Mark Zuckerberg hat eigentlich kein Interesse daran, die Nachrichten der Nutzer politisch zu filtern.
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Berlin Freunde finden, Geschichten erzählen, Fotos zeigen - jedem Menschen eine Stimme geben, um sich wohl zu fühlen im riesigen Internet, das ist die Wunschvorstellung von Mark Zuckerberg. So sagt es der 36 Jahre alte Unternehmer jedenfalls immer wieder, wenn er über seine Plattform Facebook spricht. Und aus diesem Grund sah er lange Zeit auch keinen Grund, Holocaust-Leugner aus dem Netzwerk zu verbannen. Jeder sollte ungefiltert verbreiten können, was er denkt.

Zuckerberg hat seine Meinung geändert - zum Glück. Die Abwägung zwischen Redefreiheit und dem Schaden durch die Leugnung oder Verharmlosung des Völkermordes an Juden durch die Nationalsozialisten habe ihm zu schaffen gemacht, räumte Zuckerberg in einem Facebook-Eintrag ein. Für die deutschen Nutzer hat die Entscheidung übrigens keine Auswirkungen. Da hierzulande die Leugnung des Holocausts unter Strafe steht, waren solche Äußerungen bisher schon nicht erlaubt. 

Zurück zu Zuckerberg: Vor zwei Jahren hatte er sich noch anders geäußert. Hat da also jemand einen grundsätzlichen Meinungswandel vollzogen, wird sich Zuckerberg endlich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst? Der Gedanke ist zu schön, um wahr zu sein.

Denn Zuckerberg ist vor allem ein gewiefter Unternehmer, der mit Facebook, Instagram und WhatsApp viel Geld verdienen und immer weit vorne sein will. Das war von Anfang an sein Ziel. Als er im Netz begann, fragte er die Kommilitonen nicht, ob er die Fotos von ihnen veröffentlichen durfte. Später sah er sich mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe die Idee des Sozialen Netzwerks gestohlen. Das alles schien Zuckerberg nichts auszumachen. Auch die Tatsache, dass er so lange nichts gegen die Holocaust-Leugner unternahm, ist erstaunlich - denn er selbst ist Jude.

Möglich, dass es Zuckerberg darum ging, keine Schiedsrichterfunktion über den Wahrheitsgehalt zu übernehmen, wie er einmal sagte. Aber es geht auch um Ruhm, Macht und viel Geld. Im Netz erreicht man das am besten, indem man Aufmerksamkeit und Reichweite steigert. Auf langweilige Themen reagiert kein Mensch, das ist nun mal so.

Es geht also um Nachrichten und Botschaften mit Aufregungspotenzial, die gelesen, kommentiert und weiterverbreitet werden. Deshalb sind die Algorithmen der Unternehmen so eingestellt, dass sie dafür sorgen, dass solche Botschaften - auch Falschnachrichten und Hassbotschaften - noch schneller verbreitet werden. Das ungefilterte Netz gibt es schon lange nicht mehr, hat es vielleicht nie gegeben. 

In dem Bereich der Informationssteuerung war und ist Facebook weltweit sehr erfolgreich, die Algorithmen im Hintergrund sind bestens eingestellt. Das hat auch mit der Geschäftsidee zu tun: Verweilen die Nutzer lange genug auf den Plattformen, dann sind Geschäftsleute bereit, Werbung zu schalten. 

Auch aus diesem Grund kann Zuckerberg kein Interesse daran haben, die Verbreitung von skandalösen oder noch schlimmeren Botschaften einzuschränken.

Aber es scheint doch etwas in Bewegung zu kommen im Silicon Valley. Nachrichten von US-Präsident Donald Trump wurden auf verschiedenen Plattformen gesperrt oder mit Hinweisen zur Glaubwürdigkeit der Aussagen versehen. Twitter ermöglicht seinen Nutzern seit einigen Wochen, selbst zu bestimmen, wer eigene Beiträge sehen und kommentieren darf. 

Den Wandel haben Nutzer, Unternehmen und Politiker in den vergangenen Monaten ausgelöst. Unternehmen hatten keine Werbung mehr geschaltet, Politiker die Plattformen an ihre Verantwortung erinnert und mit neuen Gesetzen gedroht, Nutzer hatten die Seiten einfach nicht mehr aufgerufen - das Ergebnis ist ein gutes Zeichen. Von Unmündigkeit im Netz kann keine Rede sein. Aufgeklärte Menschen müssen sich nicht alles gefallen lassen. Ihr Widerstand kann Erfolg haben, auch wenn es nur sehr langsam zu gehen scheint. Das zeigt Zuckerbergs Entscheidung. 

Mark Zuckerberg hat in der Vergangenheit mit dem Kauf von WhatsApp und Instagram gezeigt, dass er ein gutes Gespür für Zukunftsthemen hat. Hoffentlich ist das auch in diesem Fall so: Vielleicht löst er einen Trend aus, damit sich die Plattformen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bei der Verbreitung von Nachrichten bewusst werden. Dann hätten Falschnachrichten, Hassbotschaften und deren Verfasser es schwer, große Aufmerksamkeit im Netz zu generieren.   

Aber, das ist leider auch die Wahrheit: Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Zahl von Falschnachrichten und missverständlichen Texten bei Facebook im Vergleich zum Wahljahr 2016 gestiegen ist. Welche Folgen das damals hatte, ist allgemein bekannt.