Ein junger Senegalese flüchtet nach Europa. So weit, so normal. Ungewöhnlich ist, dass der 22-jährige Abdou Diouf seine Odyssee von Dakar nach Spanien mit 15 Fotos und einem Video auf Instagram dokumentiert hat. 12.000 Follower konnten ihm dabei zusehen, wie er sich von seiner Familie verabschiedet (758 Likes), wie er noch einmal zum Friseur geht (683 Likes), wie er seine letzte Mahlzeit zu sich nimmt (810 Likes), wie er zwei Tage durchmarschiert (1083 Likes), am Lagerfeuer sitzt (863 Likes), auf einem Lkw eingepfercht ausharrt (849 Likes) und mit dem Boot in Spanien ankommt (1700 Likes). Auf dem letzten Foto sehen wir ihn vor einem Maschendrahtzaun, hinter ihm einer seiner beiden Weggefährten, der gerade über diesen klettert (1464 Likes).

Diese Flucht-Dokumentation hat in den vergangenen Tagen für viel Aufsehen gesorgt. Doch nun kam heraus, dass alles bloß ein Hoax war. Eine Inszenierung. Eine Guerilla-Marketing-Aktion für ein Fotografie-Festival in der baskischen Stadt Getxo. Das Thema des Festivals: „Trips“. Fotografiert hatte der Spanier Tomas Pena, der Flüchtling heißt in Wirklichkeit Hagi Toure - er ist ein Handballspieler aus Barcelona.

Und doch war es weit mehr als bloß eine freche bis geschmacklose Werbeaktion. Dioufs Pseudo-Flucht ist eine Kritik am leichtfertigen Umgang mit den eigenen Daten in den sozialen Netzwerken. Sie hält uns den Spiegel vor, wie wir uns selbst inszenieren und wie unkritisch wir auf die Bilder anderer schauen. Und natürlich, wie wir mit der Flüchtlingsproblematik in Europa umgehen - die Kommentare unter den Fotos waren jedenfalls nicht immer wohlwollend, viele sogar ausgesprochen rassistisch.

Denn die ganze Geschichte war so offensichtlich inszeniert, dass man als halbwegs kritischer Betrachter von alleine hätte darauf kommen können. Wer macht schon ein Selfie, wenn er gerade von Polizisten verfolgt und angegriffen wird? Oder wenn er über den Grenzzaun klettert? Und warum sind immer seine beiden Freunde wie perfekte Statisten im Hintergrund zu sehen? Und vor allem: Warum hat Diouf jedes Bild so expliziert und mitunter absurd verschlagwortet? Bei seinem letzten Essen stehen #foodporn, #yummy und sogar #foodgasm als Hashtags, bei seiner Ankunft am Strand #nohopenogain, #instamood und #feelgoodphoto.

Im Grunde ist Dioufs Flucht eine Satire auf unsere digitale Gesellschaft, in der alles in kürzester Zeit aufgenommen wird und in der kaum Zeit bleibt, das Gesehene zu reflektieren. In der Selfies von Freunden genauso geliked werden wie Katzenvideos oder Katastrophenmeldungen. Und in der wir Fotos, die auf Instagram oder Facebook gepostet werden, vertrauen oder sie kaum noch hinterfragen.