Durban - Ihre schwarze E-Zigarette hält sie meist in der Hand und zieht immer mal daran, wenn sie fertig gesprochen hat oder ihr Gegenüber spricht. Ihre Stimme ist tief wie nach einer durchfeierten Nacht. Françoise Barré-Sinoussi ist zurückhaltend, sie braucht nicht viele Worte, um auf den Punkt zu kommen. Bei der Welt-Aids-Konferenz im südafrikanischen Durban vergangene Woche hat sie einige Pressekonferenzen moderiert, zahlreiche Interviews gegeben und Vorträge gehalten. Ihre Tage waren durchgetaktet. Doch sie blieb immer freundlich, auch noch beim Dutzendsten Interview zu den gleichen Fragen.

Françoise Barré-Sinoussi war bereits vor der Welt-Aids-Konferenz angereist – zu einer Tagung, bei der sich internationale Wissenschaftler über die neuesten Erkenntnisse zur Heilung der HIV-Infektion austauschten. Die französische Virologin hat dieses Symposium vor sechs Jahren mit ins Leben gerufen.

Berühmt wurde die heute 68-Jährige, weil sie und ihr Kollege Luc Montagnier im Jahr 1983 das HI-Virus entdeckten. Seitdem hat sie zu dem tödlichen Virus geforscht – eine gesamte wissenschaftliche Karriere lang, mehr als 30 Jahre ihres Lebens.

Die nächsten Schritte

Offiziell ist Françoise Barré-Sinoussi seit dem vergangenen Jahr im Ruhestand. Doch die Virologin arbeitet immer noch für das Institut Pasteur in Paris, außerdem ist sie Mitglied der Internationalen Aids-Gesellschaft und eine der Vorsitzenden eben jenes Symposiums „Towards an HIV Cure“, das sie 2010 mit begründete. Übersetzt heißt es „Hin zu einer Heilung von HIV“.

Mitte Juli haben Barré-Sinoussi und 58 internationale Wissenschaftler im Fachmagazin Nature Medicine ihre wissenschaftliche Strategie vorgestellt, mit der sie die Erforschung eines HIV-Heilmittels voranbringen wollen (siehe Kasten).

Darin beantworten die Forscher zuerst die Frage, warum ein Heilmittel für HIV überhaupt gebraucht wird. Denn kritische Stimmen bringen immer wieder das Argument, dass weltweit noch nicht einmal alle HIV-positiven Menschen Zugang zu Medikamenten haben – und Geld zunächst für eine bessere Versorgung verwendet werden sollte, statt für die Erforschung eines Wirkstoffs.

„Diese beiden Dinge kann man nicht miteinander vergleichen“, sagt Françoise Barré-Sinoussi. Beides sei wichtig. Denn die medikamentöse Behandlung, so die Forscher in ihrem Strategiepapier, sichert das Leben der Betroffenen. Andererseits können die Medikamente auch beträchtliche Nebeneffekte wie chronische Entzündungen auslösen. Zudem bedeutet eine lebenslange Behandlung eine enorme Belastung für das Gesundheitssystem. Der Organisation Unaids zufolge würde es im Jahr 2017 ungefähr 19,3 Milliarden Dollar (etwa 17,5 Milliarden Euro) kosten, 90 Prozent der Menschen mit antiretroviralen Medikamenten in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen zu versorgen.

Bei der Konferenz musste Françoise Barré-Sinoussi oft die Frage beantworten, wann die Welt mit einem Heilmittel gegen das gefährliche Virus rechnen kann. Jedes Mal reagierte sie ohne große Umschweife. „Fragen Sie mich nicht nach einem Datum. Hätten Sie mich 1983 gefragt, wann wir die Infektion behandeln können, hätte ich gesagt, ich weiß es nicht“, sagt die Forscherin. Ihr französischer Akzent ist in ihrer englischen Aussprache nicht zu überhören. „Wir haben keine Wunderpille“, sagt sie. „Wir stützen uns auf den medizinischen Fortschritt und Daten. Entsprechend der Daten, die wir finden, ändern wir unsere Strategie.“

Als die Virologin zusammen mit Luc Montagnier das Virus entdeckte, war sie 35 Jahre alt. Damals, Anfang der 1980er-Jahre, begann die Welt zu begreifen, dass diese Epidemie dabei war, sich global rasant zu verbreiten – und zahlreiche Menschenleben kosten würde. Bis heute starben an den Folgen von HIV und Aids etwa 35 Millionen Menschen.

Francoise Barré-Sinoussi erinnert sich noch sehr genau an die Entdeckung des Virus, aus heutiger Sicht ein Meilenstein. Sie und ihr Kollege arbeiteten damals am Institut Pasteur in Paris. Ihnen gelang die Isolierung und Charakterisierung des neuen Virus, der später die Bezeichnung Human Immunodeficiency Virus (HIV), menschliches Immunschwächevirus, erhielt.

Keine Zeit, um nachzudenken

Die Forscher arbeiteten mitten in einem globalen Notfall. „Als wir das Virus 1983 entdeckten, waren wir in großer Eile“, sagt die 68-Jährige. „Wir hatten nicht einmal Zeit, darüber nachzudenken. Wir wussten, wir müssen uns beeilen, um einen Test zu entwickeln und den Beweis zu erbringen, dass HIV Aids verursacht.“ Dies gelang ihnen und ihren internationalen Kollegen in den darauffolgenden Monaten.

Die Zeit nach der Entdeckung des Virus sei für sie die schrecklichste Zeit ihres Lebens gewesen, sagt Françoise Barré-Sinoussi. Die Forscherin, die sich sonst mit persönlichen Geschichten zurückhält, beginnt zu erzählen. Nicht pathetisch, sondern authentisch beschreibt sie ihre Erinnerungen. „Damals kamen Menschen zu uns, die mit dem HI-Virus infiziert waren. Sie fragten uns, was das Virus ist, was wir tun würden, um sie von dem Virus zu heilen“, erzählt die 68-Jährige.

„Wir Wissenschaftler wussten, dass es Zeit brauchen wird, um eine Behandlung für die Betroffenen zu entwickeln. Wir wussten, nicht wie lange – aber wir wussten, es würde dauern.“ Sie habe vor Menschen gesessen, die in einer furchtbaren Verfassung waren und innerhalb weniger Wochen und Monate sterben würden. Die einzige Möglichkeit hätte darin bestanden, sie ohne Behandlung möglichst lange am Leben zu erhalten. „Wir hatten für diese Menschen keine Lösung. Das war die schlimmste Erfahrung in meinem ganzen Leben“, sagt die Französin.

Mails zum Nobelpreis

In dieser Situation habe sie den Betroffenen einen pragmatischen Rat gegeben: mit anderen HIV-positiven Menschen zusammenzuarbeiten und sich um diejenigen zu kümmern, denen es gesundheitlich wesentlich schlechter geht. „Ich dachte, vielleicht würde das den Menschen ein Ziel geben – also für sich selbst, um am Leben zu bleiben. Und auch für die anderen, um sie am Leben zu erhalten“, sagt Françoise Barré-Sinoussi. „Möglicherweise, so dachte ich, würde ihnen das auch helfen, mit dem Virus zu leben, vielleicht sogar bis wir eine Behandlung entwickelt haben.“

Der große medizinische Fortschritt folgte dann mehr als zehn Jahre nach der Entdeckung des Virus. Im Jahr 1996 kam die antiretrovirale Therapie auf den Markt. Seitdem haben sich die Medikamente kontinuierlich verbessert, ermöglichen HIV-positiven Menschen ein relativ normales Leben.

Für die Entdeckung des HI-Virus erhielten Françoise Barré-Sinoussi und ihr Kollege im Jahr 2008 den Medizinnobelpreis. „Nach der Bekanntgabe der Nobelpreise habe ich zwei E-Mails bekommen von Menschen, die ich Anfang der 1990er-Jahre getroffen hatte“, erzählt die Professorin. „Sie schrieben mir: Wir wissen nicht, ob Sie sich an uns erinnern, aber wir haben Sie damals in Paris besucht. Sie empfahlen uns, uns um andere HIV-Infizierte zu kümmern. Wir arbeiten seitdem bei Organisationen, die genau das tun. Uns geht es mittlerweile gut. Wir wollten uns nur bei Ihnen bedanken.“ Die Französin strahlt. Sie sagt, es sei wundervoll gewesen, diese Mails zu bekommen und zu wissen, dass die Menschen leben. Sie zieht an ihrer E-Zigarette.

Die Erforschung des HI-Virus hat die Karriere von Françoise Barré-Sinoussi bestimmt. Sie ist Zeitzeugin einer der verheerendsten Epidemien unserer Zeit. „Wir lernen immer mehr über die Kommunikation von Zellnetzwerken, also welche Signale ausgesendet werden und welche Funktionen sie auslösen“, erklärt die Virologin. „Die Forschung zu HIV hat viel dazu beigetragen, diese Mechanismen zu verstehen.“ Doch noch immer gebe es große Wissenslücken, die die künftige Forschung schließen müsse.