlich immer in der Luft sein“, sagt Bormann.

Laut Firmenangaben arbeitet das Drachenkraftwerk vor allem sehr effizient. Denn während die Generatoren herkömmlicher Windkraftanlagen im Schnitt bei nur 25 Prozent der Zeit die maximale Stromausbeute liefern, soll dieser Anteil beim Drachen bei über 50 Prozent liegen. Die sogenannten Stromgestehungskosten beziffert Bormann auf fünf bis zehn Cent pro Kilowattstunde.

Stromversorgung für Ladestationen

Insgesamt fünf Millionen Euro hat das heute 22-köpfige Unternehmen, das eng mit der TU Berlin zusammenarbeitet, bislang in die Entwicklung des Drachenkraftwerks investiert, davon 2,3 Millionen Euro als EU-Förderung. Im Oktober hatte Enerkite während eines Branchentreffens im schottischen Glasgow die stabile Kontrolle über den fliegenden Drachen demonstriert. Nun wird eine Containerlösung des Systems aufgebaut, die dann an fast jedem Ort aufgestellt werden kann, da in großer Höhe fast überall gute Windbedingungen herrschen. Zudem soll der Drachen auch deutlich leiser sein als eine herkömmliche Windkraftanlage. Allerdings ist die Energieausbeute noch gering. Das erste fliegende Kraftwerk aus Berlin soll es auf eine Leistung von 100 Kilowatt bringen, später soll eine Ein-Mega-Watt-Anlage folgen, sagt Bormann.

Das Einsatzgebiet sieht der gelernte Flugzeugmechaniker und promovierte Luft-und Raumfahrtechniker in der dezentralen Energieversorgung. So könnten die Drachen beispielsweise Ladestationen für Elektrofahrzeuge netzunabhängig mit Strom versorgen. Einen weltweiten Bedraf sieht Bormann zudem im klimaneutralen Ersatz von Diesel-Generatoren. Nach seinen Angaben würden etwa drei Prozent des benötigten Stroms mit Dieselöl erzeugt. Nun hofft Bormann vor allem auf weiteres Kapital. Sechs Millionen Euro sein noch nötig.