Berlin - Wenn es um den Ton in den sozialen Medien geht, ist oft von Hatespeech die Rede, von Hatern, Trollen oder doch zumindest von kommunikativen Schieflagen, die sich im Netz nur allzu rasch aufschaukeln. Schnell weht ein gewaltiger Shitstorm, nachdem Promis, Politiker oder Otto Normalnutzer eine mehr oder weniger bedachte Äußerung ins Netz geschrieben haben. 

Zuletzt traf der geballte Zorn der Netzgemeinde auf Twitter zum Beispiel die Milliardärin und Ich-Unternehmerin Kylie Jenner, die zu einer wohltätigen Spendenaktion aufrief, sich selbst aber recht knauserig gab. Oder Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, der im Angesicht zäher Corona-Lockdown-Verhandlungen und eines zunehmenden Maßnahmenfrustes einen ÄÄÄÄÄÄ...Witz machte, der dem Ernst der Lage irgendwie nicht gerecht wurde.

Doch bei all dem Hass und all den Misstönen, die da tagtäglich in Foren und Kommentare gekübelt werden, vergisst man manchmal die andere, die schöne Seite des digitalen Austauschs. Schließlich gibt es nicht nur ätzende Shit-, sondern auch zuckersüße Candystorms. Gerade in der Pandemie, in der Alltägliches zwangsläufig zum Ereignis werden muss, wenn man überhaupt noch etwas posten will, ist der Zuspruch in den sozialen Medien oft eine Wohltat – und in seiner psychologischen Wirkung nicht zu unterschätzen.

Wer ein Brot gebacken, ein handwerkliches Projekt bewerkstelligt oder ein niedlich dreinblickendes Haustier ansprechend inszeniert hat, der kann sich aus den Kontaktbeschränkungen des realen Lebens und der damit verbundenen mangelnden sozialen Anerkennung befreien und zumindest den Beifall der Netzgemeinde einheimsen. Besser virtueller Applaus als gar keiner! Manchmal tut es auch ein neu erworbenes Vogelhäuschen mit eingebauter Kamera. Fotos von Blaumeisen mit Sturmfrisur sorgten nicht nur bei einer Redakteurin der Vorarlberger Nachrichten für Verzückung, sondern auch bei mehr als 13.000 Twitter-Nutzern, die angesichts der liebreizenden Vogelaufnahmen den Like-Button drückten. 

Auch Unternehmen können auf das Gegenstück zum ätzenden Shitstorm hoffen. In Berlin werden regelmäßig die Social-Media-Beiträge der BVG geherzt, die mit Humor und Schlagfertigkeit selbst Misslichkeiten wie verspätete Bahnen oder unfreundliche Busfahrer in ein vorteilhafteres Licht zu rücken weiß. Dass Dr. Oetker sehr hohe Interaktionsraten in sozialen Netzwerken vorweisen kann, liegt auch an der geschickten Inszenierung von eigentlich profanen Tiefkühlprodukten. Mit Running Gags über Fischstäbchen- oder Schokoladen-Pizzen sorgt das Unternehmen immer wieder für Lacher und Zuspruch.

Freundliche Stürme können auch Politiker treffen – selbst in diesen Zeiten. Reiner Haseloffs „Ä“-Tweet etwa, auf den später Bodo Ramelow so unglücklich referenzierte, wurde zu einem der erfolgreichsten Postings des Christdemokraten. Solche Begeisterung ist Sachsen-Anhalts Ministerpräsident eigentlich nicht gewohnt, normalerweise erreichen seine Tweets zwei- bis dreistellige Interaktionszahlen. Ein versehentlich abgeschickter einzelner Buchstabe hingegen sammelte bislang mehr als 15.000 Likes ein.

Haseloffs Amtskollegin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern gelang ebenfalls eine kleine Social-Media-Nettigkeitsoffensive, als sie im Januar das Foto einer Familienpizza auf ihrem Twitter-Account veröffentlichte. „Jetzt der schönste Moment der Woche. Kinoabend mit der ganzen Familie auf dem heimischen Sofa. Heute nicht mit Ofenkäse, sondern Pizza. #StayAtHome & bleibt gesund/bleiben Sie gesund!“, hieß es da. Andere Nutzer teilten in den Kommentaren eigene Pizza-Bilder, bewunderten das Essen, fragten nach der Filmauswahl oder wünschten einfach guten Appetit. Auch wenn kritische Kommentare zur Tagespolitik, etwa zum Bau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2, nicht ausblieben, zeigte sich doch insgesamt ein freundlicher, wohlgesonnener Ton.

Positive Emotionen, gestärktes Selbstbewusstsein

Doch welche psychologischen Mechanismen stecken dahinter – bei denen, die posten und bei jenen, die antworten? „Komplimente zu machen, kann unser Selbstbewusstsein stärken. Wir empfinden uns als hilfsbereit, sozial und sympathisch“, sagt die Psychologin Katharina Stenger. Komplimente schafften ein Gefühl der Verbundenheit mit gleichgesinnten Menschen. „Erregt das Bild eines selbst gebackenen Kuchens unsere Aufmerksamkeit, liegt es vermutlich daran, dass wir selbst mit großer Leidenschaft backen oder an unseren Lieblingskuchen von Oma erinnert werden.“

Das wiederum führe dann auch bei den Gelobten zu positiven Emotionen: „Wenn wir Komplimente erhalten, werden bestimmte Belohnungsstoffe im Gehirn ausgeschüttet, die für gute Laune sorgen“, so Stenger. Es sorge auch für Stolz und mitunter sogar für Anfeuerung, neu erlernte Fähigkeiten noch zu verbessern.

Gerade in der Pandemie, wenn mangelnde Sozialkontakte zusätzlich aufs Gemüt schlagen, kann die gegenseitige Online-Bestätigung positive Gefühle schaffen, Gleichgesinnte miteinander vernetzen. „So lenken wir uns gemeinsam von den negativen Nachrichten ab, mit denen wir täglich konfrontiert sind“, so die Psychologin. Allerdings halte die positive Wirkung der Bestärkungen im Netz nur kurz an. 

Nachhaltiger sind da vielleicht virtuelle Gemeinschaften, die mehr als nur nette Worte füreinander bereithalten. Unter dem Hashtag #anxietymakesme etwa tauschen Userinnen und User sich zu ihren Angststörungen aus und versuchen, sich gegenseitig zu unterstützen. Hoffnung machen auch Trends wie der Hashtag #RespectMySize auf der Kurzvideo-Plattform TikTok, der mit dem Ansinnen, gegen Diskriminierung und Bodyshaming vorzugehen, bereits mehr als 23 Millionen Aufrufe generiert hat.

Erhöhte Aufmerksamkeit und eine Sensibilisierung für gesellschaftliche Probleme sind bestenfalls die Folgen. Für solche Versuche gibt es weitere Beispiele: In den letzten Wochen machten unter dem Hashtag #FacetheDepression etliche Internetnutzer auf ihre psychischen Krisen und den Umgang mit der Krankheit Depression aufmerksam. Viele lächeln auf den geposteten Bildern, schreiben aber Einblicke in ihr Innenleben dazu, die zeigen, dass sie sich zum Zeitpunkt der Aufnahme ganz anders gefühlt haben. „Ich lächle, während der Schmerz mich heute innerlich zerfrisst. ‚Schön, dass es dir gut geht‘, bekomme ich zu hören. ‚Wenn ihr wüsstet‘, denke ich, während ich weiter lächle“, schreibt eine Nutzerin. (mit dpa)