Berlin - Mit Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) und Blogger Sascha Lobo über Diversität und soziale Medien diskutieren war bisher nur in TV-Talkrunden wie „Anne Will“, „Hart aber Fair“ und Co. für ausgewählte Gäste möglich. In der neuen sozialen Audio-Plattform Clubhouse hat nun jeder Nutzer die Chance, seine eigene virtuelle Podiumsdiskussion zu eröffnen – einmal selbst Anne Will spielen, vielleicht sogar mit einem namhaften Gast?

Diskussionen rund um die Uhr

Nach drei Tagen Clubhouse würde ich die neue App aus den USA als eine Mischung aus Stammtisch, Telefonkonferenz und einem Live-Podcast beschreiben. Menschen können in Gesprächsräumen rund um die Uhr live miteinander diskutieren. Man kann entweder selbst Diskussionsrunden eröffnen und Moderator sein. Oder man tritt in andere Räume ein, lauscht den Gesprächen und kann mit einem virtuellen Handzeichen darauf hoffen, selbst auf die Podiumsbühne zu treten.

Foto: Elena Matera
Ob für die Öffentlichkeit, für die Follower oder ganz privat - jeder Nutzer bei Clubhouse kann einen eigenen Raum eröffnen.

Der Hype um die App ist groß. Ob FDP-Chef Christian Lindner, Fernsehmoderator Joko Winterscheidt oder Klimaaktivistin Luisa Neubauer - sie alle nutzen Clubhouse, um über Politik, Marketing und ihre persönlichen Positionen zu sprechen. Auch mich hat die ganze Aufregung um die App zugegebenermaßen angesteckt. Der Haken: Man kann die Audio-App nicht einfach so nutzen - man muss eingeladen werden. Nach der Freischaltung kann man selbst wiederum nur zwei Kontakte einladen. Die Frage „Hat noch jemand eine Einladung?“ taucht in verschiedenen sozialen Netzen daher immer wieder auf. Sogar bei E-Bay werden mittlerweile Einladungen verkauft. 

Ich selbst habe die App heruntergeladen und mich auf eine sogenannte Warteliste gesetzt. Meine Kontakte, die bereits bei Clubhouse waren, wurden informiert, dass ich noch eine Einladung brauche. Nach nur einer halben Stunde hat mich ein befreundeter Journalist aus Bremen eingeladen. Doch hier ergibt sich ein Problem: Wenn man nicht gerade in der Medien-, Gründer-, Politik- und Techwelt unterwegs ist, fehlen einem möglicherweise die Kontaktpersonen, die einen einladen könnten. Daher nehmen zurzeit vor allem Menschen bei Clubhouse teil, die auch im privaten Bereich schon gut vernetzt sind. Das könnte sich mit der Öffnung der App in den kommenden Monaten allerdings ändern.

Die Exklusivität macht die App attraktiv

Derweil schwingt noch ein Hauch von Exklusivität durch den virtuellen Raum. Wer im Club ist, hat es geschafft, so scheint es. Sicherlich ist das auch einer der großen Auslöser für den Erfolg der App. Hier wirkt deutlich das Prinzip Fomo: Fear of Missing Out – die Angst, nicht dazuzugehören. Hinter der erzeugten Exklusivität steht aber vor allem die technische Umsetzbarkeit. Denn die App befindet sich noch in der Beta-Version, also in der Testphase, um eine Überlastung des Systems zu vermeiden. In Zukunft soll die App allen Interessierten offen stehen, versicherten die Gründer Paul Davison und Rohan Seth aus San Francisco. 

Derzeit können auch nur iPhone-Nutzer die App herunterladen - ein weiterer Faktor der Exklusivität. Und dann ist da noch die Sache mit dem Datenschutz: Man soll Clubhouse den Zugriff auf das eigene Adressbuch erlauben. Ohne diesen Zugriff lassen sich keine Freunde einladen. Eine Art Erpressung, die datenschutzrechtlich natürlich ziemlich heikel ist. Denn die Nummern der eigenen Kontakte werden an Clubhouse weitergegeben - und die Betroffenen können sich noch nicht einmal dagegen wehren.

Die App verfolgt damit das gleiche Prinzip wie WhatsApp. Ein weiterer großer datenschutzrechtlicher Kritikpunkt: Die Diskussionsrunden werden von der App aufgezeichnet. Auch die Kündigung des eigenen Kontos ist nicht ganz einfach. Das geht momentan nur per Mail an Clubhouse. Was Digital-Staatsministerin Dorothee Bär und die zahlreichen Prominenten wohl dazu sagen werden?

Foto: Elena Matera
Fotografin Anne Hufnagl spricht als Moderatorin mit SPD-Chefin Saskia Esken. Mehrere Teilnehmer haben sich auf die Sprecherliste gesetzt.

Selbstbeweihräucherung und Selbstvermarktung

In kurzer Zeit sind auch erste Formate entwickelt worden. So etwa: „Mittag im Regierungsviertel“. Am Dienstagmittag sprach dort SPD-Vize Kevin Kühnert mit der Journalistin Dunja Hayali und der SPD-Politikerin Lilly Blaudszun. Fast 2000 Zuhörer haben daran teilgenommen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hat das Format „Der Tag mit Lars Klingbeil“ ins Leben gerufen. Und Medien, wie etwa das Magazin t3n, nutzen Clubhouse für Diskussionsrunden, zu denen sie einladen. 

Mein Fazit nach drei Tagen Clubhouse: Mir schwirrt der Kopf. Rund um die Uhr laufen parallel Gespräche in virtuellen Räumen. Man will überall hineinschnuppern, und immer wieder tauchen neue, interessante Themen auf. Einige Räume sind eher auf Stammtischniveau, andere richtig informativ. Und wie in allen sozialen Medien schwingt auch bei Clubhouse stets ein Hauch von Selbstbeweihräucherung und Selbstvermarktung mit. So gibt es etwa Talkrunden mit Influencern, die nur über sich sprechen, oder welche mit Politikern, die ihre Positionen darstellen. Gerade vor der bevorstehenden Bundestagswahl im Herbst können sie bei Clubhouse ein ganz neues, jüngeres Publikum erreichen. 

Neben dem Datenschutz gibt es noch mehr an Clubhouse zu kritisieren. Denn es können hier weder Beiträge gemeldet noch Nutzer blockiert werden, Hassreden sind kaum stoppbar. Im amerikanischen Clubhouse kam es schon zu verschiedenen Vorfällen, bei denen rassistische und diskriminierende Reden geschwungen wurden - und keiner konnte etwas unternehmen. Gerade radikale Gruppen oder auch Verschwörungstheoretiker könnten diese Freiheit in Zukunft für ihre Ziele ausnutzen. Mit der Öffnung der App werden sicherlich viele weitere Räume eröffnet. Da stellen sich die Fragen: Wer soll da den Überblick behalten? Wer soll Hassreden blockieren oder rechte Gruppen ausschließen? 

Männerdominierende Gesprächsrunden

Ein weiterer Kritikpunkt: In vielen Diskussionsrunden moderieren und sprechen ausschließlich Männer, vor allem über Themen wie Gründungen, Start-ups oder Immobilien. Außerdem: Es diskutieren insbesondere Menschen, die eh schon auf Plattformen wie Twitter und Instagram bekannt sind. Die Journalistin Kim Torster fragte bei Twitter, wie ich finde, sehr treffend: „Also bei Clubhouse kommen jetzt die zu Wort, die auch sonst auf allen anderen Kanälen zu Wort kommen, sehe ich das richtig?“

Foto: Elena Matera
Im Raum „Immobilien-Talk Deutschland“ sprechen ausschließlich Männer. 

Doch es gibt auch schon Räume bei Clubhouse, in denen genau dieser Zustand kritisiert wird. So forderten die Sprecherinnen in der Gruppe „Kritik an Clubhouse“, dass sich die App öffnen müsse. Bisher schließe sie noch zu viele Gruppen aus. Insbesondere Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund sollte es nicht erschwert werden, ebenfalls auf der virtuellen Bühne zu stehen. Nicht nur bei Twitter und Clubhouse selbst wird die App in dieser Hinsicht kritisiert, auch in den sozialen Netzwerken LinkedIn und Instagram ertönen Vorwürfe der Diskriminierung. 

Doch da die App noch in der Betaphase ist, besteht die Hoffnung, dass diese Punkte noch verbessert werden. Denn das Potential von Clubhouse ist groß: Vor allem zum Netzwerken ist die App gut geeignet. Gerade zu Beginn hat man die Möglichkeit, in noch übersichtlichen Diskussionsrunden mit Politikern, Unternehmern und Medienschaffenden zu diskutieren. Mit der Eröffnung der Räume kann man zudem eigene Formate, Gruppen und Netzwerke entwickeln. Ich selbst habe mich mit weiteren Frauen in dem Raum „Junge Journalistinnen“ vernetzt - zum Kennenlernen und zum Austausch über unsere Erfahrungen als Frauen im Journalismus. Das erste Treffen war am Dienstagabend. Auch dort haben sich wieder Männer als erste Sprecher auf dem Podium präsentiert. 

Mittagessen mit Sophie Passmann

Neben diesen Räumen zum Netzwerken gibt es aber auch welche, die mehr auf Spaß ausgelegt sind. So hat die Autorin Sophie Passmann etwa den Raum „Ich esse gerade Nudeln“ erstellt, in dem man ihr virtuell Gesellschaft beim Mittagessen leisten kann. Es gibt auch Arbeitsgruppen, in denen einfach nur Musik läuft. Bis zu 500 Menschen nehmen täglich daran teil, können produktiv sein und nebenbei mit anderen Menschen Musik hören. Und in einem anderen Raum wird abends parallel zur Sendung „Dschungelcamp“ über eben diese diskutiert. Gerade im amerikanischen Clubhouse gibt es zahlreiche lustige Formate. In einem Raum werden nur Witze erzählt, in einem anderen Biere getrunken. 

Der Lockdown treibt sicherlich auch den Hype um die App an. Denn alle Menschen sehnen sich zurzeit nach Gesprächen, gemeinsamen Austausch. Manchmal landet man daher auch in kleineren Runden, die sich wie Gespräche bei einer Hausparty anfühlen. Mit einem „Hallo, ich bin ...“ stellt man sich vor, erzählt von sich, dem Beruf, wie man auf Clubhouse gelandet ist und dass man neugierig ist und ja sowieso erst einmal schaut, wie sich das alles entwickelt. 

Foto: Elena Matera
Weitere Räume: Nudeln essen mit Autorin Sophie Passmann und arbeiten zum „AllDayDreamingRadio“. 

Wenn man interessante Gesprächspartner gefunden hat, kann man auch einen neuen, privaten Raum eröffnen und dort nur die Kontakte einladen, mit denen man gerne sprechen möchte - ganz ohne fremde Zuhörer. Und falls man in einer langweiligen Diskussionsrunde feststeckt und heimlich gehen möchte, kann man sich über die Funktion „Leave quietly“ diskret aus dem Raum schleichen.