Radfahrern, die bei Rot über die Ampel fahren, droht in Deutschland ein Bußgeld von bis zu 180 Euro und ein Punkt in Flensburg. Bisher zumindest. In Paris gibt es bereits Kreuzungen, die mit einem gelben Pfeil gekennzeichnet sind, dort dürfen Radler auch bei Rot rechts abbiegen.

Auch Mobilitätsforscher Ulrich Leth von der TU Wien ist der Überzeugung, dass Radfahrer nicht an roten Ampeln halten sollten. Das sind seine Hauptargumente:

Radler sind aufmerksamer

„Radfahrer haben keine Knautschzonen, sie müssen daher besser auf sich achten“, so Leth. Sie seien in der Regel aufmerksam unterwegs. Aus jeder Einfahrt könne schließlich ein Auto kommen.

Radfahrer nehmen ihre Umgebung besser wahr

Radfahrer bekämen auf jeden Fall besser mit, was um sie herum geschieht. „Allein schon durch die fehlende Motorhaube können sich Radfahrer viel näher an Kreuzungen herantasten. Sie nehmen die Umgebung visuell und akustisch viel besser wahr.“

Ampeln rauben Energie

Leth ist der Meinung, dass Ampeln den Radverkehr langsamer machen, wodurch das Fahrrad als alternatives Verkehrsmittel weniger attraktiv werde. „In den Niederlanden und in Dänemark wurden klare Kriterien festgelegt, wie oft Radfahrer stehen bleiben sollten. Das ist ein klares Qualitätskriterium. Denn jedes Mal, wenn der Radfahrer stehen bleiben muss, verliert er die Energie, die er vorher mühsam aufgebaut hat.“

Abgase sind für Radfahrer besonders unangenehm

Beim Warten an roten Ampeln atmen Radfahrer die Abgase der Autos ein. Zugegeben, dies ist ein Problem, dass alle Verkehrsteilnehmer haben. „Es ist aber durchaus ein Grund, wieso sich Radfahrer oft an Kreuzungen vorschlängeln, um nicht direkt in der Abgaswolke der Kfz warten zu müssen.“

Ampeln kosten viel Geld

„Die Abschaffung von Ampeln generell würde viel Geld ersparen, funktioniert aber nur bei geringen Geschwindigkeiten und Verkehrsstärken.“

Die City muss attraktiver für Radler werden

Leth fordert, dass die Innenstädte für Radfahrer attraktiver werden müssen. In Brüssel und Basel gibt es bereits erste Pilotprojekte, wo Radfahrer auch bei roten Ampeln rechts abbiegen dürfen. „Deutschland und Österreich hinken da hinterher. Auch die gelben Pfeile in Paris, an denen Radfahrer auch bei Rot abbiegen dürfen, sind eine große Attraktivitätssteigerung. In Frankreich sind schon ausgesprochen viele Kreuzungen entsprechend gekennzeichnet. Ein generelles Legalisieren des Rotfahren bietet übrigens das Idaho Stop Law (von 1982). Es erlaubt Radfahrern, Ampeln wie Stoptafeln und Stoptafeln wie Nachrangtafeln zu behandeln.“ Im US-Bundesstaat Idaho wurde das Gesetz erstmals 1982 verabschiedet.

Radfahrer werden diskriminiert

„Ampeln, wie wir sie kennen, wurden entwickelt, um den Autoverkehr durch dicht bewohntes Gebiet zu lotsen. Störfaktoren wie Fußgänger und Radfahrer sollten aus dem Weg geräumt werden. Sie haben hingegen Regeln bekommen, die sie alleine nicht hätten – das ist Diskriminierung“, erklärt. Noch immer seien Ampelphasen zu starr, die Wartezeiten oft viel zu lang. „Das trägt nicht zur Regelbefolgung bei“, analysiert der Mobilitätsforscher.

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Zurück zu mehr Eigenverantwortung

Leth fordert ein Umdenken bei der Verkehrsführung und -planung: „Die Eigenverantwortung muss gestärkt werden. Der Straßenverkehr ist heute viel zu überreglementiert. Es kommt zu Unfällen – etwa an Zebrastreifen, wo Fußgänger sich auf ihr Recht verlassen und über die Straße gehen ohne zu gucken.

Seiner Auffassung nach müssten mehr Begegnungszonen geschaffen werden. „Wo Regeln wegfallen, gibt es eine geplante Unsicherheit. Die Verkehrsteilnehmer müssen wieder mehr miteinander kommunizieren, dafür muss jedoch auch die Geschwindigkeit angeglichen werden.“