Rappelvoll ist der Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Einige Besucher müssen sogar stehen. Gekommen sind sie alle nur wegen Onur Güntürkün. Der 56-Jährige ist Professor für Biopsychologie und einer der bekanntesten Vertreter seines Fachs. Der Beamer ist bereits startklar. Doch Güntürkün lässt auf sich warten. Zehn Minuten später fährt er mit seinem Rollstuhl zum Rednertisch und schließt schnell seinen Laptop an. „Ich muss mich erst noch an die Distanzen in Berlin gewöhnen“, sagt er. „Eine halbe Stunde Puffer für die Autofahrt einzuplanen, wie in Bochum, reicht hier nicht.“

Der Wissenschaftler untersucht das Denken bei Menschen und Tieren. Genauer gesagt, welche Prozesse im Gehirn ablaufen und wie das mit dem Verhalten verknüpft ist. Zu Beginn seines Vortrages stellt Güntürkün eine Frage: „Vollbringen Gehirne wegen ihrer Beschaffenheit eine große Denkleistung, oder wäre das Gleiche auch mit einer anderen Hirnstruktur möglich?“ Zur Antwort darauf führt der Wissenschaftler die Zuhörer Schritt für Schritt.

Güntürkün redet frei, benutzt nur die nötigsten Fachbegriffe. Er beantwortet Fragen, bevor die Zuhörer sie stellen können. Der Forscher will, dass sein Publikum ihn versteht. Deshalb haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ihn auch im vergangenen Jahr mit dem Communicator-Preis ausgezeichnet – für „vorbildliche Vermittlung seiner Forschung“.

Für den Biopsychologen Güntürkün scheint es selbstverständlich zu sein, Wissenschaft verständlich zu vermitteln. „Ich finde es einfach spannend, was ich mache, und rede gern darüber“, sagt der Bochumer Professor. Der Communicator-Preis ist eine von vielen Auszeichnungen, die dem 56-Jährigen bisher verliehen wurden. Dazu gehören auch die Ehrendoktorwürde der Istanbuler Universität und der Leibniz-Preis, der wichtigste Forschungsförderpreis in Deutschland.

Kinderlähmung mit vier Jahren

Güntürkün wurde 1958 im türkischen Izmir geboren. Im Alter von vier Jahren erkrankte er an Kinderlähmung und kam mit seiner Familie zur Behandlung nach Deutschland. Diese war nur teilweise erfolgreich. Güntürkün sitzt seitdem im Rollstuhl, kann aber seine Arme und seine Hände benutzen. In Baden-Baden ging er in die Schule, bevor seine Familie mit ihm nach Izmir zurückkehrte, wo er 1975 sein Abitur ablegte. Im gleichen Jahr erreichte er das Finale der türkischen Variante des Wettbewerbs „Jugend forscht“. „Damals wollte ich überprüfen, ob Fische Farben sehen können“, erinnert er sich – und winkt ab. Die Tiere reagierten anders, als er dachte. „Das Experiment habe ich mir zwar richtig überlegt. Aber wahrscheinlich habe ich nicht lange genug mit den Fischen trainiert.“

In seinem Vortrag an der Akademie erklärt der Biopsychologe erst einmal bekannte Grundlagen: dass das menschliche Denken durch das Zusammenwirken von Milliarden Nervenzellen in der Hirnrinde funktioniert. Wie die Zellen miteinander arbeiten, ist beim Menschen und anderen Säugetieren, etwa Katzen, ähnlich. Nur hat der Mensch wesentlich mehr Nervenzellen in seiner Hirnrinde als alle anderen Säugetiere. Deshalb ist er das klügste Lebewesen. Andere Tierarten mit kleinen Gehirnen, die zudem keine Hirnrinde haben, können das nicht leisten.