Michael Meaney ist amüsiert: „Bei uns in Kanada gibt es wegen unserer Experimente sogar Clubs von Müttern, die ihre Babys lecken – richtig ablecken, im wortwörtlichen Sinn.“ Kaum zu fassen, wie falsch manche Wissenschaft verstünden, ergänzt der Hirnforscher und Verhaltensbiologe von der McGill University in Montreal. „Menschen sind doch keine Ratten!“

Mangelnde Fürsorge verursacht Dauerstress

Vor mehr als zehn Jahren gelangen Meaney und seinen Kollegen jene Tierexperimente, die sie heute zu Stars ihrer Zunft machen – und manche Eltern offenbar zu den absonderlichsten Nachahmungsversuchen inspirieren. Meaney untersuchte schon seit geraumer Zeit Ratten, die ihren Nachwuchs nicht ausreichend umsorgen, ihn in den ersten acht Tagen nach der Geburt nicht permanent kraulen, putzen, beschnuppern – und eben auch nicht ablecken.

Dann entdeckte das Team, dass der Dauerstress, den die mangelhafte Fürsorge für die Jungen offenbar mit sich brachte, in bestimmten Hirnzellen die epigenetische – also außergenetische – Steuerung des DNA-Codes für einen Stresshormonrezeptor verstellte. Dadurch haben betroffene Jungtiere zeitlebens eine überempfindliche Stressregulation. Sie sind ängstlich und aggressiv. Und sie vernachlässigen, wenn es eines Tages soweit ist, ihren eigenen Nachwuchs.

Das Stresssystem verändert sich

Mittlerweile gibt es viele Hinweise darauf, dass auch bei Menschen, die in früher Kindheit stark vernachlässigt oder misshandelt wurden, das Stresssystem epigenetisch umprogrammiert und deshalb besonders anfällig ist. Das erklärt, warum diese Menschen als Erwachsene ein erhöhtes Risiko für psychische Leiden und andere Stresskrankheiten haben.

Vermutlich erklärt es sogar die Beobachtung, dass Kinder, die von ihren Eltern geprügelt wurden, als Erwachsene häufiger als andere Menschen ihre eigenen Kinder misshandeln. Nicht umsonst gilt es als wichtige Präventionsmaßnahme, Kindern so viel Geborgenheit wie möglich zukommen zu lassen.

In Experimenten mit vielen weiteren Wirbeltieren bestätigte sich der Zusammenhang: Mangelhafte Brutfürsorge hat lebenslange Folgen für den Nachwuchs und führt oft dazu, dass in der nächsten Generation ebenfalls die Brutfürsorge leidet.

Doch erst, was Evolutionsbiologen von der Universität Mainz jetzt herausfanden, zeigt, wie universell und grundlegend diese Zusammenhänge sind: Selbst Ohrwürmer – also Vertreter der Wirbellosen – verändern sich deutlich, wenn sich ihre Eltern nicht ausreichend um sie kümmern. Und auch bei ihnen pflanzt sich dieses Verhalten in den folgenden Generationen fort, berichten die Forscher um Jos Kramer im Fachmagazin Proceedings B der britischen Royal Society.

Die harmlosen Insekten, umgangssprachlich auch Ohrenkneifer genannt, sind Nestflüchter. Sie schlagen sich also grundsätzlich auch ohne schützende Eltern durch. Allerdings passt die Mutter für gewöhnlich auf das Gelege auf und beschützt und füttert später sogar die heranwachsenden Larven. Dieses aufwendige Verhalten muss Vorteile haben, sonst hätte es sich in der Evolution nicht durchgesetzt.

Vernachlässigte Nachkommen werden oft größer

Doch das ist zumindest auf den ersten Blick nicht der Fall. Jos Kramer und sein Team ließen die Tiere im Labor mutterlos aufwachsen, sie erhielten aber jederzeit ausreichend Futter. „Überraschenderweise sind die Nachkommen sogar größer und haben längere Zangen am Hinterleib. Der Verlust der Mutter ist unter unseren Laborbedingungen positiv“, berichtet der Mainzer Forscher.

Bei Säugern haben vernachlässigte Nachkommen überwiegend Nachteile, und dieses Resultat hatten die Mainzer eigentlich auch bei den Ohrwürmern erwartet. Womöglich soll das stärkere Wachstum aber kompensieren, dass die Tiere weniger gut beschützt sind und in eine besonders harte Umwelt hineinwachsen, die der Mutter keine Brutfürsorge erlaubt. Sie müssen sich tatsächlich durchschlagen.

Dafür spricht auch ein ähnliches Experiment mit Vögeln: Forscher von der kanadischen Trent University spritzten Stresshormone in die Eier von Staren und zeigten, dass die schlüpfenden Vögel besonders kräftige und große Flügel bekamen. In der Theorie geben gestresste Muttertiere ihren Küken auf diesem Weg eine Botschaft darüber mit, dass die Umwelt derzeit besonders ungemütlich ist.

Wenn die Küken groß sind, sollten sie deshalb vielleicht besser davonfliegen und sich neue Reviere suchen. Dabei können kräftige Flügel und Flugmuskeln nützlich sein. Ohne Bedrohung erscheint es sinnvoller, Energie und Ressourcen zu sparen und gewöhnliche Flügel auszubilden.

Prägung vererbt sich

Auch bei Ohrwürmern müssen also negative Konsequenzen drohen, wenn die Brutfürsorge ausbleibt. Und tatsächlich zeigen sich solche Nachteile in der nächsten Generation: „Ohrwürmer, die ohne Mutter aufgewachsen sind, kümmern sich generell schlechter um ihren Nachwuchs, sie füttern weniger und verteidigen ihre Kinder weniger effektiv“, sagt Ko-Autorin Julia Thesing. Unter natürlichen Bedingungen dürfte das ein klarer Nachteil sein, den ja das größere Wachstum vermutlich kompensieren soll.

Ein weiteres Resultat klingt auf den ersten Blick kurios, ist aber wissenschaftlich äußerst interessant: Ohrwurm-Pflegemütter, die Jungtiere aus verschiedenen Gelegen beaufsichtigen, kümmern sich um jene besser, deren Eltern von den Großeltern nicht vernachlässigt wurden. Irgendetwas haben diese winzigen Ohrwürmchen von ihren Eltern – denen sie nie begegneten – geerbt, was sie nun anders macht, als die anderen Nachkommen.

Vernachlässigte Kinder werden oft vernachlässigende Eltern

Aus Kramers Sicht spricht das dafür, dass ähnlich wie bei Michael Meaneys Ratten epigenetische Prägungen zu den systematischen Verhaltensunterschieden der Insekten führen. Vielen aktuellen Studien zufolge werden solche epigenetischen Prägungen nämlich mitunter auch biologisch vererbt und wirken noch Generationen später nach.

Die alte Regel, dass vernachlässigte Kinder oft auch vernachlässigende Eltern werden, gilt also wohl nicht nur für Menschen, Ratten und viele andere Säuger. Selbst auf Insekten trifft sie mitunter zu. Dass sich demnächst in Mainz aber ein Club aus Eltern gründet, die ihre Kinder mit Zangen am Hinterleib beschützen und mit heraufgewürgten Speisen füttern möchte, ist kaum zu erwarten.