Micki Meuser erklärt, warum die geplante Reform wichtig für Kulturschaffende ist.

Mit Sonderzügen und Bussen kamen die Demonstranten damals in die Hauptstadt nach Bonn. Sie wollten die Stationierung von Mittelstrecken-Raketen in Deutschland verhindern, es ging um Abrüstung und den Nato-Doppelbeschluss. 500.000 waren sich einig, es wurde die größte Demonstration in der alten Bundesrepublik. Auf der Bühne im Bonner Hofgarten stand auch Micki Meuser. Er spielte Bass, als Ina Deter ihren Hit „Neue Männer braucht das Land“ sang.

Junge Komponisten haben Angst

Im Oktober 1983 war die Welt für die Kulturschaffenden ziemlich übersichtlich. Musiker und Politiker mobilisierten gemeinsam die Massen, in Bonn gehörten die inzwischen verstorbenen Willy Brandt (SPD) und Petra Kelly (Grüne) zu den Rednern. Und Großkonzerne waren sowieso verdächtig. Im März 2019 ist das alles nicht mehr so einfach, zumindest nicht, wenn es um ein so sperriges Thema wie das EU-Urheberrecht geht.

Immerhin haben sich 270 Kulturorganisationen europaweit zusammengeschlossen, am vergangenen Sonnabend kamen Kreativschaffende in der Akademie der Künste in Berlin zusammen, Vertreter aus den verschiedenen Kulturbereichen waren dabei. Neben Meuser, der nicht nur mit Ina Deter zusammengearbeitet hat, sondern auch für die Ärzte, Ideal und Silly tätig war, gab auch Uwe Fahrenkrog-Petersen Interviews, ihm ist Nenas „99 Luftballon“ zu verdanken. Der ehemalige Tatort-Kommissar Boris Aljinovic hatte sich auch auf den Weg gemacht.

Die Debatte um die Urheberrechtsreform hat die Kulturszene zusammengeschweißt, so der Eindruck, auch wenn die Größen der Branche eher leise geblieben sind. „Herbert Grönemeyer ist zurzeit auf Tournee, es wäre schon hilfreich gewesen, wenn er sich zum Urheberrecht geäußert hätte“, sagte ein Branchenvertreter. Aber auch bei den Demonstrationen waren am Sonnabend bekannte Musiker nicht dabei. Sie haben sich einfach rausgehalten.

Micki Meuser hatte junge Komponisten angesprochen, begabte Talente, die den Ton des jungen Berlins für weltweit erfolgreiche Netflix-Serien finden, doch der Umgangston, der vor allem bei Twitter herrscht, hat sie abgeschreckt. Mit Strickjacke und Jeans steht er vor einer Kamera und hat kein Problem mit öffentlichen Auftritten. Er ist auch Vorsitzender der Deutschen Filmkomponistenunion und gehört zum Vorstand der „Initiative Urheberrecht“ mit 140.000 Mitgliedern.

Ihm geht es vor der Abstimmung im EU-Parlament vor allem um zwei Dinge. Erstens: Rechtssicherheit. Meuser wünscht sich, dass Verwertungsgesellschaften mit YouTube eine vertragliche Regelung finden. YouTube würde das Urheberrecht anerkennen und zahlen, so wie es auch ein Streamingdienst wie Spotify tut. Die Verwertungsgesellschaften verteilen das Geld dann, indem sie sich an die übermittelten Daten der Plattformen halten. „Dann kann jeder hochladen, was er will“, sagt Meuser. Und ist damit bei Punkt zwei: „Wer in der Musikbranche tätig ist, will, dass seine Musik gehört wird.“ Auch, wenn es um Satire und Zitate geht. Er steht also für den freien Zugang, unter der Bedingung, dass Lizenzen vergeben worden sind. 

Kostenloses oder freies Internet?

Nach zwei Stunden sind die Fragen beantwortet, zumindest in dieser Runde. Eine Pressemitteilung der Piratenpartei, für die Julia Reda tätig ist, macht die Runde. Die Überschrift lautet: „Angriff auf das kostenlose Internet.“ Die Meldung wurde im Februar verbreitet, als sich EU-Institutionen auf die Richtlinie geeinigt hatten. Nach wenigen Minuten sei das Wort „kostenlos“ durch „frei“ ersetzt worden, heißt es. Jemand fragt: „Geht es vielleicht doch nur darum, nichts zahlen zu wollen?“

Meuser setzt sich in einen Sessel und macht Pause. Er hat in der Vergangenheit alle digitalen Angriffe auf die Musikbranche erlebt. Es ging mit Raubkopien von CDs los, dann folgten Musiktauschbörsen wie Napster, plötzlich wollte niemand mehr für Musik zahlen. Er hat daraus seine Schlüsse gezogen und will sich nicht abhängen lassen. Oft ist bei Demonstranten von alten Männern gesprochen worden, die die digitale Zukunft nicht verstehen. Meuser hat Systeme entwickelt wie die Audio-Workstation, mit der heute Musik aufgenommen, gemischt und digitalisiert wird.

Dann ist es Zeit zu gehen. Meuser verabschiedet sich von seinen Kollegen, gemeinsam mit seiner Frau verlässt er die Akademie. Was denn wird, wenn das EU-Parlament doch gegen die Urheberrechtsreform stimme, wird er noch gefragt. „Wir halten durch, bis Gerechtigkeit herrscht“, antwortet er.