Gaming: Warum das „Franz Kafka Videogame“ eines der schönsten Spiele des Frühjahrs ist

Das hat man sich doch als Schüler, der Kafka lesen musste, immer gefragt: Wer ist eigentlich dieser K. und warum wird sein Name nie ausgeschrieben? Das Videospiel „The Franz Kafka Videogame“ gibt eine ganz unerwartete Antwort, und zwar gleich zu Beginn: K. ist Therapeut für Phobiker. Wir sind in Böhmen im Jahr 1924. Den lockigen Schlacks im engen Anzug werden wir durch eine Reihe von Situationen begleiten, in denen die Figur immer wieder in der Klemme steckt. Situationen, die der Spieler lösen muss.

K. sitzt also im Zimmer, es klopft, man öffnet dann per Mausklick die Tür und da schiebt sich eine zweidimensionale Dame in den Raum. Die Figuren reden in Sprechblasen, das Spiel ist quasi ein lebendiger Comic. Hier spricht nichts, hier gibt es keine Action. Der Spieler taucht in die Welten der kleinen bewegten Tableaus ab – das atmosphärische Sounddesign des Spiels ist ebenfalls sehr gelungen.

Ein-Mann-Projekt

Man geht durch Unterwelten und trifft auf Wesen, die eigentlich aus der Science Fiction stammen müssten. Dann wieder findet man sich in einem Biedermeier-Zimmer wieder. Die Anmutung der Bilder lässt manchmal an Steampunk denken. Jene Fantasie-Ästhetik, die an eine Zeit erinnert, in der die Industrialisierung schon da war, aber der elektrische Strom die Städte noch nicht erobert hatte. Aber meist ist sie einfach ganz einzigartig. Eine Traumreise, so bizarr wie die Romane von Kafka. Von denen das Spiel übrigens nur inspiriert ist – man wird hier vergeblich Zitate aus dem „Prozess“ oder dem „Landarzt“ suchen.

Das Kafka-Spiel ist ein einfaches Game. Die Figur, die man spielt, kann sich nicht durch die Szenerie bewegen. Sie steht an einem Fleck des Bildes, mit dem Mauszeiger kann man einzelne Elemente des Raumes manipulieren. Eine Kugel rollen, einen Würfel bewegen, ein Brett umkippen. Das klingt nach wenig, aber die Design-Einfälle sind oft genial. Man soll einmal auf einer Theaterbühne für ein kleines Mädchen ein Kaninchen suchen (klarer Hinweis auf Alice im Wunderland!), verzweifelt fast daran, weil weit und breit kein Kleintier zu finden ist. Bis man kapiert, dass man ein paar Objekte so verschieben muss, dass der Hintergrund plötzlich wie ein riesenhaftes Kaninchen aussieht.

Dieses Spiel hat noch etwas Einzigartiges an sich: Der Entwickler – der Russe Denis Galanin – hat es allein gemacht. Der Mann aus Jekaterinenburg am Ural kann Programmieren, Geschichten erzählen und ist ein fantastischer Grafiker. Dass ein Spiel wirklich als Ein-Mann-Projekt entsteht, ist die ganz große Ausnahme in der heutigen Videospielwelt. An großen Titeln, wie etwa dem aktuell erfolgreichen „Horizion Zero Dawn“, arbeiten phasenweise 100 bis 200 Personen. Das „Kafka Videogame“ ist quasi eine Reminiszenz an alte Zeiten, als einer noch an seinem C64 eine Idee haben konnte und damit einen Welterfolg schaffte. Beruhigend, dass das auch heute noch in einem gewissen Rahmen möglich ist.

Zwei Auszeichnungen

Und dann noch mit einem gewissen Anspruch. Denn Videospiele und hochkulturelle Inhalte, das passte selten gut zusammen. In „Assassin’s Creed: Unity“ gibt es eine Begegnung mit dem Marquis de Sade, der ist dort ein kompromissloser Revoluzzer – darüber kann man immerhin nachdenken, wie realistisch das sein mag. Das Spiel „Dantes Inferno“, das 2010 bei Electronic Arts erschien, verstand sich als Adaption des ersten Teils der Göttlichen Komödie. Es war aber gefühlt nichts weiter als ein Action-Rollenspiel. Ob „Herr der Ringe“ oder „Metro 2033“ – Spiele, die auf Literatur beruhen, nehmen meist nichts von deren besonderem Wert mit.

Unter den Games hat sich noch gar nicht ganz gezeigt, was „kulturell wertvoll“ bedeuten mag. Bisher trifft das nach allgemeiner Ansicht auf Spiele wie „Heavy Rain“ zu, ein Entführungsdrama, das aus dem Leben eines ganz normalen Familienvaters erzählte – und das noch recht komplex und verschachtelt.

Das „Franz Kafka Videogame“ greift die Welt der Figuren Kafkas nur lose auf. Aber auch das Verwirrspiel, das der Prager Schriftsteller bis zum Exzess betrieb. Weil das so packend funktioniert, erhielt das Spiel schon zwei bedeutende Preise und wird von Usern durchweg hoch gelobt.

Es mag also selbst keine Hochkultur sein, was auch immer das genau heißt. Aber es ist eine sehr schöne Empfehlung, die Werke Frank Kafkas mal wieder aus dem Regal zu ziehen. Und außerdem ist es ein bezauberndes Spiel, das aus seinen geheimnisvollen und eigenwilligen Grafiken heraus funktioniert. Auf dieser Ebene ist es auch in jedem Fall und ganz eindeutig: Kunst.