Sie krächzt, sie flüstert, sie zittert oder säuselt. Die Stimme klingt durch ein komplexes Organ – den Kehlkopf mit seinen Muskeln und Knorpeln.  Sie verrät Geschlecht, Alter und Gefühle. Und sie erzählt sogar von der Welt, in der wir leben.  Darüber tauschen sich am Wochenende mehr als 500 Wissenschaftler, Ärzte, Psychologen und Logopäden in Leipzig aus. Michael Fuchs, Professor für Phoniatrie und Pädaudiologie an der Universität Leipzig ist Leiter des Symposiums zur Stimme.

Herr Professor Fuchs, Sie haben gerade eine große Studie zur Stimme abgeschlossen. Was ist dabei herausgekommen?

Deutsche Frauen sprechen heute deutlich tiefer als vor 20 Jahren. Das hat eine Messung bei 2 472 Leipziger Bürgern ergeben.   Männer sprechen normalerweise durchschnittlich auf einer Frequenz von 110 Hertz, bei  Frauen sind es heute 168 Hertz, früher 220. Damit liegt die Frauenstimme jetzt nur noch eine Quinte über der Männerstimme – früher war es eine ganze Oktave.

Wie kommt das? Liegt es vielleicht daran, dass Frauen mehr rauchen?

Das haben wir uns auch gefragt. Deshalb haben wir uns einmal ausschließlich die Gruppe der Nichtraucherinnen  angesehen, dort aber denselben Effekt gefunden.

Und die Männerstimme hat sich nicht verändert?

Nein, sie ist seit Jahren konstant geblieben. Das zeigt, dass biologische Faktoren bei der tieferen Frauenstimme keine Rolle spielen können. Die Deutschen werden zum Beispiel heute größer als vor 100 Jahren und sie ernähren sich besser. Das hätte auch Einfluss auf die Stimme haben können. So war es aber nicht, denn dann hätte sich die Stimme bei beiden Geschlechtern verändern müssen.  Wir haben die Frauen auch hormonell untersucht, um zu sehen, ob be ihnen mehr männliches Geschlechtshormon im Blut ist als früher, aber es gab keine  Abweichungen von den Normwerten. Daran kann es also auch nicht liegen. Es scheint also in der Tat mit dem veränderten Rollenbild der Frau zu tun zu haben.

Die Emanzipation hat die Stimme aller Frauen tiefer gelegt?

Ja, der Zeitgeist hat sich in der Stimme niedergeschlagen. Früher waren hohe Frauenstimmen schick – denken Sie etwa an Doris Day. Es gab viele piepsige, mädchenhafte, süße Stimmen, die nach Schutzbedürfnis klangen. Die heutige Frau steht voll im Leben. Sie muss nicht mehr beschützt werden. Deshalb klingt sie auch anders.

Verstellen die Frauen ihre Stimme denn bewusst oder sprechen sie tiefer, ohne das willentlich zu steuern?

Das lässt sich aus unserer Studie natürlich nicht direkt ableiten. Ich denke aber, beides trifft zu. Einerseits gibt es eine Gruppe von Frauen, die bewusst tiefer spricht, um sich im Beruf besser durchsetzen zu können. Moderatorinnen im Fernsehen, Frauen in Führungspositionen oder Politikerinnen sprechen schon länger signifikant tiefer. Margaret Thatcher hat sich in den 80er-Jahren beispielsweise als eine der ersten Frauen von Stimmtrainern zeigen lassen, wie man die eigene Stimme dauerhaft vertiefen kann. Kein Wunder, denn sie musste sich in einer von Männer dominierten Welt durchsetzen.

Aber an Ihrer Studie haben ja sicherlich nicht nur TV-Moderatorinnen, Politikerinnen oder Frauen aus Chefetagen teilgenommen.

Richtig. Wir haben nicht die Stimmen der Bundeskanzlerin oder die von Anne Will gemessen, sondern die von normalen Leipziger Bürgern. Es waren auch Rentnerinnen dabei, die sich im Beruf nicht mehr durchsetzen müssen. Das heißt, die normalen Frauen müssen die tiefere Stimme auch unbewusst übernommen haben – von ihren Müttern oder gleichaltrigen Frauen.

Geht es  darum, ähnlich wie Männer zu klingen – oder ist eine tiefere Stimme von Natur aus vorteilhafter?

Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einer tiefen Stimme vertrauenswürdiger wirken, während Personen mit hohen Stimmen eher als nicht so belastungsfähig eingeschätzt werden. Das ist aber nicht überall so, sondern eine Frage der Kultur. Im weltweiten Vergleich liegt die Stimme deutscher Frauen relativ tief. In Japan ist zum Beispiel eher die hohe weibliche Stimme ein Ideal.

Mütter erhöhen meistens ihre Stimmlage, wenn sie mit ihren kleinen Kindern reden.

Ja, auch Väter machen das, um sich der Sprache des Kindes anzupassen. Das hat viele positive Effekte auf die Kommunikation mit dem Kleinkind. Aber man hat zudem herausgefunden, dass Kinder die geschlechtsspezifischen Anteile in der Sprache vor allem dann erkennen, wenn ihre Eltern sich untereinander unterhalten, also ihre normale Stimme benutzen.

Sie beschäftigen sich auch mit Stimmstörungen bei Kindern. Welche sind das zum Beispiel?

Eine sehr häufige Erkrankung bei kleinen Kindern sind Knötchen auf den Stimmlippen, die sich in einer heiseren Stimme bemerkbar machen. Sie entstehen durch eine permanente Überlastung der Stimme.

Wie kommt es dazu?

Meistens handelt es sich um Kinder, die sehr laut und sehr viel schreien müssen, um sich bei ihren Eltern Gehör zu verschaffen.  Es betrifft auch Kinder, die aus Familien stammen, in denen nur im Kommandoton gesprochen wird. Die Kinder ahmen diesen Tonfall nach. Sie kennen es nicht anders.  In Familien mit mehreren Kindern sind häufig die Jüngsten betroffen, weil sie ständig laut sein müssen, um sich gegen die Älteren durchzusetzen.

Wie kann man den Kindern helfen?

Viele dieser Kinder erhalten Stimmübungsbehandlungen. Die sind ab einem Alter von etwa fünf Jahren sinnvoll, weil Kinder vorher den Inhalt vieler Übungen gar nicht richtig umsetzen können. Oft  bringt es  aber nichts, ausschließlich die Stimme des Kindes zu behandeln. Man muss mit den Eltern an der Kommunikation in der Familie arbeiten. Auch Singen in der Familie ist zum Beispiel sehr wichtig.

Singen Eltern zu wenig mit ihren Kindern?

Ja, nicht nur zu Hause  oder auf Fahrten in den Urlaub im Auto wird immer weniger gesungen.  Auch Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen tun das immer seltener. Singen steht darüber hinaus zu selten in den Lehrplänen. Und in der Schule wird als erstes der Musikunterricht gestrichen, wenn es an Personal fehlt.

Warum ist Singen so wichtig?

Die Gehirnregionen, die für das Singen und Sprechen verantwortlich sind, liegen unmittelbar nebeneinander. Sie beeinflussen sich gegenseitig. Durch Singen lernen Kinder auch ihre  Muttersprache besser. Singen kann soziale Kompetenzen stärken, hat positive Effekte auf das Immunsystem und gehört schlichtweg zu den grundlegenden Möglichkeiten, uns als Menschen emotional zu äußern.

Viele Kindern singen gerne eine Art Karaoke an der Playstation. Was halten sie davon?

Man muss sich ja erst einmal grundsätzlich über jeden freuen, der singt. Das ist besser als gar nichts. Aber an der Playstation bekommen Kinder eben kein Feedback von einer echten Bezugsperson. Da werden außerdem oft Songs nachgeahmt, deren Stimmlage gar nicht für Kinder geeignet ist. 

Das Gespräch führte Alice Ahlers.