Ithaca - Die Menschheit, so sagte der britische Physiker Stephen Hawking, solle sich besser still verhalten – denn Außerirdische könnten uns als bedrohliche Konkurrenz ansehen. Doch dafür ist es lange zu spät, wie jetzt zwei Astrophysikerinnen zeigen. Die Signatur der irdischen Biosphäre ist nämlich von vielen Sternen im Umkreis von 300 Lichtjahren aus sichtbar – vorausgesetzt, dort lebende Wesen sind im Besitz ähnlicher oder gar besserer Teleskope als wir.

„Bei unserer Suche nach Leben im Kosmos sind Planeten, die von uns aus gesehen regelmäßig vor ihren Sternen vorüberziehen, derzeit unsere besten Kandidaten“, erläutern die in den USA forschenden Astrophysikerinnen Lisa Kaltenegger (Carl Sagan Institute der Cornell University, Ithaca) und Jaqueline Faherty (American Museum of Natural History, New York) in einer Studie im Wissenschaftsjournal Nature. Denn solche Planeten – von denen Astronomen inzwischen über 3400 aufgespürt haben – bieten gute Möglichkeiten, ihre Atmosphären zu untersuchen.

Technische Zivilisationen sind auch von Weitem erkennbar

Gase wie Sauerstoff oder Methan könnten Hinweise auf eine Biosphäre liefern. Möglicherweise ließe sich sogar die Luftverschmutzung durch eine technische Zivilisation nachweisen. Doch solche Beobachtungen funktionieren nicht nur in eine Richtung. Auch außerirdische Astronomen könnten die Erde aufspüren, wenn sie von ihrer Position aus vor der Sonne vorüberzieht.

Der hohe Sauerstoffgehalt der Atmosphäre wäre ein deutliches Signal für eine entwickelte Biosphäre. Geeignete empfindliche Instrumente vorausgesetzt, könnten die außerirdischen Forscher in der Natur nicht vorkommende Substanzen wie Fluorkohlenwasserstoffe nachweisen. Damit wüssten sie, dass auf der Erde eine technische Zivilisation existiert.

Bleibt die Frage, von welchen Sternen aus gesehen die Erde vor der Sonne vorüberzieht und außerirdische Astronomen die Menschheit entdecken könnten. Bisherige Untersuchungen hätten „nur die derzeitigen Positionen der Sterne berücksichtigt“, schreiben Kaltenegger und Faherty. Doch die Sterne seien in ständiger Bewegung – und so ändere sich auch der Blickwinkel Richtung Erde und Sonne. Die Forscherinnen haben erstmals den Einfluss der Sternenbewegung auf die Sichtbarkeit der Erde berücksichtigt.

Als Grundlage diente ihnen der Katalog der europäischen Gaia-Mission. Das Weltraum-Observatorium misst seit 2014 die Positionen und Bewegungen von mehr als einer Milliarde Sternen der Milchstraße. Kaltenegger und Faherty haben bei ihrer Analyse den Zeitraum von vor 5000 Jahren – etwa dem Beginn der ersten Hochzivilisationen auf der Erde – bis 5000 Jahre in die Zukunft abgedeckt.

Radiowellen haben bereits 75 Sterne und ihre Planeten erreicht

Das Ergebnis: Insgesamt 2034 Sterne bis zu einer Entfernung von etwa 300 Lichtjahren liegen für diesen Zeitraum ganz oder zeitweilig in der Zone, von der aus Vorübergänge der Erde vor der Sonne beobachtbar sind. Um sieben der Sterne kreisen bekannte Exoplaneten. Seit Beginn des Anthropozäns – also des Erdzeitalters, in dem der Mensch maßgeblich die Umweltbedingungen auf der Erde beeinflusst – seien Vorübergänge der Erde vor der Sonne von 1424 Sternen aus sichtbar, so die Forscherinnen weiter.

Und seit etwa hundert Jahren strahle die Menschheit durch Rundfunk-, Fernseh- und Radarsender Radiowellen ins All ab. Diese Strahlung habe bereits 75 Sterne und ihre Planeten erreicht, von denen aus die Erde sich aufspüren lässt – und es würden ständig mehr, da die Radiostrahlung sich unaufhaltsam weiter im All ausbreitet, so die Studie.

„Es wird viel darüber diskutiert, ob wir aktiv Signale aussenden sollen – oder lieber unsere Anwesenheit verbergen“, schreiben Kaltenegger und Faherty. Doch diese Diskussion erscheint den beiden Wissenschaftlerinnen sinnlos, denn „die Biosphäre hat die Atmosphäre unseres Planeten seit Milliarden von Jahren verändert“. Außerirdische Astronomen könnten daher seit mindestens einer Milliarde Jahren wissen, dass sich auf der Erde Leben entwickelt – und dann würde ihnen wohl auch das Entstehen einer technischen Zivilisation nicht entgehen.