Der Lolli, den sich Kim Kardashian auf einem Bild auf ihrem Instagram-Account zwischen die aufgespritzen Lippen schiebt, sieht zunächst harmlos aus – einfach ein roter Lutscher an einer weißen Stange. Doch tatsächlich ist das Ding angeblich ein Mittel zum Abnehmen. Er gehört zu einer ganzen Reihe von Produkten, die unter dem Markennamen Flat Tummy als Appetitzügler dienen soll. Wer so einen Lolli lutscht oder eine Mahlzeit durch einen Proteinshake der Firma ersetzt, soll angeblich keinen Hunger mehr verspüren und so schnell Gewicht verlieren können.

Paolo Cirio durchsuchte Instagram gezielt nach gefährlicher Influencer-Werbung 

Verbraucherschützer sehen das anders: Für sie ist Flat Tummy ein starkes Abführmittel, das Durchfall, Magenkrämpfe und Kopfschmerzen auslösen kann. Wer solche Produkte nutzt, kann zwar wirklich kurzzeitig Gewicht verlieren. Aber sobald man die kostspieligen Mittel absetzt, kommt der Hunger zurück – oft sogar stärker als zuvor.

Flat Tummy ist eine der Firmen, mit denen Kim Kardashian einen Werbevertrag hat. Und so beglückt sie ihre 120 Millionen Follower auf Instagram, darunter Kinder und Jugendliche, regelmäßig mit Werbung für Produkte des Unternehmens.

Cirio will solche Manipulationen nicht hinnehmen. Der italienische Künstler, der in New York lebt, hat unter dem Titel „Ambition“ eine Serie von Arbeiten geschaffen, die sich mit den unethischen Werbepraktiken internationaler Influencer beschäftigt. Sie sind zurzeit in der Berliner Galerie NOME zu sehen. Cirio hat Instagram gezielt nach Werbung für gefährliche Produkte und Schleichwerbung durchsucht. Da sitzt dann die Russin Alina Tapilina mit Wodka in der Hand und grimassiert in die Kamera, der Grieche Konstantinos Papathomas zieht an einer E-Zigarette.

Die Street-Art-Version von Paolo Cirios Ausstellung erreicht die richtige Zielgruppe 

Oft ist nicht klar zu erkennen, ob es sich um bezahlte Präsentationen handelt, oder ob die Tschechin Vanda Janda einfach zufällig gerade einen Milkshake von McDonald’s in der Hand hatte, als sie ein Foto von sich mit dem Rest der Welt teilte – so deutlich wie das Logo der Fast-Food-Kette zu sehen ist, ist es allerdings höchstwahrscheinlich bezahlte Werbung. Je nach Popularität eines Influencers kann man so 5000 Dollar und mehr mit einem einzigen Foto verdienen.

Die Bilder hat Cirio auf Glasscheiben aufgezogen und so arrangiert, dass Bildelemente, die die verführerische Wirkung der Aufnahmen ausmachen, stärker ins Auge fallen. Weil ihm aber klar ist, dass er mit einer Galerieausstellung kaum die eigentliche Zielgruppe von Instagram erreicht, hat er die Bilder auch auf Poster gedruckt und in Berlin im Stadtraum geklebt. Die Street-Art-Version der Arbeit würde von Jugendlichen zur Kenntnis genommen, die so versiert in der Analyse solcher Bildbotschaften seien, dass sie auch die versteckte Werbung wahrnehmen würden, glaubt Cirio.

Cirios bekannteste Arbeit sind die „Streetghosts“

Das Werk von Cirio kreist um unethische Methoden, mit denen Internetunternehmen Geld verdienen wollen. Oft nutzt er dabei die Methoden eines Hackers: Für sein Projekt „Face to Facebook“ von 2011 lud er 250.000 Porträtbilder aus dem sozialen Netzwerk herunter und fütterte damit eine Pseudo-Datingseite, die er selbst programmiert hatte. Der Aufschrei war groß. Facebook musste sich für den achtlosen Umgang mit den Fotos seiner Nutzer entschuldigen und die gravierenden Sicherheitslücken schließen, die die Aktion erst ermöglicht hatten.

Cirios bekannteste Arbeit sind aber die „Streetghosts“. Hier vergrößerte er die Bilder von Passanten, die unfreiwillig für Google Street View fotografiert worden waren, auf Lebensgröße. Die verpixelten Konterfeis klebte er an die Wände, vor denen diese Leute aufgenommen worden waren, ohne dass man sie je um Erlaubnis gefragt hätte. An einigen Wänden in Kreuzberg finden sich noch Reste dieser Arbeit.

Die Bilder aus Cirios Ausstellung sind käuflich zu erwerben - ein böser Scherz 

Auch in der anderen Arbeit, die in Berlin zu sehen ist, legt sich Cirio mit einem internationalen Medienunternehmen an. In der Datenbank der Fotoagentur Getty Images hat er Bilder gefunden, die aus dem amerikanischen Nationalarchiv und von der Website des Weißen Hauses stammen. Eigentlich sind diese Aufnahmen urheberrechtsfrei. Wer sie aber von Getty bezieht, um sie zu veröffentlichen, zahlt an die Firma.

Cirio hat die Bilder mit allen Informationen zu Rechteinhaber und Fotograf ausgedruckt und weiß gerahmt. „Gerahmt durch Paolo Cirio“ sind diese Bilder nun für 1500 Euro in der Galerie zu erwerben – ein böser Scherz über Unternehmen, die aus geistigem Eigentum anderer Gewinne beziehen.