Herr Schumacher, was haben Sie als Pionier der Selbstvermessungsbewegung schon alles an sich vermessen?

Unter anderem meine Aktivität, meinen Schlaf, mein Gewicht, Blutzucker, Blutdruck, Ernährung. Und ich habe eine kleine Kamera zum Anklemmen, die meinen Alltag aufzeichnet.

Sie sind den Großteil des Tages damit beschäftigt, sich selbst zu vermessen?

Ganz und gar nicht. Das meiste ist automatisiert, etwa die Erfassung meiner Aktivität oder meines Schlafes. Mit den aufgezeichneten Daten beschäftige ich mich auch nur, wenn ich ein konkretes Ziel verfolge. Ansonsten ist es einfach interessant, über einen längeren Zeitraum Daten über sich selbst zu sammeln um Trends in der eigenen Entwicklung zu beobachten. So kann man viele kleine Sachen über sich herausfinden. Ich weiß etwa, dass ich schlechter schlafe, wenn ich abends noch einen Film gesehen habe – und dass ich viel Zeit vor dem Weinregal verbringe.

Warum haben Sie damit angefangen, sich zu vermessen?

Vor vier Jahren wollte ich meine Work-Life-Balance optimieren. Ich habe dann mit einem Schrittzähler angefangen, um zu sehen, ob ich mich ausreichend bewege. Ich habe dann schnell gemerkt, dass es sehr motivierend ist zu sehen, ob man seine Ziele erreicht. Gerade mache ich eine Diät, bei der ich am Anfang abgenommen habe – und dann nicht mehr. Durch die Messung des Oberarmumfangs habe ich aber gesehen, dass die Ursache dafür war, dass ich durch mein Training Muskeln aufgebaut habe. Das motiviert.

Geht es vor allem um Fitness?

Nein. Es gibt Personen, die so die Ursachen für Migräne herausfinden konnten. Eine Frau in Berlin litt etwa unter Schlafstörungen, die Ärzte konnten ihr nicht helfen. Durch Selbstversuche hat sie herausgefunden, dass es an dem Mangel eines bestimmten Botenstoffs lag. Eine andere Person konnte die Ursache für ihren Hautausschlag feststellen: ein bestimmtes Nahrungsmittel.

Angefangen hat die „Quantified Self“-Bewegung 2007 mit einem Blog der Journalisten des US-Technikmagazins Wired, Kevin Kelly und Gary Wolf. Wieso kam die Selbstvermessung gerade zu dieser Zeit auf?

Damals gab es die ersten Produkte, die dies sehr leicht möglich machten. Das iPhone kam auf den Markt, und Nike hatte einen Sensor für Laufschuhe herausgebracht, der sich mit dem iPod verbinden konnte. Da die Beschleunigungssensoren in Smartphones verbaut werden, sind ihre Preise mit der massenhaften Produktion der Geräte drastisch gefallen.

Wie hat sich die Selbstvermessungsbewegung in der Zwischenzeit verändert?

Die letzten vier Jahre waren sehr Lifestyle-orientiert. Es ging vor allem um Menschen, die gesund waren und vielleicht ein paar Kilo abnehmen wollten. Ich denke, künftig wird es stärker ins Medizinische gehen. MySugr, eine App für Diabetiker, hilft Tausenden von Nutzern, besser mit Ihrer Erkrankung leben zu können. Es gibt auch schon Start-Ups, die Brustgurte und Armbänder zur Pulsmessung entwickeln, mit denen sie prognostizieren wollen, wenn ein Herzinfarkt bevorsteht – so dass man präventiv im Krankenhaus gehen und sich Medikamente geben lassen kann.

Die Selbstvermessung könnte in eine neue Form der Kontrolle umschlagen. Krankenkassen könnten die Selbstvermessung etwa zur Pflicht machen, wenn man nicht einen teuren Risikotarif zahlen will.

Das ist vorstellbar. In den USA gibt es bereits erste Ansätze, die den Nachweis der eigenen Gesundheit mit finanziellen Anreizen kombinieren. Ob das sinnvoll ist, muss gesellschaftlich entschieden werden. Ich selbst bin kein Befürworter davon, finde aber auch, dass wir die Gefahren nicht überschätzen sollten. Viel interessanter ist doch das gemeinsame Interesse der Mitglieder und der Krankenkassen an einem gesunden Leben mit hoher Lebensqualität. Wenn neue Technologien zur Verfügung stehen, die Leid und Kosten senken können, haben Krankenkassen sicher einen Gestaltungsspielraum, diese Möglichkeiten zu fördern. Schließlich liegt es auch im Interesse der Beitragszahler, wenn effizient mit ihrem Geld umgegangen wird. Und ein Mensch, der weniger krank ist, ist glücklicher und verursacht zugleich weniger Kosten.

Das Gespräch führte Jonas Rest.