Laufen geht nicht, das Sehen funktioniert nur eingeschränkt, und ständig drohen die Auskühlung und der plötzliche Kindstod. Der Mensch ist nach seiner Geburt äußerst hilflos. Er müsste eigentlich viel länger im Mutterleib bleiben. Und zwar 16 Monate, um ungefähr die Fitness eines Affenbabys zu erreichen. Doch schon nach etwas mehr als der Hälfte dieser Zeit erblickt er bereits das Licht der Welt. Amerikanische Forscher haben nun herausgefunden, warum das so ist.

Bisher erklärten Wissenschaftler die Frühgeburten-Strategie des Homo sapiens damit, dass zwei evolutionäre Entwicklungen einen Kompromiss finden mussten. Die eine Entwicklung war die des Menschen zu einem Wesen mit aufrechtem Gang, was zu einer Engstellung seines Beckens führen musste. Die andere Entwicklung war die zu einem ausgeprägten Gehirn, das aber in einem halbwegs ausgereiften Zustand unmöglich durch das verengte Aufrechtgänger-Becken der Mutter passen würde. Also verkürzte sich die Schwangerschaft. Und zwar auf eine Dauer, die für das Baby und seinen Schädel am besten ist: So klein wie nötig, aber auch so weit entwickelt wie möglich.

Becken-These ist überholt

US-amerikanische Wissenschaftler an der University of Rhode Island stellten nun jedoch fest, dass diese These nicht mehr haltbar ist. Die Evolution habe vielmehr dafür gesorgt, dass das weibliche Becken sowohl für die Fortbewegung als auch für das Kinderkriegen geeignet blieb“, erklärt Studienleiterin und Anthropologin Holly Dunsworth. Weswegen Männer keinesfalls effizienter laufen als Frauen, obwohl ihr Becken viel schmaler ist.

Die eigentliche Ursache für das frühe Gebären des Kindes liegt vielmehr im Stoffwechsel der Frau, denn der hat nur eine begrenzte Kapazität. Im Laufe der Evolution hat der Stoffwechsel bestimmt, wie lange der Mensch im Mutterleib bleibt. Mit fortschreitender Schwangerschaft fällt es dem weiblichen Organismus immer schwerer, sich selbst und den Fötus mit ausreichend Energien zu versorgen.

Mehr essen hilft nicht

Die amerikanischen Forscher ermittelten, dass der Kalorienverbrauch der Mutter in den ersten beiden Dritteln der Schwangerschaft stetig ansteigt, dann aber ein Plateau erreicht. Ab diesem Moment reicht also ihr Stoffwechsel gerade noch aus, um sich und ihren Fötus mit genug Energie zu versorgen. Doch weil dieser ja weiterhin wächst, wird nach neuneinhalb Monaten sicherheitshalber die Geburt eingeleitet. „Schon einen Monat mehr Schwangerschaft“, sagt Dunsworth, „und die Frau und ihr Fötus würden in eine lebensbedrohliche Energiekrise geraten“.

Wenn nun freilich eine werdende Mutter glaubt, ihre Schwangerschaft verlängern zu können, indem sie während dieser Zeit doppelt so viel isst wie sonst, ist sie auf dem Holzweg. Sie würde allenfalls mehr Speck ansetzen als nötig. Denn ihr Stoffwechsel wird nicht leistungsfähiger, indem sie ihn mehr füttert – ein Auto bekommt ja auch nicht mehr PS, indem man besonders viel Sprit einfüllt.