Die Lage ist dramatisch. Weltweit sind fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht, berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk. Man stehe am Vorabend einer neuzeitlichen Völkerwanderung, schreibt ein ehemaliger Asylrichter. „Die Hunderttausenden, die in unsere Städte und Dörfer strömen, sind nur die Vorhut.“ Nicht wenige im Lande reagieren darauf mit Bedrohungsangst.

Migrationsforscher, die sich mit Flüchtlingsbewegungen der Geschichte beschäftigen, blicken vorsichtiger auf die Entwicklung, trotz der dramatischen Bilder. Für den Historiker Marcel Berlinghoff vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Imis) der Universität Osnabrück ist die gegenwärtige Flüchtlingsbewegung bisher vergleichbar mit der Aufnahme der vietnamesischen Boatpeople Ende der 70er-Jahre, der bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge in den 90er-Jahren oder der Migration im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter jeweils anderen Voraussetzungen.

Bezüge zur Völkerwanderung – dem Ansturm von Vandalen, Langobarden, Goten oder Franken auf das niedergehende römische Reich vor 1600 Jahren – sehen Migrationsforscher als wenig konstruktiv an. Zumal sie auch historisch nicht stimmen. Damals gingen ganze Siedlungsgemeinschaften auf Wanderschaft – mit Kriegern, Frauen, Kindern, Wagen und Vieh. Heute fliehen Einzelne und Gruppen, aus ganz individuellen Gründen.

„Der allergrößte Teil der syrischen Flüchtlinge bleibt in den Nachbarstaaten wie der Türkei oder dem Libanon“, sagte Jochen Oltmer, Migrationsforscher aus Osnabrück, bei Focus online. Die meisten Menschen aus Syrien, Irak oder Eritrea haben nach Aussagen der Forscher gar nicht die Mittel für eine Flucht über weite Distanzen. Und die Flüchtlinge, die es doch bis nach Europa schaffen, sieht der Historiker Marcel Berlinghoff als „eine spezielle Gruppe, die zum Teil hoch traumatisiert ist und viel Hilfe braucht“. Bei anderen Migranten spielten Netzwerke eine wichtige Rolle. So hätten viele Menschen aus Balkanstaaten Verwandte oder Bekannte in Deutschland. Deshalb gebe es eine starke Bewegung in diese Richtung.

Bilder vom Wir und den anderen

Berlinghoff wehrt sich gegen die verbreitete Vorstellung, die gegenwärtige Situation sei ganz neuartig und einmalig. Er erinnert daran, dass Ende der 70er-Jahre die Zahl der Flüchtlinge aus Vietnam sprunghaft von einigen Hundert auf mehrere Hunderttausend gestiegen sei. „In Westdeutschland fand insbesondere die zivilgesellschaftliche Rettungskampagne von ‚Cap Anamur‘ eine hohe mediale und öffentliche Aufmerksamkeit.“ Während ansonsten eine restriktive Asyl- und Migrationspolitik herrschte, verfolgte man für die Eingliederung der Flüchtlinge aus dem sozialistischen Vietnam eine engagierte Integrationspolitik – „mit dem Ergebnis, dass diese Familien und insbesondere ihre Kinder als vorbildliche Migrantengruppe galten und gelten“.

Nicht als Bedrohung, sondern als Chance sollte auch heute die Zuwanderung gesehen werden. Forscher wenden sich dabei etwa gegen die Vorstellung, dass Migranten den Arbeitsmarkt okkupieren und die Sozialsysteme belasten würden. Das Gegenteil sei der Fall. „Wenn wir keine Wanderungsbewegung hätten, dann würde das Arbeitsangebot in Deutschland um knapp 40 Prozent zurückgehen bis zum Jahre 2050“, sagte Herbert Brücker, Migrationsforscher der Universität Bamberg, einem Radiosender. „Auf jeden Erwerbstätigen entfielen dann doppelt so viele Menschen, die Rentner sind, die nicht mehr im Erwerbsleben stehen.“

Ohne Zuwanderung habe Deutschland kaum eine Zukunft. In den vergangenen fünf Jahren sei etwa eine Million Jobs mit Migranten besetzt worden, „vor allem in den geringer qualifizierten Berufen, in der Gastronomie, in der Landwirtschaft, bei der häuslichen Pflege bei den nicht examinierten Pflegekräften, in der Bauwirtschaft und so weiter“. Allein um das Arbeitsangebot konstant zu halten, bräuchte Deutschland eine jährliche Zuwanderung von 400 000 Menschen. Um den demografischen Wandel aufzufangen, wäre eine Zuwanderung von bis zu 800.000 Personen nötig. Diese werde es aber wohl niemals geben.

Unter den Flüchtlingen findet sich ein breites Spektrum – von Analphabeten bis zu Hochqualifizierten. Der Anteil von Hochschulabsolventen unter den Zuwanderern insgesamt beträgt 40 Prozent – weit mehr als der deutsche Durchschnitt von 25 Prozent. Doch weniger als zehn Prozent der Zuwanderer profitieren von den Regelungen für qualifizierte Arbeitskräfte. „Das heißt, dort funktioniert unser Einwanderungsrecht überhaupt nicht“, sagte Brücker.

Ein verbreitetes Vorurteil lautet auch, dass die Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen nicht mit unserem kompatibel seien. Berlinghoff widerspricht: „Bei den Debatten um Kulturkreise spielen ja immer Bilder vom Wir und von den anderen eine Rolle.“ Auch die Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg seien in ihren neuen Orten auf große Vorbehalte gestoßen. „Sie hatten eine andere Konfession, andere religiöse Rituale, eine andere Sprache.“ Sie galten für viele als Russen, Rumänen oder Polen, nicht als echte Deutsche.

Vorstellung von fixen Einheiten

Die Bilder wandeln sich ständig. Berlinghoff erinnert an Ausstellungen wie „Fremde?“ oder „Zuwanderungsland Deutschland – Migrationen 1500–2005“, die vor Jahren im Deutschen Historischen Museum zu sehen waren. Diese zeigten, dass Deutschland bereits seit Jahrhunderten de facto ein Zuwanderungsland ist. In der Frühen Neuzeit wanderten böhmische und niederländische Glaubensflüchtlinge ein.

1685 flohen fast 50.000 Hugenotten aus Frankreich nach Deutschland. 1913 kamen etwa 170.000 italienische Arbeitsmigranten. 350.000 „Ruhrpolen“ lebten und arbeiteten im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. In der Weimarer Republik wanderten 600.000 russische Emigranten sowie 70.000 Juden aus Osteuropa ein. Es war dennoch alles andere als eine Erfolgsgeschichte, weil zum Beispiel die Russen jederzeit ausgewiesen werden konnten und keinen Anspruch auf einen Arbeitsplatz hatten.

Berlinghoff selbst forschte zu den Migrationsbewegungen der 60er- und 70er-Jahre in der Bundesrepublik. Die „Gastarbeiter“ von damals – bereits 1964 war die Millionengrenze erreicht – sollten eigentlich nur eine bestimmte Zeit bleiben. „Daraus wurde im Laufe der Zeit eine Einwanderungsgeschichte.“

Kaum jemand käme heute mehr auf die Idee, dass Türken, Italiener, Griechen, Vietnamesen oder Rumänen nicht integrierbar seien. In den 50er-Jahren war das noch anders. Für die Deutschen gehörte damals zu Europa, wer aus Belgien, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden kam. „Italiener – vor allem aus Süditalien – galten als wild, temperamentvoll, schnell mit dem Messer an der Hand“, sagt Berlinghoff. Das änderte sich mit den Jahren. „Plötzlich waren dann die von außerhalb Europas die kulturell Fremden und absolut Andersartigen.“

Bedrohungsängste, die sich heute in der Angst vor dem Islam zeigen, sind nichts Neues. Aber Berlinghoff betont: „Migration fand in der Menschheitsgeschichte schon immer statt. Hinter der Vorstellung, dass Kulturen, Ethnien, Völker oder Nationen nicht kompatibel zueinander seien, steckt das Bild von fixen Einheiten, die sie de facto nicht sind.“ Auch in Europa sei ständig alles im Fluss gewesen. „Wenn Gesellschaften statisch bleiben, gehen sie zugrunde. Gesellschaften leben durch Austausch.“