Herr Schleicher, die Pisa-Studie hat die deutsche Bildungspolitik stark beeinflusst. Welche Reformen führen Sie direkt auf Pisa zurück?

Es gibt ein ganzes Bündel. Dass die Bundesländer sich auf gemeinsame Bildungsstandards geeinigt haben, war ein ganz wichtiger Schritt. Genauso wie die frühkindliche Bildung – das war in Deutschland vor Pisa ein Randthema. Es gab damals noch viele, die der Meinung waren, der Staat soll sich nicht in die Erziehung von Kindern einmischen, das ist die Angelegenheit von Familien. Heute ist die frühkindliche Bildung fest etabliert. Es gibt sogar ein gesetzlich verankertes Recht auf einen Kindergartenplatz – da hätte man früher gar nicht dran denken können!

Auch Ganztagsschulen waren vor zehn Jahren noch unvorstellbar.

Und heute sind Ganztagsschulen etwas Selbstverständliches und auch bei allen Parteien und gesellschaftlichen Gruppierungen etabliert. Die Förderung von sozial schwachen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund ist noch ein gutes Beispiel, wo in Deutschland sehr viel in Bewegung gekommen ist.

Was müsste Deutschland tun, um Platz eins zu erreichen?

Man muss sich an den leistungsstärksten Bildungssystemen messen – auch an der Veränderungsdynamik dieser Länder. Da bleibt viel zu tun, gerade in Bezug auf Kompetenz, der Anwendung von Wissen.

Wo sehen Sie da die Schwächen im deutschen Schulsystem?

Immer noch wird zu viel Stoff frontal vermittelt und zu wenig wirklich gelernt. Das sieht man an den Pisa-Resultaten sehr deutlich. Deutsche Schüler sind in der Regel besser, wenn Wissen abgefragt wird und haben eher Schwierigkeiten, wenn sie dieses Wissen in unbekannten Zusammenhängen kreativ anwenden sollen.

Die Pisa-Studie gilt vielen als Sinnbild für standardisiertes Wissen – ein ungerechtes Image?

Das ist absolut falsch. Wer Pisa mit traditionellen Schultests und Wissensquiz’ vergleicht, der weiß von Pisa wirklich nichts. Das entspricht weder dem Konzept noch dem Test. Bei Pisa können Sie keine einzige Aufgabe mit Abfragewissen beantworten. Es geht bei allen Aufgaben um die kreative Anwendung von Wissen. Gerade da hat Pisa Maßstäbe gesetzt – dass es bei Schulwissen eben nicht allein um Abfragewissen geht.

Wie sinnvoll ist es, sich erfolgreiche Länder zum Vorbild zu nehmen?

Vielleicht kann Pisa uns hier helfen, Vorurteile auszuräumen und von anderen zu lernen. Das Bild, das man in Deutschland von einem Bildungssystem wie in Shanghai hat, ist arg verzerrt. Ich war in vielen Klassenzimmern dort und habe dort fantastischen, kreativen, konstruktiven Unterricht gesehen – auch stark individualisierten Unterricht. Man kann solche Systeme nicht kopieren. Aber man kann in Deutschland aus vielen anderen Bildungsansätzen sehr viel lernen. Vieles was hier an Reformen umgesetzt wurde, hat man sich in anderen Ländern abgeschaut.

Das Gespräch führte Kerstin Meier.