Wer wissen will, wie Deutschlands Zukunft aussieht, sollte eine Geburtsklinik besuchen. Im Virchow-Klinikum der Berliner Charité kommen sie zusammen, die Schwangeren und jungen Mütter aus allen Teilen der Stadt, sie sitzen auf den Parkbänken an der ruhigen Mittelallee oder gehen schwer atmend über Treppen und Flure der lichten, modernen Klinik. Einen dicken Bauch haben naturgemäß die meisten, aber viele sind auch sonst sehr rundlich.

„Leider essen Schwangere oft für zwei“, sagt Andreas Plagemann. Der Professor für experimentelle Geburtsmedizin sitzt in seinem stillen Gelehrtenzimmer im obersten Stockwerk der Geburtsklinik. Hier, zwischen Büchern und Papierstapeln, kann er ruhig arbeiten. Doch dazu kommt der 49-Jährige nur noch selten.

Häufig ist er unterwegs, um auf Fachkongressen vor Politikern und Vertretern der Lebensmittelindustrie Vorträge zu halten. Eine Botschaft ist ihm dabei besonders wichtig: Kinder, die schon im Mutterleib oder in den ersten Lebensmonaten zu üppig ernährt werden, kommen von dieser Prägung ihr Leben lang nicht mehr los. Ihr Appetit wird fast unausweichlich groß sein, das Sättigungsgefühl jedoch gering.

Plagemanns Theorie gründet nicht nur auf Beobachtungen, sie lässt sich auch molekularbiologisch nachweisen. Das Überangebot an Nährstoffen in der frühen Entwicklung des Kindes führt zu winzigen Veränderungen an den Genen des Ungeborenen, im Fachjargon epigenetische Genregulation genannt. Diese kann den Stoffwechsel dauerhaft auf den Modus Schlaraffenland einstellen, was in vielen Fällen heißt: auf ein Leben mit Übergewicht.

Jeder Zweite ist zu dick

Die Macht der epigenetischen Programmierung ist noch nicht lange bekannt. Vor ein paar Jahren glaubte man noch, alles mit den Genen erklären zu können. Eine naive Idee, wie sich herausstellen sollte. Denn Gene entwickeln sich über Jahrtausende, sie verändern den Menschen nicht so schnell wie es derzeit beim Übergewicht geschieht. In den reichen Ländern schleppt schon heute jeder Zweite zu viel Gewicht mit sich herum. Und in einigen Jahren, so sagen Experten voraus, könnte die halbe Menschheit zu dick sein.

Starkes Übergewicht ist nicht nur unschön. Es bildet den Nährboden für schwere Krankheiten, die viel Leid und hohe Behandlungskosten verursachen. Dazu gehören einige Krebsarten, Herzleiden, Schlaganfälle – und vor allem Diabetes. Unbehandelt kann diese Stoffwechselkrankheit zu Nierenversagen, Blindheit und schweren Durchblutungsstörungen führen. In ihrer häufigsten Form, dem meist im Erwachsenenalter ausbrechenden Typ-2-Diabetes, grassiert sie überall dort, wo der westliche Lebensstil sich durchgesetzt hat.

Weltweit sind bereits 370 Millionen Menschen betroffen, im Jahr 2030 könnte die Zahl auf 550 Millionen steigen. Experten sprechen von einem Diabetes-Tsunami.
Hilflos ausgeliefert ist die Menschheit dieser Riesenwelle jedoch nicht. Denn von allen Krankheiten wird Typ-2-Diabetes am stärksten von der Ernährung beeinflusst. Die Krankheit entsteht durch ein Zuviel an Kalorien und ihre Symptome bilden sich zurück, sobald weniger gegessen wird.

Auch viele andere Erkrankungenhaben mit falscher Ernährung zu tun. Richtiges Essen, so die logische Folgerung, sollte das Risiko senken. Aber was ist beim Essen richtig?

Der neue Trend heißt personalisierte Ernährung, manche sprechen auch von Nutrigenomik. Denn immer deutlicher zeigt sich, wie unterschiedlich der menschliche Stoffwechsel auf Nahrung reagiert. Lebensmittel, die für den einen gut sind, können einem anderen vielleicht sogar schaden. Das hat mit Genetik und Epigenetik zu tun, so viel ist klar, aber wie die Mechanismen im Detail funktionieren, beginnen die Forscher gerade erst zu verstehen.

Bis zum Jahr 2030, davon sind führende Vertreter der neuen Forschungsrichtung überzeugt, wird man Licht in das Dunkel gebracht haben. Dann, so ihre Prognose, lassen sich Risikogruppen, die eine erhöhte Anfälligkeit für Diabetes, Herzinfarkt und andere Leiden haben, identifizieren. Ihnen kann dann eine zum Gefährdungsprofil passende Ernährung empfohlen werden. Oder, wenn sie bereits krank sind, eine halbwegs maßgeschneiderte Therapiekost.

Auf diesen Zukunftsmarkt wirft sich nun ausgerechnet das Schweizer Unternehmen Nestlé, eine Firma, bei der man eher an Schokoriegel, Eiscreme und andere Dickmacher denkt. Der weltgrößte Lebensmittelkonzern will in den nächsten Jahren Hunderte von Millionen Franken in die Entwicklung einer personalisierten Gesundheitsernährung stecken. Man wolle effiziente und bezahlbare Wege finden, um Krankheiten vorzubeugen, heißt es in der Zentrale in Vevey am Genfer See. Das klingt nach Pharma-Marketing und tatsächlich bahnt sich hier eine in dieser Dimension bisher unbekannte Fusion von Medizin und Ernährung an.

Nestlé-Forschungsmacht

Der großen Aufgabe tritt Nestlé mit seiner Forschungsmacht entgegen. Deren Fäden laufen zusammen in Vers-chez-les-Blanc, einem idyllisch in den Bergen bei Lausanne gelegenen Ort. Von dort oben geht der Blick über den Genfer See in die französischen Alpen. In dem weitläufigen Forschungszentrum aus den Achtzigerjahren arbeiten 700 Menschen. Es ist eine auffallend schlanke und junge Belegschaft, die mittags in die Kantine strömt.

Viele von ihnen sind Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachgebieten. Manche suchen nach natürlichen Farbstoffen für Lebensmittel, andere experimentieren mit neuartigen Verfahren zur Haltbarmachung, analysieren Verbraucherwünsche oder berechnen Ökobilanzen. In einer Halle mit großen Metallgeräten stellen Laboranten in weißen Kitteln Miniportionen von neu erdachten Kompositionen her. Es gibt sogar eine Bettenstation, um den Stoffwechsel von Probanden zu untersuchen.

Das Forschungszentrum koordiniert die weltweiten wissenschaftlichen Aktivitäten des Konzerns. Besonders viel verspricht man sich vom Institute of Health Sciences, das derzeit unten im Tal entsteht, auf dem Campus der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. Hier sollen die Grundlagen für die personalisierte Gesundheitsernährung geschaffen werden. Konzentrieren will man sich dabei auf wenige Bereiche, wie Nestlé-Generaldirektor Werner Bauer sagt: Diabetes und starkes Übergewicht, Hirnleistungsstörungen bis hin zu Alzheimer und spezielle Altersbeschwerden, die eine besondere Ernährung erfordern.