Italienische Wissenschaftler haben erstmals große Teile des Erbguts eines Menschen sequenziert, der vor fast 2000 Jahren in Pompeji beim Ausbruch des Vesuv umgekommen ist. Dabei fanden sie heraus, dass der Mann womöglich aus Sardinien stammte und seine Vorfahren über das Gebiet des heutigen Iran und über Anatolien nach Europa gelangt sind. Außerdem litt er sehr wahrscheinlich an Tuberkulose der Wirbelsäule, wie die Gruppe um Gabriele Scorrano von der Universität Tor Vergata in Rom im Fachjournal Scientific Reports schreibt.

Im Jahr 79 kam es zu mehreren gewaltigen Ausbrüchen des südöstlich von Neapel gelegenen Vulkans Vesuv. In deren Verlauf wurden die römischen Städte Herculaneum, Stabiae, Oplontis und Pompeji von Asche und anderen vulkanischen Materialien bedeckt. In Pompeji starben etwa 2000 Menschen, die noch nicht aus der Stadt geflohen waren, durch einen mehrere 100 Grad Celsius heißen pyroklastischen Strom – ein Gemisch aus heißer Asche, Gasen und Gesteinsstücken.

Normalerweise zerstört große Hitze Knochenstrukturen und damit auch den Erbgutträger DNA. „Andererseits ist es auch möglich, dass die pyroklastischen Materialien, die die Überreste bedeckten, sie vor Umweltfaktoren wie Luftsauerstoff, der die DNA abbaut, abgeschirmt haben könnten“, schreiben die Forscher.

Merkmale von Bewohnern der Insel Sardinien

Im Felsenbein eines Toten – genannt Individuum A – fanden Scorrano und Kollegen gut erhaltene DNA. Das Felsenbein ist ein Teil des Schädels und einer der härtesten Knochen im menschlichen Körper. Die DNA reichte aus, um 41 Prozent des Genoms des 35 bis 40 Jahre alten Mannes zu rekonstruieren. Sowohl das über die mütterliche Linie vererbte Genom der Mitochondrien, der Zellkraftwerke, als auch das väterlicherseits vererbte Y-Chromosom wiesen manche Merkmale auf, die typischerweise bei Bewohnern der Insel Sardinien zu finden sind.

Das Genom weise „starke Affinitäten zu der umliegenden mittelitalienischen Bevölkerung aus der römischen Kaiserzeit“ auf, schreiben die Forscher. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass trotz der weitreichenden Verbindung zwischen Rom und anderen mediterranen Populationen zu dieser Zeit auf der italienischen Halbinsel ein bemerkenswertes Maß an genetischer Homogenität existierte.“

Tuberkulose an der Wirbelsäule

Vergleiche mit Daten in Gen-Datenbanken ergaben, dass der Mann zu 30,5 Prozent Gene aus der iranischen Jungsteinzeit und zu 51,6 Prozent Gene aus der anatolischen Jungsteinzeit in sich trug. Außerdem stammten 4,4 Prozent von westlichen Jägern und Sammlern und 13,5 Prozent von der Jamnaja-Kultur, die sich in der Bronzezeit aus der Region nördlich des Schwarzen Meeres bis weit nach Europa verbreitete.

An zwei Lendenwirbeln des Pompejaners entdeckten die Wissenschaftler Veränderungen, die auf eine Tuberkulose der Wirbelsäule hindeuteten. Und sie erhärteten ihren Verdacht durch den Erbgut-Nachweis eines Erregers der Gattung Mycobacterium. Die Forscher untersuchten auch eine etwa 50 Jahre alte Frau, die neben dem Mann gefunden worden war. Bei ihr war der Ertrag an genetischem Material jedoch für weitere Analysen zu gering. (dpa/fwt)