Für Laien ist es verwunderlich, dass bisher offenbar nicht klar war, wo die Menschenaffen entstanden sind. Schließlich steht für den Menschen inzwischen fest, dass die Wurzeln unserer Gattung in Afrika liegen. Erstaunlicherweise gab es über den Ursprung der Menschenaffen unter Experten aber sehr geteilte Meinungen.

Das rührt vor allem daher, dass die evolutionär älteste Gruppe der heute noch lebenden Menschenaffen, die Gibbons und Orang-Utans, ausschließlich in Asien verbreitet sind. „Deshalb dachte man, dass sich auch ihre Entwicklungsgeschichte dort abgespielt hat“, sagt Fred Spoor vom University College London und vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Nun stellt er zusammen mit Isaiah Nengo vom Turkana Basin Institute der Stony Brook University im US-Bundesstaat New York und weiteren Forschern einen neuen Fossilfund vor, der die Asien-Hypothese verblassen lässt. Im Fachmagazin Nature berichten die Wissenschaftler über einen 13 Millionen Jahre alten Affenschädel, den sie in der Region Napudet am Turkana-See im Norden Kenias entdeckt haben. „Er ist bemerkenswert gut erhalten“, sagt Fred Spoor.

Alesi wurde nur 16 Monate alt

Der Affe gehörte einer bisher nicht beschriebenen Art an, die die Forscher Nyanzapithecus alesi nennen, kurz Alesi – abgeleitet vom Turkana-Wort Ales für Vorfahr. „Der Fund zeigt, wie der gemeinsame Vorfahr von Menschen und Menschenaffen ausgesehen haben könnte“, sagt Fred Spoor, der in dem Projekt vor allem an den anatomischen Untersuchungen beteiligt war.

Alesi war klein. Sein Schädel ist lediglich so groß wie eine Zitrone. Mithilfe einer besonderen 3D-Röntgenbildgebung gelang es den Forschern, Hirnhöhle, Innenohr und die noch nicht durchgebrochenen bleibenden Zähne mit ihren Wachstumslinien sichtbar zu machen. Aus den Wachstumslinien schließen sie, dass der kleine Affe erst 16 Monate alt war, als er vermutlich bei einem Vulkanausbruch ums Leben kam und von Asche bedeckt wurde.

Einen derart gut erhaltenen Schädel aus der Zeit vor 13 Millionen Jahren zu finden, ist eine Sensation für die Forscher. „Ich hätte nie gedacht, dass solch einen Fund zu meinen Lebzeiten gemacht wird“, schreibt zum Beispiel die Paläoanthropologin Brenda Benefit von der New Mexiko State University in Las Cruces, USA, in einem begleitenden Kommentar im Nature-Magazin. Denn gerade aus der evolutionär so interessanten Zeit vor 10 bis 15 Millionen Jahren gab es bisher nur sehr spärliche Funde. „Bisher standen uns aus dieser Periode lediglich viele einzelne Zähne und ein paar Kieferteile zur Verfügung “, sagt Spoor.

Ein Grund für den Mangel an Fossilien liegt im Lebensraum der Affen begründet. Es waren Waldtiere, sie lebten auf Bäumen – meist in tropischem Regenwald. Und solche feuchtwarmen Klimate sind keine guten Orte, um Knochen für die Ewigkeit zu konservieren. „Im Prinzip wissen wir über die Evolution der Affen heutzutage ähnlich wenig, wie wir über die Evolution des Menschen in der 1950er-Jahren wussten“, sagt Fred Spoor.

Funde aus dem geologischen Zeitalter Miozän, also aus der Zeit vor 23 bis 5 Millionen Jahren, sind so spannend, weil in dieser Phase die gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Menschenaffen lebten und sich allmählich abspalteten.

Zu den heute lebenden Menschenaffen gehören Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und Gibbons. Am nächsten ist der Mensch mit den Schimpansen verwandt. Seine Entwicklungslinien trennten sich von unseren vor sechs bis sieben Millionen Jahren in Afrika. Viele spektakuläre Fossilfunde haben gezeigt, wie sich die Menschen seitdem entwickelt haben.

Die Zeit davor liegt jedoch weitgehend im Dunkeln. „Im Miozän muss es Dutzende von Menschenaffenarten gegeben haben, wir kennen bisher aber nur eine Handvoll“, schreibt Brenda Benefit. Forscher gehen davon aus, dass sich die Linie der Gorillas vor rund 9 Millionen Jahren abspaltete, die Orang-Utans bereits vor etwa 16 Millionen Jahren, und die Gibbons könnten schon vor 20 Millionen Jahren eigene Wege gegangen sein.

„Man darf sich diese Abspaltungen jedoch nicht so vorstellen, dass die Vorläufer-Art, also der jeweils letzte gemeinsame Vorfahr, dann schlagartig aufhörte zu existieren“, erläutert Fred Spoor. Das erklärt, warum sich in Ostafrika nun ein Affe aus der Zeit vor 13 Millionen Jahren fand, der etwas von allen Menschenaffen und vom Menschen hat.

Voll entwickelte Gehörgänge

Alesi muss mit seiner besonders kleinen Schnauze zum Beispiel eher wie ein Gibbon-Baby ausgesehen haben. Allerdings war er kein Kletterkünstler wie heutige Gibbons. Das zeigte die Untersuchung des Gleichgewichtsorgans innerhalb des Innenohrs. „Gibbons sind für ihr schnelles und akrobatisches Verhalten in Bäumen bekannt“, sagt Fred Spoor, „aber das Innenohr von Alesi zeigt, dass er sich vorsichtiger fortbewegt haben muss.“ Seine vollständig entwickelten knöchernen Gehörgänge sind darüber hinaus ein wichtiges Merkmal, das ein Bindeglied zu heute lebenden Menschenaffen herstellt.

Fossilien von Primaten der Gattung Nyanzapithecus, zu der Alesi gehört, wurden auch schon früher gefunden, einige davon sind sogar älter als 13 Millionen Jahre. Bisher hatten Forscher von diesen Arten aber lediglich Zähne vorliegen, und es war offengeblieben, ob sie überhaupt Menschenaffen zuzuordnen sind. „Aufgrund der bisherigen Funde hätte es auch gut sein können, dass es sich um irgendeine andere primitive Art von Affen handelt“, sagt Spoor.

Mit Alesi rückt die Gattung nun stärker in den Mittelpunkt des Stammbaums von Menschen und Menschenaffen. Und sie zeigt, dass ihr Ursprung afrikanisch war.