Einer der rätselhaftesten Funde aus der frühen Menschheitsgeschichte ist das Fossil KNM-ER 1 470. Es ist ein zwei Millionen Jahre alter Schädel mit Raum für ein großes Gehirn und ein langes, flaches Gesicht. Vor vierzig Jahren wurde er in der Nähe des kenianischen Turkana-Sees entdeckt. Der Fund löste eine langjährige Debatte darüber aus, welcher Art der Gattung Homo dieses Antlitz zuzuschreiben ist und wie viele Homininen-Arten es neben dem direkten Vorfahren des modernen Menschen, Homo erectus, in der Zeit vor zwei Millionen Jahren noch gab.

Im Wissenschaftsmagazin Nature stellen Forscher um Meave Leakey vom Turkana Basin Institute in Nairobi nun neue Funde vor, die gut zu dem Schädel Nummer 1 470 passen und die damit die Annahme bestätigen, dass neben Homo erectus wenigstens zwei weitere Arten des frühen Homo lebten. Damit ist klar, dass an der Basis der menschlichen Abstammungslinie eine größere Vielfalt herrschte als lange gedacht. Zugleich steht die Frage im Raum, was das Besondere an H. erectus war, dass sein Zweig im menschlichen Stammbaum fortbestand, die anderen aber endeten.

Ein Schädel und zwei Unterkiefer

Bei den jetzt präsentierten Funden handelt es sich um einen Gesichtsschädel, der dem Fossil 1 470 sehr ähnlich ist, einen vollständig erhaltenen Unterkiefer und einen Teil eines Unterkiefers. Sie wurden vor einigen Jahren im Koobi-Fora-Gebiet am kenianischen Turkana-See entdeckt – und zwar im Umkreis von nur zehn Kilometern von der damaligen Fundstätte. Die neuen Funde sind zwischen 1,78 und 1,95 Millionen Jahre alt.

Die Freude der Forscher ist groß. „In den vergangenen 40 Jahren haben wir in den gewaltigen Sedimentflächen rund um den Turkana-See angestrengt nach Fossilien gesucht, die die einzigartigen Merkmale des Gesichts von Fossil 1 470 teilen und uns zeigen, wie seine Zähne und sein Unterkiefer ausgesehen hätten“, berichtet Meave Leakey, die das Projekt im Koobi-Fora-Gebiet zusammen mit ihrer Tochter Louise leitet. „Endlich haben wir einige Antworten gefunden“, ergänzt die renommierte Paläoanthropologin.

Als der rätselhafte Schädel 1972 gefunden wurde, war bald klar, dass er nicht dem Homo erectus zuzuordnen ist, dem direkten Vorfahren des modernen Menschen. Neben H. erectus wusste man aus der Zeit vor zwei Millionen Jahren jedoch nur vom Homo habilis, von dem vor mehr als 50 Jahren erstmals Fossilien in Tansania ans Licht kamen.

Doch auch zu ihm schien der kenianische Schädel nicht zu passen. In den 80er-Jahren wurde deshalb der Name Homo rudolfensis für den Fund eingeführt – also eine weitere frühe Art der Gattung Homo. „Viele Forscher, auch der Entdecker des Fossils, Meave Leakeys Mann Richard, fanden diesen Schritt jedoch voreilig“, sagt der an der Publikation beteiligte Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Korrekter wäre es gewesen, sagt der Forscher, weitere Funde abzuwarten. „Doch der Artname war geboren und wurde von der dafür zuständigen internationalen Kommission, wenn auch zähneknirschend, akzeptiert, weil formal alle Kriterien zur Artbeschreibung erfüllt waren.“ Seither warteten Experten gespannt darauf, ob weitere Funde die Existenz von Homo rudolfensis bestätigen würden oder nicht.

Keine Gesichtsknochen

Die neuen Fossilien passen gut zum Fund 1470. „Wichtig ist, dass nun auch Zähne und ein Unterkiefer das Bild dieses Frühmenschen komplettieren. Beides fehlte bisher“, sagt Spoor. Dennoch hält sich das Forscherteam abermals dezent zurück, wenn es um die Benennung der neuen Funde geht. „Wir haben uns entschieden, den neu entdeckten Fossilien keinen Namen zu geben“, sagt Spoor. Das liegt daran, dass das Fossil 1470 sowie die neuen Funde im Prinzip auch eine ungewöhnliche Variante des Homo habilis sein könnten. Diese Unsicherheit rührt daher, dass das erste, die Art prägende Homo-habilis-Fossil keine Gesichtsknochen hat.

Es ist lediglich ein Unterkiefer, der dazu noch recht deformiert ist. Er bietet viel Spielraum für Interpretationen. Wissenschaftlich eindeutig klären lässt sich die Frage zurzeit nicht. „Wir müssen uns diesen Unterkiefer noch genauer ansehen, bevor wir sagen können, ob er zur gleichen Art wie Fossil 1 470 gehört oder nicht“, sagt Spoor.

Auch wenn die offizielle Benennung der Funde vom Turkana-See noch aussteht, ist sich Spoor recht sicher, dass im heutigen Kenia vor zwei Millionen Jahren mehrere frühe Homininen-Arten nebeneinander lebten. „Sie könnten sich voneinander abgegrenzt haben, indem sie sich auf verschiedene Primärnahrungsmittel konzentrierten“, sagt er. Die langen Gesichter und die verkürzten vorderen Zahnreihen der neuen Fossilien deuteten etwa darauf hin, dass diese Art ihre Nahrung hauptsächlich mit den Backenzähnen zerkaute.

Spoor hofft, dass Untersuchungen früher Arten der Gattung Homo auch die Frage klären helfen, warum Homo erectus so erfolgreich war, in viele Teile der Welt expandierte und schließlich der Vorfahre des modernen Menschen wurde.

Das Erfolgsmodell hat große Gehirne, kleine Gesichter und Zähne sowie große Körper mit langen Beinen. Homo sapiens Cousins vor zwei Millionen Jahren waren den Schimpansen noch viel ähnlicher.