Computerspiele wie „Assassin’s Creed“ machen nur auf leistungsstarken Rechner Spaß, Streamingdienste wollen Abhilfe schaffen. 
Foto: ubisoft

BerlinIn einer Suite im zehnten Stock eines Berliner Nobelhotels am Kurfürstendamm wird so etwas wie ein Zaubertrick vorgeführt: Die große Welt der modernen High-End-Technik versteckt sich in einem kleinen, billigen Laptop. Der Laptop wirkt klapprig, der Bildschirm leuchtet matt. Aber wie durch Zauberhand gleitet auf dem Bildschirm die neue Version des Computerspiels „Call of Duty“ flüssig vorbei, mit hochauflösender Grafik, gleißenden Lichteffekten, einer hohen Bildrate. Spielefans sind beeindruckt, Fachleute erkennen auf den ersten Blick, dass so eine Leistung nicht einfach so aus einem klapprigen Laptop kommen kann.

Netflix war nur der Anfang

Und das stimmt auch. Denn der Trick ist natürlich nur eine Illusion. Nicht der Laptop ist für die hohe Auflösung verantwortlich, sondern Cloud-Computing. Diese Form von Streaming ist viel komplexer als normales Videostreaming wie bei YouTube oder Netflix. Dort klicken die Zuschauer auf einen Play-Knopf und empfangen dann ihr Video als kontinuierlichen Datenstrom. Mehrere Sekunden des Videos werden beim Zuschauer zwischengespeichert, um Wackler in der Verbindungsqualität auszugleichen.

Bei der Präsentation in Berlin geht es um die Gaming-Branche, wo Millisekunden über Erfolg und Misserfolg entscheiden können. Das französische IT-Unternehmen Blade präsentiert seinen Streamingdienst Shadow. Auf dem Billiglaptop läuft eine Anwendung, die alle Steuerbefehle des Nutzers zu einem Rechenzentrum nach Amsterdam überträgt. Laut einem kleinen Infofenster in der Shadow-Anwendung dauert der Hin- und Rückweg nur 27 Millisekunden – eine in Berlin nicht zu spürende Verzögerung.

Ganz neu ist die Technologie nicht. Seit 2010 gibt es Unternehmen, die solche Angebote auf den Markt bringen. Aber die Infrastruktur des Internets war anfangs zu schlecht, die meisten Dienste floppten und verschwanden wieder. Auch Shadow ist schon seit 2015 dabei. Aber die Franzosen planen im kommenden Frühjahr einen Neustart mit mehr Leistung und besseren Preisen.

Die Konkurrenten

Stadia: Bei Googles Streaming-Dienst funktioniert die Technik am Besten. Das Spielen klappt hier am ehesten ohne spürbare Verzögerung. Der Einstieg ist aber noch teuer und kompliziert. Einsteiger müssen etwa 130 Euro für  die „Premiere Edition“ bezahlen.

Shadow: Der Zugriff auf einen vollwertigen Gaming-PC kostet Miete, zwischen 15 und 50 Euro im Monat. Der billigste Rechner ist immer noch eine starke Spielekiste, nur für 4K-Auflösung sind die höheren Stufen sinnvoll. Wer jetzt vorbestellt, soll im April zugreifen können.

PlayStation Now: Sonys Spieledienst PS Now ist bereits vor sechs Jahren gestartet. Inzwischen zahlt sich der Frühstart aus. Zwar ist die Reaktionszeit so gerade noch spürbar, aber das ist nur bei hektischen Action- und Rennspielen ein Problem.

Der vielleicht wichtigste Konkurrent war einige Wochen vor der Shadow-Präsentation an die Öffentlichkeit gegangen. Googles Spielestreaming-Dienst Stadia startete in kleinem Maßstab, im Laufe dieses Jahres sollen sich die Schleusen für breite Kundenscharen öffnen. Microsofts Streamingdienst Project xCloud befindet sich noch in einer Testphase, ebenso GeForce Now des Grafikkartenherstellers Nvidia. Sonys Angebot Playstation Now ist schon seit Jahren online. Was die Konkurrenten verbindet: Jedes Mal wählen die Nutzer Spiele aus einer Bibliothek aus.

Shadow bietet allerdings keine eigenen Spiele an – sondern konzentriert sich auf den Aspekt, dass leistungsstarke Gaming-PCs   teuer sind. Kunden mieten bei Shadow einen Windows-10-PC in der Cloud, dessen Bildinhalt dann per Stream ins eigene Zuhause kommt.  Was darauf installiert wird, ist offen.

Das Angebot ist nicht nur für Gamer interessant, sondern auch für Menschen, die mit 3D-Grafik, Videoschnitt oder anderen leistungshungrigen Bereichen arbeiten. Solche Nutzer seien auch schon unter den 70.000 bisherigen Kunden, erklärte Marketingchef Florian Giraud in Berlin. Aber zuerst würden Gamer angesprochen. Sie sind technikaffin, verstehen das Produkt und haben wahrscheinlich bereits eine Bibliothek von Spielen, die sie auf dem Cloud-PC installieren können.

Ärgerliches Ruckeln

In der Berliner Hotelsuite funktioniert das Streaming fast makellos. Bei einem Praxistest mit einer schnellen, kabelgebundenen Internetverbindung in Dresden läuft es fast noch besser – auch hier liegt die Reaktionszeit im kaum spürbaren Bereich, angezeigt werden stets unter 30 Millisekunden. Nur einmal springt der Wert abends in die Höhe; bei 75 Millisekunden ist die Verzögerung dann durchaus störend. An derselben Verbindung läuft Google Stadia etwas flüssiger und schneller. Hier ist fast nie eine Reaktionszeit zu spüren, dafür sieht das Bild hier öfter verrauscht und matschig aus.

Es fühlt sich an, als teste man eine noch nicht ganz ausgereifte Technologie kurz vor dem Durchbruch. Nur ärgerlich, dass beim Spielen jeder Aussetzer schmerzt. Streaming kann nur dann durchstarten, wenn solche Probleme wirklich selten und noch seltener werden. Gleich mehrere Anbieter wetten, dass es schon 2020 so weit sein wird.