Die Olivenhaine Apuliens, berühmt wegen ihrer jahrhundertealten knorrigen Bäume, sind derzeit heiß umkämpft. Zornige Bauern, Bürger und Umweltschützer saßen kürzlich in den Ästen und riefe:n „Mörder, Bastarde!“. Sie versuchten die Forstpolizei zu stoppen, die mit Kettensägen und Baggern anrückte. Unter dem Slogan „Retten wir die Olivenbäume“ wird auch auf Facebook und Co. mobilisiert. Denn es sollen bis zu eine Million Ölbäume in Apulien gefällt und vernichtet werden. Damit will man das übrige Italien und ganz Europa vor einem eingeschleppten Bakterium schützen, das Pflanzenwelt und Landwirtschaft bedrohen könnte.

Die Gefahr heißt Xylella fastidiosa, Feuerbakterium. Der Krankheitserreger, von Insekten übertragen, lässt Pflanzen austrocknen und absterben. Ein Gegenmittel gibt es nicht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa erklärte Xylella im Januar zu einem großen Risiko für das gesamte EU-Territorium. Neben Oliven könnten Weinstöcke, Zitrus-, Pfirsich- und Pflaumenbäume, Eichen, Platanen und Zierpflanzen zerstört werden, heißt es im Efsa-Bericht. Der wirtschaftliche Schaden wäre riesig.

Xylella fastidiosa ist in Europa früher nie in Erscheinung getreten – bis das Bakterium erstmals im Herbst 2013 in der Provinz Lecce entdeckt wurde, im Salento, dem Stiefelabsatz Italiens. In Kalifornien hatte es schon Mitte der 90er-Jahre Rebstöcke zerstört. In Brasilien waren Zitrus-Plantagen befallen. Im Salento traf es vor zwei Jahren erstmals Olivenbäume. Es ist eine Region, in der Tausende Familien vom Olivenanbau leben. Die Bauern mussten zusehen, wie die Blätter vergilbten, Zweige und Stämme vertrockneten. 8 000 Quadratmeter Olivenhaine wurden zerstört. Das Agrarministerium richtete einen Krisenstab ein, und die EU begann, sich mit dem Problem zu befassen.

Bald fliegen die Zikaden

Doch Xylella hat sich seither rasant verbreitet. Schon jeder zehnte der elf Millionen Olivenbäume in Apulien ist den Behörden zufolge erkrankt. 40 000 Hektar sollen befallen sein. Weitere 280 000 Hektar könnten angesteckt werden, wenn Mitte Mai der Flug der Zikaden-Art Philaenus spumarius (Wiesenschaum-Zikade) beginnt, so die Warnungen. Das Insekt gilt als Hauptüberträger.

Wie das Bakterium nach Süditalien kam, ist unklar. Einige Forscher vermuten, dass es mit importiertem Oleander aus Costa Rica eingeschleppt wurde. Länder wie Frankreich, Spanien und Griechenland fürchten um die eigenen Olivenbäume und drängen auf schnelle Maßnahmen. Frankreich hat den Import von Agrarprodukten aus Apulien gestoppt. Inzwischen blockieren sogar Marokko und Algerien die Einfuhr pflanzlicher Produkte aus Italien.

Apuliens Regionalregierung will erkrankte Bäume vernichten und im Norden des Salento eine mehrere Kilometer breite Puffer- oder Quarantänezone anlegen lassen, in der auch gesunde Olivenbäume weichen müssen. Die Bauern sind aufgerufen, Gräser und welkes Laub in den Hainen zu entfernen, weil darin die Zikadenlarven stecken. Auch soll massiv Insektenvernichtungsmittel versprüht werden.

Radikale Lösungen seien der einzige Weg, um Xylella zu stoppen, argumentiert der zuständige Sonderkommissar. Apuliens Regionalpräsident Nichi Vendola sagt: „Für jeden nicht entfernten kranken Olivenbaum von heute müssen morgen hundert gefällt werden.“

Aber die Bevölkerung leistet Widerstand. Als vor zwei Wochen die ersten Bäume in Oria nahe Brindisi den Kettensägen zum Opfer fielen, versuchten mehrere Dutzend Menschen das noch zu stoppen. „Xylella: Betrug!“ stand auf den Transparenten der Demonstranten. Sie glauben nämlich nicht, dass das Bakterium der Übeltäter ist. Warum die Olivenbäume vertrocknen, sei noch gar nicht eindeutig geklärt, sagt auch Vincenzo Vizioli, Präsident des Biobauern-Verbands Aiab. Viele seien vorher bereits von einem Pilz befallen und mit Fungiziden behandelt worden. Auch seien sie wegen der ausgelaugten und vielerorts durch massiven Pestizid-Einsatz belasteten Böden geschwächt. 20 000 Menschen haben in einer Unterschriften-Aktion gefordert, die Abholzung auszusetzen, bis wissenschaftliche Beweise vorliegen.

Pufferzone beschlossen

US-Forscher um Alexander Purcel von der University of California in Berkeley halten das Bakterium bereits jetzt für den Hauptübeltäter. „Mehrere Forschergruppen haben X. fastidiosa unabhängig voneinander nachgewiesen in der Region. Zudem ist es durchweg nur in neu erkrankten Bäumen zu finden und nicht in gesunden“, argumentieren sie. Ein endgültiger wissenschaftlicher Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang stehe allerdings noch aus. Dazu sei eine Serie von Experimenten erforderlich, an der italienische Kollegen bereits arbeiteten.

Die Protestfraktion hatte zwischenzeitlich Hoffnung geschöpft. Nach einer Klage entschied ein italienisches Gericht, die Abholzungen müssten bis zum 6. Mai ausgesetzt werden. Doch zu Wochenbeginn tagte in Brüssel der EU-Ausschuss für Pflanzensicherheit. Das Gremium bestätigte den Kahlschlag: Im Norden Apuliens, in der Provinz Lecce, muss im Umkreis von 100 Metern rund um Infektionsherde sämtliche Vegetation entfernt werden. Wegen eines kranken Baums müssen also 300 gesunde sterben, und neue dürfen nicht gepflanzt werden. Viele Olivenbauern stünden dann vor dem Aus, heißt es beim Bauernverband. Es wird gewiss bald neuen Aufruhr in den Olivenhainen geben.