Gastbeitrag: Sind Antidepressiva lebensgefährlich?

Jährlich Zehntausende Todesfälle durch Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten: Die Angaben schwanken zwischen 16.000 und fast 60.000. Solche Zahlen aus Klinikstatistiken schockieren. Sie lassen auch ernsthaft Erkrankte an den Verordnungen ihrer Ärzte zweifeln. Anbieter von Gesundheitsleistungen ohne Kassenzulassung verweisen gerne auf solche Meldungen, wenn sie von verschreibungspflichtigen Medikamenten abraten. Eine Arzneigruppe wird dabei besonders angefeindet: Antidepressiva.

Antidepressiva gefährdeten ältere Menschen zum Beispiel wegen erhöhter Sturzneigung oder sie verursachten schwerwiegende Herzrhythmusstörungen, heißt es da zum Beispiel. Jüngere würden von Antidepressiva gar in den Suizid oder zu mörderischen Handlungen getrieben. Auch der Kopilot, der den Germanwings-Airbus mit 149 Menschen an Bord in den französischen Alpen zerschellen ließ, habe ja nachweislich Antidepressiva eingenommen. Das Internet bietet eine Fülle von Horrorszenarien mit diesen Medikamenten und mit den Machenschaften der Pharmakonzerne.

Das ist der Preis

Der Berliner Professor Bruno Müller-Oerlinghausen, ehemals Pharmakologe an der Psychiatrischen Universitätsklinik der FU, hat es sich in seinem Ruhestand zur Aufgabe gemacht, vor diesen todbringenden Nebenwirkungen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu warnen. Dabei geht es ihm immer um jene Antidepressiva, die im Gehirn die Nachrichtenübertragung mit dem Botenstoff Serotonin fördern. Folgt man ihm, dann verwandeln sie das „Glückshormon“ Serotonin in einen regelrechten „Unglücksstoff“.

Zu dem kürzlich erschienenen Buch „Unglück auf Rezept“ des Heilpraktiker-Ehepaares Ansari schrieb der Professor, der in seinen Vorträgen gerne Massagen gegen leichtere Depressionen empfiehlt, das Vorwort. Die Autoren unterstellen den auf das Serotonin abzielenden Antidepressiva eine abhängig machende Wirkung nach längerer Einnahme. Das sei der Preis für ihre allenfalls kurzfristige Wirkung gegen Depressionen. Der Professor spricht ihnen diese gewünschte Wirkung von vornherein ab, unterstützt dagegen deren Hauptvorwürfe.

Retter vor monatelangen Qualen

Als spezialisierter Psychiater behandle ich seit bald 25 Jahren Depressionen jeglichen Schweregrades, mit den unterschiedlichsten, auch schweren Begleiterkrankungen und vor dem Hintergrund unterschiedlichster Persönlichkeiten. Habe ich mit weit über tausend Antidepressiva-Rezepten, die ich Jahr für Jahr in meiner Praxis ausstelle, bisher einfach nur Glück gehabt?

Denn Katastrophen wie jene, vor denen diese Nicht-Psychiater warnen, habe ich noch nie erleben müssen. Und zwar mit keinem der von mir verantworteten Antidepressiva, sei es ein Serotonin förderndes oder ein sogenanntes klassisches. Alle verfügbaren Studien und Berichte zeigen, dass gewalttätige Handlungen unter Antidepressiva extreme Einzelfälle sind. Vor allem aber lässt die Berichterstattung der Qualitätspresse einen erfahrenen Psychiater dabei oft an eine zugrundeliegende, leider oft unerkannt gebliebene Persönlichkeitsstörung denken.

Todbringende Nebenwirkungen müssen durch sorgfältige Untersuchung des Betroffenen und durch die kritische Auswahl des eventuell in Frage kommenden Antidepressivums verhindert werden. Hinzu müssen kommen: klare Hinweise für die Betroffenen auf die gebotene Vorsicht im Alltag, Aufklärung gerade auch über Beschwerden, die gefährliche Nebenwirkungen ankündigen (wie eine Zunahme der inneren Unruhe), die Einbeziehung von Angehörigen, eine engmaschige Betreuung und gute Erreichbarkeit seitens des Arztes, regelmäßige Kontrolluntersuchungen.

Weniger schwerwiegende Neben- und Wechselwirkungen können durch niedrige Anfangsmengen, später auch Dosisreduktionen, gemildert werden. Es bleiben Nebenwirkungen, die zwar keinen Schaden anrichten, aber lästig werden können. Das werden sie meist dann, wenn nach zwei bis vier Wochen die Qual der Depression spürbar nachlässt.

Die Abkürzung und Linderung eines schweren Leidens, das unbehandelt Monate dauern kann, ist der entscheidende Zweck der Antidepressiva. Daher nehmen die Betroffenen mögliche Irritationen wie Mundtrockenheit oder eine nach dem Absetzen prinzipiell rückbildbare Gewichtszunahme meist in Kauf.

Ohne die Medikamente wären sie nicht so alt geworden

Das Autorenpaar und andere „alternative“ Heiler sowie Kritiker führen gegen die Antidepressiva ins Feld, dass eine Depression in den allermeisten Fällen spontan wieder abklingt. Das ist richtig. Aber sollen Patienten viele Wochen, womöglich Monate darauf warten müssen? Mit stundenlangem nächtlichen Wachliegen, gepeinigt von dunklen Gedanken? Monatelang jeden Morgen sich zwingen müssen, auch nur aufzustehen, weil der innere Antrieb fehlt? All das aushalten: quälende innere Unruhe, Gedankenkarussell um die eigene Hilflosigkeit, um seinen geringen Selbstwert? Die Denkblockade tagaus, tagein hinnehmen, dadurch unfähig sein zu arbeiten oder auch nur mit Freunden zu reden? Verbunden mit genau diesen Qualen gibt es entschieden mehr Suizide – etwa 10.000 insgesamt pro Jahr – als es todbringende Nebenwirkungen durch die Antidepressiva gibt.

Leider passieren sie: Unglücke aufgrund der fehlerhaften Anwendung eines Medikaments bei Risikopatienten. Menschliches Versagen kommt bei hochtrainierten Spezialisten vor, auch bei Fachärzten. Glücklicherweise ist es selten. Viele der Medikamenten-Toten haben ein hohes Alter und sind vielfach und schwer erkrankt. Sie wären ohne das eine oder andere dieser Medikamente gar nicht erst so alt geworden. Selbstverständlich muss man auch ihr Risiko minimieren.

Große Rückfallneigung

Dass Antidepressiva abhängig machen wie es oft behauptet und im Buch des Ehepaares Ansari sogar in den Mittelpunkt gestellt wird, gehört aus der Sicht der Fachwissenschaft und der klinischen Praxis in das Reich der „alternativen Fakten“, wie man Falschbehauptungen neuerdings nennt. Allerdings sollte das Antidepressivum am Ende der Akutbehandlung über längere Zeit und in kleinen Schritten ausgeschlichen werden. Leider ist die Depression eine Erkrankung mit einer erheblichen Rückfallneigung, so dass bei vielen Betroffenen eine vorbeugende Behandlung notwendig wird. Dabei gewinnen dann auch die Gesprächsverfahren an Bedeutung.

Ein Totschlagargument von Antidepressiva-Gegnern ist, dass die Pharmakonzerne die Studien, die den Antidepressiva eine Wirkung bescheinigen, ohnehin in ihrem Sinne beeinflusst haben. Für die Praxis sind solche Vorwürfe bedeutungslos. Alle praxisrelevanten Antidepressiva haben seit mindestens zehn Jahren keinen Patentschutz mehr. Sie kosten nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Preises. Ihre nach wie vor erfolgreiche Wirkung – auch ohne nennenswertes Marketing – gehört für die Psychiater und für die große Mehrzahl ihrer Patienten schlicht zum Alltag.

Nur eine einzige Firma vertreibt ein sehr bewährtes Antidepressivum in Tropfenform. Diese Zubereitung hat den großen Vorteil, dass der Patient die Anfangsdosen „Tropfen für Tropfen“ selber mitbestimmen kann. Der Autor dieses Artikels bangt, dass die Firma aufgrund einer zu geringen Marge den Vertrieb einstellen könnte. Eine Rezeptur durch einen Apotheker wäre teurer und umständlicher.

Im Internet, aber auch im Bildungsfernsehen und in auflagenstarken Wochenschriften findet sich zudem der Vorwurf, dass korrupte Ärzte passende Diagnosen geradezu erfanden, um einen Markt zu schaffen. Aber die Diagnosen folgen einer Einteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sich mit ihren Definitionen und Kriterien seit fast dreißig Jahren bewährt hat. Hunderte Fachleute waren damals jahrelang mit deren Erstellung befasst. Zur Aufgabe des Psychiaters gehört es, den Schritt von der individuellen Beschwerdeschilderung hin zur offiziellen Diagnose eingehend mit den Betroffenen selber zu besprechen. Zum Behandlungsbündnis gehört, dass sich Patient und Arzt auch darin einig sind.

Ulrich Leutgeb, geboren 1953, ist seit fast 25 Jahren Psychiater und betreibt eine Praxis in der Nähe von Bayreuth.

Jüngst erschien von ihm Praxis-Leitfaden: Episodische Depressionen. Erfolgreiche und effektive Behandlung in der Praxis, Hogrefe Verlag, Göttingen 2016, 19,95 Euro.