Frau Schürmann, könnte der Mensch ganz ohne Zucker leben?

Selbstverständlich, in der Steinzeit ging das ja auch. Der Körper ist in der Lage, aus Proteinen Zucker herzustellen. Das ist wichtig, denn ein bestimmter Glukosepegel muss im Blut vorhanden sein. Denn das Gehirn braucht Zucker für seinen Stoffwechsel. Für den richtigen Glukosepegel im Blut sorgt die Leber, die Glukose in das Blut abgibt.

Ab wann macht Zucker den Menschen krank?

Schon ab einer Woche, wenn man sich dauerhaft sehr fett- und zuckerreich ernährt. Denn das hormonelle System des Körpers wird dadurch sehr beansprucht. Das Hormon Insulin sorgt dafür, dass die Glukose aus dem Blut in die Zellen gelangt, vor allem in die Leber, wo es gespeichert und umgewandelt wird. Das hormonelle System ermüdet, wenn es ständig arbeitet. Es braucht Ruhephasen.

Welche Folgen kann diese Ernährungsweise haben?

Über Jahre hinweg kann das zu Diabetes führen. Etwa 60 bis 80 Prozent der Menschen, die sehr fett- und zuckerreich essen, werden zunächst adipös und später immun gegen Insulin.

„Hoher Glukosewert fördert die Vermehrung von Krebszellen.“

Diabetes ist aber nicht die einzige negative Folge.

Das stimmt. Übergewicht erhöht das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen. Denn die Leber speichert nicht nur Glukose, sondern auch Fett. Wenn die Insulinregulierung gestört ist, setzt die Leber Fette frei, die nicht abgegeben werden sollten. Das erhöht den Blutdruck, was zu einer Belastung der Gefäße und des Herzens führt. Außerdem fördert ein hoher Glukosewert im Blut die Vermehrung von Krebszellen, da sie vor allem Zucker für ihren Stoffwechsel brauchen. Erwiesen ist ebenfalls, dass Diabetiker früher an Demenz und Alzheimer erkranken. Die Forschung geht davon aus, dass Glukose einen toxischen Effekt auf Nervenzellen hat. Den genauen molekularen Ablauf kennen wir aber noch nicht.

Wie kann man zu viel Zucker bei der Ernährung vermeiden?

Indem man zum Beispiel selbst kocht. Da weiß der Verbraucher, was in seiner Nahrung ist. Das ist bei Fertigprodukten aus der Tiefkühltruhe nicht immer der Fall. Da sind zwar Angaben über Zucker vermerkt, aber das bei jedem Produkt durchzulesen, ist zeitraubend.

Selbst zu kochen ist aus Zeitgründen manchmal auch schwierig.

Aber es gibt doch viele Gerichte, die man mit frischen Zutaten in 15 Minuten kochen kann. Und sich eine Pizza im Ofen warm zu machen, dauert genau so lang. Außerdem kann man seinen Zuckerkonsum gerade bei Getränken reduzieren. Wasser, Kaffee, Tee und Milch sind völlig in Ordnung. Fruchtsäfte haben zum Teil einen sehr hohen Zuckergehalt, ähnlich wie Limonade.

„Ich rate zu Zartbitterschokolade.“

Und wie sieht es mit dem Genuss von Süßigkeiten aus?

Wer gern nascht, dem rate ich zu Zartbitterschokolade – aber keine ganze Tafel, sondern nur einen Riegel. Nachweislich hat diese Schokolade auch einen positiven Effekt: sie senkt den Blutdruck. Außerdem sollten die Süßigkeitenliebhaber aktiv sein, um die Energie zu verbrennen. Zum Beispiel eine Stunde spazieren gehen oder schwimmen, also etwas, das Spaß macht.

Ist Honig eine gesunde Alternative zu Zucker?

Nein. Gekaufter Zucker besteht aus Saccharose, also Fruktose und Glucose, genauso wie Honig.

Welche Empfehlung würden Sie betroffenen Menschen geben?

Menschen mit Übergewicht würde ich raten, weniger Mahlzeiten zu sich zu nehmen, um wieder Hunger zu entwickeln. Nach vier Stunden kommt auch der Stoffwechsel dahin, die Reserven des Körpers zu nutzen. Außerdem sollten sie auf süße Getränke verzichten, nur wenige Süßigkeiten essen und auf Zwischenmahlzeiten verzichten. Denn ein Erwachsener schafft es, mit Frühstück, Mittagessen und Abendessen auszukommen. Diabetiker sollten in Rücksprache mit ihrem Arzt auch sehr vorsichtig mit fettiger und zuckerreicher Nahrung umgehen.

Das Gespräch führte Juliane Meißner.