Sterne, Smileys und Schmetterlinge sind in die kleinen Pillen gestanzt, die für Euphorie sorgen sollen, für Wohlbefinden, für weniger Angst. Dieser berauschende Wirkstoff heißt 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA). Bekannt geworden ist die Substanz als Partydroge Ecstasy.

Erstmals hergestellt wurde der Wirkstoff vom Pharmakonzern Merck im Jahr 1912. Ihre psychoaktive Wirkung hat der Chemiker Alexander Shulgin in den Siebzigerjahren entdeckt. In einem Schuppen auf seiner Farm in Kalifornien testete der US-Amerikaner die Substanz selbst – und fand zudem einen einfacheren Herstellungsweg. Shulgin hatte die Droge als „eine Möglichkeit, sich auszudrücken“ bezeichnet sowie als Werkzeug, mit dem sich junge Leute „von der älteren Generation distanzieren“.

Obwohl er den Missbrauch in der Partyszene missbilligte.
In seinem heimischen Labor voller Instrumente und Werkzeuge stellte Shulgin über 200 psychedelische, also bewusstseinsverändernde Substanzen her und testete sie im Selbstversuch. „Wenn Shulgin probierte, hat er mit einer kleinen Dosis angefangen und sie vorsichtig gesteigert“, sagt der Medizinanthropologe Nicolas Langlitz.

„Im Laufe der Zeit hat er ein feines Gespür für gefährliche Nebenwirkungen entwickelt.  Schon ein Kribbeln in den Füßen oder Schläfrigkeit konnten darauf hindeuten, dass eine höhere Dosierung zu Nervenschäden oder Tod führen könnte.“ Der Grund für Shulgins Selbstversuche scheint simpel: Er hatte für seinen Arbeitgeber, einen Chemiekonzern, ein erfolgreiches Pestizid entwickelt. Dann durfte sich Shulgin mit den Chemikalien beschäftigen, die ihn interessierten. Das waren Substanzen mit Wirkung auf das menschliche Bewusstsein.

Barry Marshall trank Bakterienwasser

Shulgin war aber nicht der erste Wissenschaftler, der einen Wirkstoff an sich selbst ausprobierte.  Zum Beispiel testete der Immunbiologe Jonas Salk den von ihm entwickelten  Impfstoff gegen Polio zuerst an sich, und Barry Marshall trank Bakterienwasser, um eine Magenschleimhautentzündung zu bekommen.

Forscher probierten aber nicht nur einzelne Wirkstoffe, sondern erkundeten die Auswirkungen einer diätetischen Ernährungsweise und die Beschleunigung des eigenen Körpers auf mehr als 1 000 Kilometer pro Stunde und dessen abrupte Abbremsung. Die Forschungsgeschichte ist voll von Beispielen, bei denen Mediziner, Physiker und Mechaniker ihre Entdeckungen an sich selbst testeten. 

„Selbstversuche haben immer etwas mit Heldentum zu tun“, sagt Volker Hess, Medizinhistoriker an der Charité. Also mit einer gewissen Selbstaufopferung für die Wissenschaft. „Außerdem sind die Forscher in der Regel davon überzeugt, dass es klappt, was sie machen.“ Für Nicolas Langlitz gibt es noch einen weiteren Grund für Selbstexperimente:  Durch sie könne der Experimentator bestimmte Phänomene aus erster Hand erleben. Er wisse damit mehr als seine Kollegen  und sei ihnen damit überlegen. Denn bei einem Experiment gehe es immer darum, neues Wissen zu erzeugen.

Wirkungsweise von Kräutern beruhte auf dem Trial-and-Error-Prinzip

So auch bei der Behandlung von Krankheiten. Bereits Ärzte in der Antike wollten ihre Patienten heilen. „Die Wirkungsweise von Behandlungen oder Kräutern beruhte auf dem Trial-and-Error-Prinzip. Wenn also beobachtet wurde, dass etwas half, dann wendete man es wieder an und probierte es vielleicht auch bei anderen Beschwerden“, sagt Volker Hess.  So sei  Erfahrungswissen entstanden. „Dass Wirkstoffe an Patienten und an den Ärzten selbst ausprobiert wurden, fand parallel statt.“ Doch nicht nur in der Medizin, sondern auch in anderen Naturwissenschaften scheuten sich die Forscher nicht, sich als Erstes einem Experiment zu unterziehen.

Den ersten systematischen Selbstversuchen deutscher Wissenschaftler ging ein zuckender Froschschenkel in Italien voraus. Der Mediziner Luigi Galvani stellte Ende des 18. Jahrhunderts unwissentlich einen Stromkreis her, der aus einem Froschschenkel, Kupfer und Eisen bestand. Der Muskel im Bein zuckte immer dann, wenn ein Funke einer in der Nähe stehenden Hochspannungsmaschine übersprang.

Wie genau die Elektrizität wirkte, war Galvani nicht bewusst, aber mit seinen Experimenten legte er den Grundstein für die Elektrophysiologie und die Erfindung der Batterie im Jahr 1800. Und sie spornte andere Wissenschaftler an, sich mit Elektrizität und der Wirkung auf Muskeln zu beschäftigen. „Die ersten Forscher, die in Deutschland Selbstversuche gemacht haben, waren der Physiker Johann Wilhelm Ritter und der Naturforscher Alexander von Humboldt“, sagt Medizinhistoriker Hess.

„Ritter experimentierte mit der Elektrizität an seinem eigenen Körper. Humboldt tat das ebenfalls, er hielt sich die Elektrode zum Beispiel an seine Zähne oder sein Ohr und dokumentierte systematisch unterschiedliche Wirkungen.“ Dabei trennte Humboldt zwischen sich, dem Experimentator, und dem zu untersuchenden Objekt, seinem Körper. An sich selbst zu experimentieren, wurde nicht nur als seriös angesehen, sondern kennzeichnete einen Wissenschaftler als überlegene Quelle des Wissens.

Methode des Selbstversuchs verschwindet aus den biologischen Wissenschaften

„Ebenfalls um 1800 entstand ein moderner Methodenbegriff für die Wissenschaft“, erklärt Hess. „Die Neutralität des Beobachters und die Objektivität des Experiments  wurden wichtig. Somit wird eine Trennung zwischen Experimentator und Objekt unausweichlich.“ Denn Experimente sollten ja der wissenschaftlichen Erkenntnis dienen. „Dafür muss der Experimentator den Versuch so weit objektivieren, wie es geht. Aus diesem Grund wird der Selbstversuch suspekt“, sagt der Medizinhistoriker.

Deshalb verschwindet die Methode des Selbstversuchs etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts aus den biologischen Wissenschaften. Das hat den Arzt Werner Forßmann im Jahr 1929 aber nicht davon abgehalten, sich selbst einen Herzkatheter zu legen. Seinen Selbstversuch beschrieb er einige Monate später, da arbeitete er bereits an der Berliner Charité,  heroisch in einem Aufsatz. Sein Chef Ferdinand Sauerbruch warf ihn daraufhin raus – mit der Begründung, dass Forßmann mit diesen Zirkusstückchen nicht habilitieren könne. Forßmann erhielt 1956 den Nobelpreis.

Während der Selbstversuch in vielen Wissenschaften verschwand, blieb er in der Psychologie und Psychopharmakologie bis in die Siebzigerjahre erhalten. Also in den Fachbereichen, in denen eine auf psychische Vorgänge gerichtete Beobachtung erforderlich ist. „Ärzte wollten zum Beispiel wissen, wie die Gedankenwelt eines Menschen aussieht, der eine Psychose hat“, sagt Charité-Forscher Hess.

Und auch die Behandlung psychischer Erkrankungen sollte durch Wirkstoffe, die Psychopharmaka, ermöglicht werden. Sie beeinflussen Stimmung, Gefühle und Wahrnehmung. Zu Selbstversuchen in der Psychopharmakologie hat auch der Medizinanthropologe Nicolas Langlitz geforscht. Er war Post-Doktorand am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und lehrt seit 2010 an der New School for Social Research in New York. „Für meine Promotion habe ich unter anderem die Arbeit von Psychopharmakologen am Universitätshospital in Zürich beobachtet. Dort erprobten die Wissenschaftler bis 2005 das experimentelle Setting in Pilotstudien zunächst an sich selbst“, sagt Langlitz.

Selbstversuche in der Pharmakologie in den Siebzigerjahren gang und gäbe

Das wurde dann jedoch von der Hospitalleitung untersagt. Langlitz beschreibt folgenden Grundkonflikt: Die Gegner von Selbstversuchen sagen, dass diese Experimente die wissenschaftliche Objektivität gefährden. Die Befürworter argumentieren, dass jemand, der zu Halluzinogenen forscht, die Wirkung am eigenen Leib erfahren sollte.

Damit weiß der Forscher, was Probanden bei der Einnahme der Substanz erleben. Auch Volker Hess sagt, dass die Mediziner einen neuen Ansatz oft zunächst an sich testen wollten, um zu sehen, ob er funktioniert. Ärzte seien besonders geschult in dem, was sie beschreiben. So waren Selbstversuche in der Pharmakologie in den Siebzigerjahren noch gang und gäbe.

Entscheidend seien die Selbstversuche auch deshalb gewesen, weil viele wichtige Medikamente, die der Psychopharmakologie heute zur Verfügung stehen, Zufallsfunde waren. „Auch heute werden neue psychiatrische Medikamente nicht gezielt auf ihre Wirkungen aufs Gehirn designt“, sagt Langlitz. „Tatsächlich verstehen wir trotz aller Fortschritte in den Neurowissenschaften nicht einmal recht, warum die altbekannten Substanzen wirken, wie sie wirken.“

Den ersten Schritt beim Test neuer psychopharmakologischer Substanzen in der Forschung bilden mittlerweile Tierversuche. Sind sie auf dieser Ebene nicht vielversprechend, werden sie nicht am Menschen erprobt. „Aber es ist schwierig, aus dem Verhalten einer Labormaus zu schließen, wie eine Substanz die Erfahrungswelt eines Patienten verändern wird, da man Tiere ja nicht befragen kann und nicht garantiert ist, dass sie neurobiologisch so ticken wie wir“, erklärt Langlitz. An der University of California in San Diego werden Substanzen auf mögliche antipsychotische Wirkungen an Nagetieren getestet.

Seit den Achtzigerjahren sind Zehntausende Tiere daran gestorben – doch ein neues Mittel habe die Forschung nicht auf den Markt gebracht.  „Teilnehmer solcher Studien müssen versichert sein, das macht heutige Pharma-Versuche auch so teuer“, sagt Langlitz.

Ritalin in den Fünfzigern entdeckt

Viele der heute verschriebenen Medikamente seien schon vor Jahrzehnten entwickelt worden. Zum Beispiel wurde Ritalin bereits in den Vierzigerjahren, die klassischen Antipsychotika und Antidepressiva in den Fünfzigern entdeckt. In den späten Siebzigern wurde noch das Antidepressivum Prozac hergestellt, in Deutschland kam es 1990 als Fluctin auf den Markt.

„Danach sind nicht mehr viele genuin neue Präparate auf den Markt gekommen. Bei den bestehenden Wirkstoffen wurden Kleinigkeiten in der chemischen Zusammensetzung geändert, um neue Patente anmelden zu können“ sagt Langlitz. „Man kann darüber spekulieren, ob diese Krise psychopharmakologischer Innovationskraft nicht auch mit dem Wegfallen der Selbstexperimente zu tun hat.“
Zumindest finden die Ergebnisse psychopharmakologischer Selbsttests keinen Eingang mehr in die publizierten Studien der Wissenschaftler. Völlig ausschließen wollen aber weder Nicolas Langlitz noch Volker Hess, dass einige Forscher neu entwickelte Substanzen doch zuerst an sich selbst probieren.