Natürlich durfte eine Frage zu Greta Thunberg nicht fehlen. Ob die junge Umweltaktivistin wohl auch ein Fairphone kaufen werde, wurde Eva Gouwens gefragt. Gar nicht so einfach, darauf zu antworten, denn diese junge Fridays-for-Future-Generation mag es gar nicht, von den Älteren bevormundet oder für die Zwecke von Unternehmen eingespannt zu werden. Die Fairphone-Chefin überlegte einen Moment und sagte dann: „Wenn sie ein neues Smartphone braucht …“ – und dann streckte sie ihre Arme einladend nach vorne aus.

CEO von Fairphone, Eva Gouwens will expandieren 

Die Journalisten bei der Pressekonferenz wussten, was sie meinte. Die Hürde war genommen, Gouwens lächelte, weiter im Text. Diese Art von Pragmatismus bestimmte die gesamte Vorstellung des Fairphone 3 in Berlin in der Nähe des Kurfürstendamms. Das begann schon bei der Auswahl des Ortes. Das Unternehmen stammt aus den Niederlanden, trotzdem wurde zur Weltpremiere in die deutsche Hauptstadt geladen. Warum? Weil Deutschland der größte Markt für Fairphones ist und das Konzept in Berlin die größte Unterstützung erhält. Am Abend sollte das gefeiert werden mit der Community in der Hauptstadt. Vielleicht war dort auch ein Thema, dass in der Führungsebene zahlreiche Frauen vertreten sind. Bei der Pressekonferenz saßen drei Managerinnen auf dem Podium. Erstaunlich, weil immer die Rede davon ist, dass die Tech-Branche eine Männerdomäne sei.

Eva Gouwens ist seit zwei Jahren dabei und setzt auf Expandierung. Dem Gründer Bas van Abel scheint das zu gefallen. Er hatte vor sechs Jahren die Idee, bei der Herstellung von Smartphones auf Nachhaltigkeit zu setzen. Es ging ihm darum, fehlerhafte Teile austauschbar zu machen und Produktionsbedingungen in Asien zu schaffen, die tatsächlich als menschenwürdig bezeichnet werden können. Und die Beschaffung der Rohstoffe wollte er auch ändern.

Beim Fairphone geht es auch um Entschleunigung 

Jahrelang hat das niemanden so richtig interessiert, die Konsumenten warteten auf das nächste große Ding, Unternehmen wie Apple und Samsung wurden immer größer und präsentierten ihre Produktneuheiten in immer kürzeren Abständen. Ein neues Gerät wurde zum Statussymbol. Doch zuletzt waren die Innovationen nicht mehr so atemberaubend, dass die Konsumenten gleich ein neues Smartphone haben wollten.

Die Menschen nutzen ihre Geräte inzwischen länger, das kommt dem Fairphone entgegen, denn dort geht es auch um Entschleunigung. Ruhe bewahren und prüfen, was wirklich wichtig ist. Das Vorgängermodell kam vor vier Jahren auf den Markt. Bei der Präsentation des neuen Gerätes versprach Gouwens, dass es fünf Jahre lang Updates und noch länger Ersatzteile geben wird. Was die Zahlen aber auch zeigen: Noch ist der Vorsprung der anderen Anbieter riesig, Allein Apple verkauft jeden Tag mehr iPhones als der niederländische Hersteller in den vergangenen sechs Jahren zusammen, rechnete die Deutsche Presseagentur aus.

Nachhaltigkeit wird auch bei Smartphones zum Thema

Solche Werte können die Chefin nicht beeindrucken. „Wir haben den Eindruck, dass die Zeit reif ist für einen Umbruch“, sagte Gouwens. Und das hat wieder mit Greta Thunberg, dem Klimawandel und dem neuen Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu tun. Nach Angaben von Gouwens werden nur 20 Prozent der alten Smartphones sachgerecht entsorgt. Jedes Jahr entstehen 44.700 .000 Tonnen Elektroschrott, daraus ließen sich etwa 44.700 Eiffeltürme bauen. Darunter leidet die Natur, weil seltene Metalle verwendet werden müssen und die Bestandteile der Akkus der Umwelt enorm zusetzen. Und dann gibt es noch die Sorge um die Arbeitsbedingungen in Asien. Denn wie auch in anderen Industriebereichen sind die Ausstattung der Arbeitsplätze, die Löhne und die Sozialleistungen bei der Produktion von Smartphones oft menschenunwürdig – dagegen wehrt sich das junge Unternehmen.

Auch die großen Anbieter Samsung und Apple haben gemerkt, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Verbraucherthema ist, versprechen recycelbare Produkte und wollen mit Plastik sorgsam umgehen, aber noch immer werden die Geräte so produziert, dass der Austausch von Einzelteilen nicht vorgesehen ist.

Experten halten das Fairphone für wettbewerbsfähig 

Fairphone will dagegen so etwas wie Ikea sein, die Nutzer sollen ihr handwerkliches Können zum Selbermachen nutzen und sich dabei gut fühlen. Weil das mit verständlichen Bauanleitungen nicht immer so einfach ist, arbeiten die Niederländer mit „Ifixit“ zusammen. Ursprünglich in Kalifornien gegründet setzt das Unternehmen inzwischen weltweit auf die Verständlichkeit von Reparaturanleitungen.

Bleibt die Frage, wie gut das Gerät ist im Vergleich zu den anderen Anbietern. Zunächst überzeugt der Preis, denn mit 450 Euro gehört das Smartphone zur Mittelklasse und ist 75 Euro günstiger als das Vorgängermodell. Die Testgeräte unterschieden sich auf den ersten Blick nicht von anderen Geräten, vielleicht sind sie etwas eckiger, vielleicht etwas schwerer und die Farben auf dem Bildschirm etwas kühler. Was noch auffällt: Der Rahmen auf dem Bildschirm ist breiter als bei den neuen Geräten anderer Anbieter, die sich gerade einen Wettkampf um die maximale Ausnutzung der verfügbaren Fläche liefern. Das Gerät wird mit dem Google-Betriebssystem Android 9 (Pie) ausgeliefert.

Bei der Präsentation war auch Tobias Költzsch dabei, der das Gerät für die Webseite golem.de schon getestet hat. In seinem Testbericht schrieb er, dass das Smartphone mit Qualcomm-Prozessor und vier Gigabyte Arbeitsspeicher flüssig laufe, auch anspruchsvolle Apps funktionierten – solange es sich nicht um grafisch sehr intensive Anwendungen handele. Sein Abschlussurteil, als er die Präsentation gehört hatte: „Mit der Ausstattung gehört das Gerät zur Mittelklasse.“ Der Preis sei gut. Mit dem besonderen Anspruch, sehr stark auf Recycling zu setzen, habe das Fairphone aber gleichzeitig eine herausragende Position im Wettbewerb.