So habt ihr Farben noch nie gesehen“, behauptet Mai Thi Nguyen-Kim in ihrem Youtube-Kanal MaiLab – und dann spricht sie genau 17 Minuten lang über Physik, Anatomie, Literatur und Kulturgeschichte. Der Zuschauer lernt, dass Menschen Trichromaten sind, warum das Blau in der Odyssee kaum vorkam und weshalb jeder die Farben anders sieht. Und dann sind die 17 Minuten auch ganz schnell vorbei.

Alkohol-Selbstversuch

Die promovierte Chemikerin, die sich selbst „Science-Nerd“ nennt, hat eine sehr erfrischende und ansteckende Art, sich mit Wissenschaft zu beschäftigen. So erklärt sie im Video „Beyonce macht dumm“ den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität, sie fragt nach dem Sinn der Low-Carb-Diät und greift für die Frage, wie Asiaten Alkohol vertragen, sogar zum Selbstversuch. 

Kürzlich bekam „MaiLab“ den „Grimme Online Award“ in der Kategorie „Wissen und Bildung“ und dazu den Publikumspreis. Kurz danach konnte sie sich über den 100.000. Abonnenten ihres Youtube-Kanals freuen. Insgesamt wurden ihre Erklärvideos mehr als sechs Millionen Mal angeklickt.

Der Jugendkanal ohne Fernseher

Dabei ist Mai Thi Nguyen-Kim froh, dass sie nicht Inhalt gegen Reichweite abwägen muss – denn ihre wöchentlich erscheinenden, aufwändig recherchierten Videos werden finanziert von Gebührengeldern. MaiLab gehört zu Funk, dem öffentlich-rechtlichen Angebot von ARD und ZDF für die 14- bis 29-Jährigen. Was das bedeuten kann, ist gerade bei Thi Nguyen-Kim gut zu beobachten. Es geht nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern auch um Aufklärung. Neulich nutzte sie ihre Sendung zu einem Plädoyer für die Wissensgesellschaft. Geschickt spielte sie mit Möglichkeiten des Kanals, ohne ihre Botschaft zu vernachlässigen. Und die lautete: Notwendig ist eine klare Trennung zwischen Meinung und Fakten. Und wichtig auch: Beweisen statt behaupten. 

Diese Altersgruppe, die im Fernsehen kaum noch Sendungen findet, sollte ursprünglich mit einem Jugendkanal angesprochen werden. Doch da die Jugend schon längst bei Youtube und Co zu Hause ist, wurde vor zwei Jahren Funk als „Content-Netzwerk“ gestartet, das nur im Internet abrufbar ist und obendrein viel billiger produziert werden kann. Funk kostet jährlich 45 Millionen Euro – das sind umgerechnet zehn Cent monatlich für jeden Gebührenzahler-Haushalt.

Die Videos kommen im Netz ohne zusätzliche Text-Infos aus, geraten damit nicht mit Zeitungsverlagen in Konflikt und bleiben – anders als Beiträge in Mediatheken – ohne zeitliche Begrenzung abrufbar. 

Funk die Dachmarke

Mai Thi war den ARD-Redakteuren schon mit ihrem Youtube-Kanal „The Secret Life Of Scientists“ aufgefallen und gehörte zu den ersten 40 Kandidaten, die im Oktober 2016 an den Start gingen, damals noch als „Schoenschlau“. Heute sind auf dem Funk-Portal 85 Angebote abrufbar – 60 liefern noch neues Material. Jeder „Funker“ wird durch einen Sender redaktionell betreut. Der RBB kümmert sich um die Monologe des Standup-Komikers Moritz Neumann und um die „Deutschland3000“-Clips von Fritz-Reporterin Eva Schulz – beim MaiLab ist es der SWR. Während viele Kollegen ihren Auftraggeber nicht nennen, weil es offenbar uncool ist, Geld von ARD oder ZDF zu bekommen, hat Wissenschafts-Missionarin Mai Thi kein Problem damit. Neben ihrem MaiLab ist sie im Netz auch für die ZDF-Sendung „Terra X“ aktiv.

Funk ist als Dachmarke aber längst nicht so bekannt wie einzelne von den Sendern produzierte Kanäle. So wurden die Fußball-Videos von „Wumms“, etwa über den brasilianischen Fußballspielers Neymar, mehr als vier Millionen Mal angeklickt. Auch das satirische „Bohemian Browser Ballett“ steuert immer wieder Hits bei. So erfand die Truppe einen „Outfluencer“, der so peinlich ist, dass die Firmen ihn dafür bezahlen, dass er ihre Produkte nicht vor die Kamera hält. Das Video „Sex 2018“, in dem ein Paar im Bett schriftliche Erklärungen, Urintests und eine Trillerpfeife austauscht, erreichte mehr als 30 Millionen Klicks.

„Freunde der Sonne“

Die Funk-Macher haben den Auftrag, überall dort Formate zu entwickeln, wo die Nutzer sind, betont Geschäftsführer Florian Hager. So entwickelte Funk eine inszenierte Snapchat-Serie um eine 19-jährige Münchnerin. „I Am Serafina“ unterschied sich mitunter kaum von den „Scripted Reality“-Formaten der Privatsender und war schließlich auch auf Youtube zu sehen.

Im Netz müssen die jungen Macher allerdings auch lernen, mit teils massiver Kritik und Hetze umzugehen, etwa die „Jäger & Sammler“, die sich mit rechtsextremen Tendenzen auseinandersetzen, den Civis-Online-Medienpreis bekamen, aber auf Youtube dreimal so viel Ablehnung wie Zustimmung erhalten. 

Dieses Problem hat Mai Thi Nguyen-Kim nicht. Viele User, von ihr als „Freunde der Sonne“ angeredet, lassen sich von ihrer ausgerufenen „Science-Seuche“ anstecken, steuern selbst Fakten und Vorschläge zum MaiLab bei und belegen, wie anregend öffentlich-rechtliche Netzformate sein können.