Dahlem - Oxford im Grünen – so sehen die Verantwortlichen der Freien Universität (FU) Berlin ihren Dahlemer Campus gern. Er empfängt einen mit viel Ruhe und Vogelgezwitscher. In das alte Villenviertel an der Königin-Luise-Straße sind die neueren Bauten der Hochschule eingestreut. Man kommt vorbei am großen gläsernen Campushotel mit üppig beranktem Innenhof. Nicht weit davon hat in einem Glas-Beton-Neubau das FU-Institut für Biologie seinen Sitz.

Im großen hellen Foyer sitzen einige Studenten an Tischen, essend, lesend, diskutierend. Nicht weit von ihnen stehen ein paar Schautafeln, um die sich gerade niemand kümmert. Dabei zeigen sie ein Stück Zukunft: ein Modell für die wissenschaftliche Zusammenarbeit des 21. Jahrhunderts.

Kooperation verschiedenster Disziplinen

In einigen Jahren soll hier ganz in der Nähe ein Gebäude für das Fachgebiet Biodiversitätsforschung entstehen. Der Baubeginn ist für 2019 vorgesehen. Fertig sein soll das Gebäude 2021. Vor einigen Tagen erst hat eine Jury in einem Architektenwettbewerb, für den sich 170 Interessenten beworben hatten, den Sieger ermittelt.

Unter 20 Wettbewerbsteilnehmern setzte sich das Büro Glass Kramer Löbbert durch. Die in Kreuzberg ansässige Gesellschaft von Architekten, wie sie sich nennt, überzeugte mit einem Entwurf, der nach Meinung der Jury genau das verkörpert, was moderne Wissenschaft ausmachen soll. Dabei geht es um die enge Kooperation verschiedenster Disziplinen und Nachhaltigkeit.

Gemeinsame Labore und Büros

Das neue Wissenschaftsgebäude ist fünfeckig und hat drei Stockwerke. Es wird harmonisch in einen baumbestandenen Park integriert. Die Architekten haben es so entworfen, dass es möglichst kompakt ist, innen kurze Wege hat und zum Park hin durch Loggien geöffnet ist. Voraussichtlich 135 Wissenschaftler werden hier arbeiten.

Eine Besonderheit des Entwurfs ist, dass damit zum ersten Mal überhaupt für ein Laborgebäude die höchste Qualitätsstufe „Gold“ nach dem Bewertungssystem Nachhaltiegs Bauen für Bundesgebäude (BNB) angestrebt wird. Der Neubau, für den Gesamtbaukosten von 17,8 Millionen Euro vorgesehen sind, soll nicht nur energieffizient sein, was etwa einen Sonnenschutz mit Lichtlenkung und eine Photovoltaikanlage beinhaltet.

Es gehe um mehr, erklärt der Architekt Johannes Löbbert. Zum Beispiel soll das Gebäude im Innern eine so offene Struktur besitzen, dass es später auch für ganz andere Zwecke genutzt werden könnte – falls sich die Anforderungen einmal ändern sollten. Bei der Planung wird die gesamte Lebenszeit des Gebäudes betrachtet. Es wurden bewusst langlebige und bei einem späteren Abriss recyclingfähige Baumateralien ausgewählt.

Cluster-Idee in der Berliner Hochschuldebatte

Einer, der sich bereits auf das neue Gebäude freut, ist Matthias Rillig, FU-Professor für Ökologie der Pflanzen. Er sitzt gleich um die Ecke am Botanischen Garten. Er erklärt, was aus Sicht der Wissenschaft an diesem Haus bedeutend ist.

Dazu muss man kurz ausholen: Vor 14 Jahren brachte der damaligen Präsidenten der FU Berlin, Dieter Lenzen, die sogenannte Cluster-Idee in die Berliner Hochschuldebatte ein. Die Fächer sollten besser zusammenarbeiten und um ein Thema herum vernetzt werden. Seitdem hat sich viel getan. In einem bundesweiten Elite-Wettbewerb bildeten sich sogenannte Exzellenzcluster. In der Wissenschaft wurde es Usus, dass Universitäten auch in der alltäglichen Forschung und Lehre eng mit außeruniversitären Instituten zusammenarbeiten – bis hin zu gemeinsamen Professuren.

Matthias Rillig, 1968 in Speyer geboren, ist zum Beispiel Direktor des Berlin-Brandenburgischen Instituts für Biodiversitätsforschung (BBIB), das 2013 gegründet wurde. Es wird gemeinsam getragen von vier Universitäten – aus Berlin und Potsdam – sowie fünf Leibniz-Instituten. Eines davon ist das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), das am Müggelsee sitzt.

Erforschung der biologischen Vielfalt

In dem neuen Gebäude nun sollen Biologen der FU Berlin und des IGB zusammenziehen. „Damit soll die bereits bestehende Partnerschaft zwischen den Instituten auch räumlich gefestigt werden“, sagt Rillig. Außerdem stehe das IGB vor der Aufgabe, Laborplätze zu schaffen, weil es in den letzten Jahren stark gewachsen ist.

Konkret geht es um Biodiversität, also die Erforschung der biologischen Vielfalt und der Lebensräume, die durch verschiedene Entwicklungen bedroht sind. Wie Matthias Rillig erklärt, sind die Biodiversitätswissenschaften ein noch relativ junges Forschungsgebiet, das sich aber im Laufe der Zeit bereits relativ stark fragmentiert hat.

„Es gibt Forscher, die sich mit Lebensräumen im Wasser, mit den dortigen Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen befassen“, sagt Rillig. „Wir sagen dazu, dass sie ,aquatisch’ ausgerichtet sind. Sie sitzen am IGB.“ Die Forscher an der FU dagegen hätten eine „terrestrische“ Ausrichtung. Sie beschäftigten sich vor allem mit Wald und Wiese und Agrarökosystemen.

„Beide Forschergruppen gehen zu unterschiedlichen Konferenzen, publizieren in verschiedenen Journalen. Sie treffen sich also normalerweise nie, lesen auch selten, was auf dem jeweils anderen Gebiet geschrieben wird.“ Hinzu kommt, dass sich manche eher mit der Evolution befassen, andere eher mit Ökologie. Manche arbeiten eher mit Modellen, andere mit Experimenten.

In dem neuen Gebäude für Biodiversitätsforschung sollen nun Brücken gebaut werden zwischen den verschiedenen Richtungen. Der Entwurf des Architektenbüros Glass Kramer Löbbert sieht dabei vor, dass beide Institute nicht nur unter einem Dach liegen, sondern dass es gemeinsame Labore und Bürotrakte geben soll, sowie Bereiche, wo man sich trifft. Matthias Rillig begrüßt diesen Ansatz. Denn erst, wenn man sich täglich begegne, fange man an zu reden, sagt er. „Und dann merkt man: Aha, was die machen, ist ja gar nicht so viel anders als das, was ich mache. Und daraus entstehen dann oft Wissensschübe, auch wenn sie noch so klein sind.“

Boden als Kohlenstoff-Speicher

Er selbst erforsche zum Beispiel, was am Boden passiert. Für viele Leute sei der Boden nicht mehr „als das Zeug, das man sich aus den Schuhen rauskratzt“. Dabei könne die Menschheit ohne ihn nicht überleben, weil er die Grundlage für unsere Nahrung ist.

Rillig verweist auf das Buch „Kollaps“ des US-amerikanischen Evolutionsbiologen Jared M. Diamond, der das Schicksal den menschlichen Zivilisationen untersuchte. Bei jeder Zivilisation, die untergegangen sei, ziehe der Autor am Ende den Schluss: Sie habe ihren Boden missachtet oder nicht ausreichend gemanagt. „Und auf solch eine Situation steuern wir ja momentan auch wieder hin“, sagt Rillig.

Speziell befasst er sich seit 20 Jahren damit, wie die Bodenkrümel gebildet werden, genannt Boden-Aggregate. Sie bestehen aus organischem Material von Pflanzen, Tieren, Mikroorganismen, sowie aus Bodenmineralen. Wenn es die Krümel nicht gebe, dann würde der Boden vom Wind weggeweht oder vom Regen weggewaschen werden. Außerdem wird in ihnen unter anderem Kohlenstoff gespeichert, dieser ist dann der Atmosphäre also Kohlendioxid entzogen.

„Davon hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört“

Dafür wiederum interessieren sich zur Zeit viele Forscher, und zwar vor dem Hintergrund des Klimawandels, ausgelöst durch den weltweiten CO2 -Ausstoß. Die Böden sind nach den Ozeanen die größten Kohlenstoff-Speicher der Erde.

„Bei einem Treffen mit Forschern des IGB habe ich nun einen Mikrobiologen getroffen, der mir sagte, dass es solche Aggregate, wie ich sie im Boden als Krümel erforsche, auch im Wasser gebe“, erzählt Matthias Rillig. „Davon hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört.“ Es seien ebenfalls organische Partikel. Sie würden von Mikroorganismen zusammengehalten und schwebten im Wasser. „Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Gebilden“, sagt der Biologe. „Aber es gibt auch Ähnlichkeiten in den Prozessen und den Organismen, die daran beteiligt sind.“

Forscher könnten also voneinander lernen, wenn sie solche Querverbindungen entdeckten. Man erfährt, auf welchem Stand die Kollegen der anderen Richtung sind. „Vielleicht sind sie ja viel weiter in ihrer Wissenschaft und man könnte ihre Erfahrungen nutzen.“