Berlin - Die sozialen Medien haben zur Verbreitung des Coronavirus beigetragen. Zu dieser Auffassung kommen Wissenschaftler des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) in einer Studie, erschienen im Fachjournal Applied Network Science. Konkret sind die Wissenschaftler am Beispiel der USA Hinweisen nachgegangen, denen zufolge die politische Aufladung rund um Corona die Ausbreitung von Sars-CoV-2 in manchen Regionen gefördert haben könnte.

Die sozialen Medien spielen eine sehr wichtige Rolle bei weltweit wichtigen Ereignissen, etwa dem Klimawandel, Konflikten, Migranten-Bewegungen und gesundheitlichen Bedrohungen. Informationen verschiedenster Art, Meinungen und Aufrufe schießen blitzschnell im Internet um die Welt. Es bilden sich sogenannte Echokammern, in denen Gleichgesinnte unter sich sind und immer nur ihre eigene Meinung widergespiegelt sehen. Die Folge der medialen Polarisierung wirkt sich auch in der Realität aus, bis hin zum Verhalten des Einzelnen. Das konnte auch jeder im vergangenen Jahr in der Corona-Pandemie beobachten.

Doch wovon hängt es ab, dass Menschen Corona-Maßnahmen ablehnen? Und gibt es einen Zusammenhang zwischen der Politisierung von Corona-Themen in sozialen Netzwerken und der Entwicklung der Infektionszahlen? Das wollten die Berliner Forscher um Manuel Cebrian, Leiter der Forschungsgruppe zur digitalen Mobilisierung im Forschungsbereich Mensch und Maschine des MPIB, wissen.

Sie untersuchten dies zunächst anhand eines Mobilisierungsmodells am Beispiel von Facebook in den USA. „Gegenstand der Studie war eine hypothetische, politische Kampagne, in der die Demokratische Partei nicht-pharmazeutische Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus empfiehlt“, heißt es in der Mitteilung des MPIB. Solche Maßnahmen sind etwa die Meidung von Menschenansammlungen, das Tragen von Masken und das Abstandhalten.

Modell zur Ausbreitung von Kampagnen

Cebrian und sein Team nutzten unter anderem den Facebook Social Connectedness Index (SCI), ein Maß für die Berechnung sozialer Verbindungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Regionen, dargestellt durch Facebook-Freundschaftsbeziehungen. Außerdem verwendeten sie demografische Angaben und Datensätze aus Wahlprotokollen der New York Times. Sie wollten zunächst einmal modellhaft wissen, „wie sich eine Kampagne der Demokraten für nicht-pharmazeutische Maßnahmen in den USA über Facebook verbreitet hätte und ob sie zu politischen Aktionen wie Demonstrationen geführt hätte“.

„Die Ergebnisse der Modellrechnungen zeigen, dass sich die hypothetische Kampagne der Demokraten in demokratischen Staaten dreimal so schnell verbreitet hätte als in republikanischen Staaten“, schreibt das Max-Planck-Institut. Menschen mobilisierten und rekrutierten hier ihre Freunde über das Freundschaftsnetzwerk wesentlich intensiver und schneller. Diese politische Polarisierung, egal in welche Richtung, mache es schwer, alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen zu erreichen. „Die Akzeptanz und die daraus folgende, weitere Verbreitung von Maßnahmen ist demnach davon abhängig, ob Sender und Empfänger politisch gleichgesinnt sind“, sagt Inho Hong, Forschungsstipendiat am MPIB und Erstautor der Studie.

Kurz gesagt: Befürworter der Maßnahmen tragen dazu bei, dass auch ihre Bekannten die Regeln einhalten. Gegner der Maßnahmen rufen in sozialen Medien zum Widerstand auf und organisieren Demonstrationen. In diesem Zusammenhang warnen die Wissenschaftler vor Polarisierungen durch forcierte politische Kampagnen, wie man sie in der Pandemie beobachten kann. „In den sozialen Medien wurde die Maske schnell zum politischen Statement umgedeutet und zur Polarisierung genutzt“, sagt Manuel Cebrian. „Regierungen sollten daher abwägen, an wen und über welche Kanäle sie Informationen verbreiten und ob sie Mobilisierung gezielt einsetzen wollen.“

Polarisierung wirkt Maßnahmen entgegen

Auf den Punkt gebracht bedeutet das: Je kampagnenhafter und politisch aufgeladener Inhalte in den sozialen Medien verbreitet werden, desto größer die Polarisierung. Dies könne staatliche Maßnahmen außer Kraft setzen, indem Menschen „der Politik der gegnerischen Parteien misstrauen und falsche Informationen in Echokammern verbreiten“, schreiben die Forscher.

Um beim Beispiel der Maske zu bleiben: Am Anfang der Pandemie zweifelten sogar Wissenschaftler den Sinn von Alltagsmasken im Alltag an. Später ergaben Studien, darunter eine Alltagsstudie, dass das Tragen einer normalen Alltagsmaske das relative Risiko, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren, um etwa 80 Prozent senken könne. Kritiker forderten, die Empfehlungen an das Risiko in bestimmten Situationen zu koppeln. Statt jedoch Studien gründlich zu kommunizieren, veröffentlichte unter anderem der Berliner Senat ein Plakat mit der Aufschrift „Der erhobene Zeigefinger für alle ohne Maske“. Ein Stinkefinger, der politisch polarisierte, vor allem auch in den sozialen Medien. Und bundesweit wurde eine Vorschrift nach der anderen erlassen, ohne dass es genaue inhaltliche Begründungen für ihre Wirksamkeit gab.

Dass so etwas direkt nach hinten losgehen kann, zeigten die Forscher des Max-Planck-Instituts, indem sie im zweiten Schritt den Zusammenhang zwischen sozialer Mobilisierung und der tatsächlichen Ausbreitung von Covid-19-Fällen in den USA untersuchten. Dazu nutzen sie ihr Modell und reale Zahlen über das Corona-Wachstum in verschiedenen Regionen. „So stiegen die Infektionszahlen ab Mitte April 2020 an, nachdem Republikaner*innen gegen den ersten Lockdown demonstrierten und die vorgegebenen Hygieneregeln nicht konsequent beachteten“, heißt es in der Mitteilung des Max-Planck-Instituts. „Das bedeutet, politische Regelungen, wie Lockdowns, können nach Umdeutung durch politisch polarisierte Gegner*innen das Gegenteil bewirken und die Situation sogar verschärfen.“

Kausale Beweise fehlen noch

Was Folgen von Demonstrationen auf Inzidenzen betrifft, gab es ja auch in Deutschland Debatten. So hätten unter anderem zwei große „Querdenken“-Demonstrationen im November 2020 dazu beige­tragen, dass in verschiedenen Orten Deutschlands die Inzidenzen stiegen, ergab im Februar eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW Mann­heim) und der Humboldt-Universität zu Berlin. Statistiker und Mathematiker kritisierten die Studie aber als politisch motiviert und wissenschaftlich unsauber.

Auch die MPIB-Autoren verweisen auf die Grenzen ihrer Studie. „Obwohl die polarisierte Mobilisierung in unserer Simulation mit den Ausbreitungen von Covid-19 korreliert, liefert sie keine kausalen Beweise“, schreiben sie. „Weitere verhaltensbezogene und epidemiologische Studien sind erforderlich, um den Kausalzusammenhang herauszufinden.“ Außer der politischen Haltung von Bürgern müssten noch andere ausschlaggebende soziale Faktoren wie Beruf, Einkommen, Geschlecht und Herkunft untersucht werden, sagen die Forscher.

Polarisierung soll gebremst werden

Insgesamt treffen sie in ihrer Studie aber entscheidende Aussagen. „Unsere Ergebnisse geben uns einige Lektionen für nicht-pharmazeutische Interventionen“, erklären die Wissenschaftler. Im Allgemeinen wirke Polarisierung als Widerstandskraft gegen jede Art von Mobilisierung oder Kampagnen, schreiben sie. Sie schlagen politische Anstrengungen vor, „um die politische Polarisierung zu umgehen und/oder zu mildern“, auch, um die Wirksamkeit von Maßnahmen zu verbessern. Zum Beispiel könnten Befürworter von Masken an ganz verschiedenen Orten aktiv werden, um eine Werbung zu erreichen, ohne eine Polarisationsbarriere überwinden zu müssen. Je begründeter und überzeugender sie aufträten, desto besser wäre wohl der Effekt.

Bereits in vorangegangenen Studien hätten die Wissenschaftler mit dem Mobilisierungsmodell untersucht, wie sich politische Aktionen in den sozialen Netzwerken in den USA formiert und verbreitet haben, teilt das Max-Planck-Institut mit. „Das Modell hat es uns nun ermöglicht, einen Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Spaltung in den USA, der Verbreitung von Informationen über Facebook und der Entwicklung des Infektionsgeschehens aufzuzeigen“, sagt Alex Rutherford, Senior Research Scientist und Studienleiter im MPIB-Forschungsbereich Mensch und Maschine und Co-Autor der Studie.

Die Studienergebnisse zeigten, dass eine politische Aufladung der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung kontraproduktiv wirken und das Infektionsgeschehen auch „befeuern“ könne, so das Institut.