Berlin - Ich stehe vor der Haustür von Anke Trostel. Sie gehört zu jenen 0,1 Prozent aller Menschen, die taub geboren wurden. „Taub“, das Wort mag sie mehr  als „gehörlos“. Noch unpassender findet sie die Bezeichnung „taubstumm“, die immer noch sehr viele Menschen benutzen.

Ich klingele, in Ankes Wohnung blitzt Licht auf. Ihr Rauchmelder, ihr Telefon und ihr Wecker machen sich genauso bemerkbar – unterscheiden kann man sie am Rhythmus der Lichtsignale.

Anke, 39, begrüßt mich und stellt mich ihrem Mann und ihrer Tochter vor. Ich staune, wie gut ich sie verstehe. Natürlich klingt ihre Stimme anders als bei Hörenden,  etwas gepresster und so, als ob sich eine heiße Kartoffel in ihrem Mund befindet. Aber mein Ohr gewöhnt sich schnell daran. Unser  Treffen hat eine gemeinsame Bekannte vermittelt. Vor meinem Besuch haben Anke und ich einige Mails ausgetauscht, denn trotz aller Neugier konnte ich mir nicht vorstellen, wie wir uns unterhalten würden.

Trotz Barrieren glücklich

Anke schrieb mir von ihrem gehörlosen Mann und von ihrer hörenden Tochter, mit der sie von Geburt an in Gebärdensprache, der Sprache der fliegenden Hände, kommuniziert hat. „Wir sind ja gehörlos, aber sehr glücklich in unserer Welt trotz einigen Barrieren“, teilte sie mir vorab mit. „Und wir haben scharfe Augen.“

Ich merkte, dass die deutsche Laut- und Schriftsprache für Anke eine Zweitsprache ist, eine Sprache  mit einer anderen Grammatik als die Gebärdensprache, in der sich Anke zu Hause fühlt. Im Gespräch mit Hörenden lese sie von deren Lippen ab, verstehe aber nur etwa 30 Prozent des Gesagten:  Zu ähnlich sei die Mundbewegung vieler Worte etwa bei „Butter“ und „Mutter“. Aber ihre zwölfjährige Tochter werde uns bei unserer ersten Begegnung unterstützen.

In ihrer Wohnung zeigt mir Anke die Gipsskulpturen, die sie gerade mit ihrer Tochter gefertigt hat. Es ist eine Hand, die „I love you“ gebärdet: der ausgestreckte kleine Finger steht für das I, der erhobene Zeigefinger und der abgespreizte Daumen symbolisieren das Y. 

In anderen Ländern wird jede Sendung untertitelt

Anke hat in Halle eine Schule für hörgeschädigte Kinder besucht. Damals war die Deutsche Gebärdensprache noch nicht anerkannt, die Kinder brachten sie sich untereinander auf dem Schulhof bei.

Im Unterricht übten sie Sprechen und Lippenlesen. Immer wieder verglichen sie ihre Mund- und Zungenbewegungen mit denen ihres Lehrers, fühlten die Kehlkopfvibration und die Stärke des Lufthauchs, der bei einigen Mitlauten entsteht. Auch ihr Vater legte großen Wert darauf, dass Anke mit Hörenden kommunizieren kann.

Heute profitiert sie davon. Doch fasziniert berichten Anke und ihr Mann von den USA, wo „Baby-Sign“-Kurse sehr beliebt sind, weil die Kleinsten Gebärden schneller als Worte lernen. In den Vereinigten Staaten beherrscht in jeder staatlichen Institution jemand Gebärdensprache, jede Fernsehsendung wird untertitelt.

In Deutschland ist das nur für öffentlich-rechtliche Sender Pflicht. Auch bei Durchsagen auf Bahnhöfen und Flughäfen werden die Tauben häufig vergessen. Sprechen sie Mitreisende an, sind diese vom ungewohnten Stimmklang manchmal so irritiert, dass sie die Fragenden einfach stehen lassen.

Natürlich bezahlt die Krankenkasse einen Gebärdendolmetscher, wenn ein Gehörloser zum Arzt muss. Und damit Anke, die als Arbeitstherapeutin in einer Werkstatt für Behinderte tätig ist, sich mit ihren Kollegen abstimmen kann, dolmetscht ein Arbeitsassistent jeden Tag 15 Minuten lang.

Doch sowohl Anke als auch ihr Mann hatten in ihrem Berufsleben oft damit zu kämpfen, dass Kollegen zu ungeduldig waren, zu schnell sprachen – sie fühlten sich als dumm abgekanzelt. Darum arbeitet Anke nicht mehr in ihrem ersten Beruf als Mediendesignerin.  Ihr Mann, ein gelernter Tischler, betreut lieber ältere und körperlich behinderte Gehörlose.    

Bei unserem Treffen ist der Familienhund anwesend. Auch er versteht die Gebärdensprache. Beschreibt der Zeigefinger seiner Besitzer einen Kreis in der Luft, wälzt er sich auf den Rücken und weiter auf den Bauch. Das war die „Rolle“. „Sitz!“ und „Gib Pfötchen!“ befolgt er ebenfalls, ohne dass irgendjemand seine Stimme erhebt. 

Niemand wird dabei angespuckt

Von unserem Gespräch ist Anke schnell erschöpft, das hatte sie mir angekündigt. Ich kann das verstehen: Wenn die Stimme nicht so bequem wie bei den meisten Hörenden im Körper ruht, ist Reden wirklich anstrengend.

Auf einem Fest des Berliner Gehörlosen-Verbandes wollen wir uns wiedersehen. Ich nehme vorsorglich Block und Stifte mit ins Getümmel. Anke ist mit dem Auto gekommen, ich bin überrascht. Die Fahrschule sei kein Problem gewesen, erklärt sie mir. Im Theorie-Unterricht habe ein Kollege für sie gedolmetscht, und beim Fahren komme es vor allem auf die Augen an.

Auf dem Fest treffe ich Gero. Er fragt mich gestikulierend, was ich mache, schriftlich antworte ich ihm. Zögerlich greift er nach dem angebotenen Stift, denn auch er fühlt sich wohler beim Gebärden. Pantomimisch erklärt er mir dessen Vorteile: Niemand wird dabei angespuckt. Als er sich schlussendlich  zur Erklärung noch einen imaginären Spucketropfen aus dem Gesicht wischt und ihn angeekelt abschüttelt, muss ich lachen.

Angestoßen wird mit den Fingern

Gero und seine Freundin zeigen mir, wie sich die Gehörlosen zuprosten: Sie stoßen nicht ihre Gläser gegeneinander, sondern ihre Finger, die das Glas halten. Eine berührende Art des Zuprostens. Überhaupt fassen sich die Tauben untereinander häufiger an oder umarmen sich –  mehr, als ich es von Hörenden kenne.

Schön finde ich auch, dass es für jeden Menschen eine ihn bezeichnende Gebärde gibt, oft wird etwas für die Person Typisches gewählt. Die Gebärde für „Anke“ besteht aus dem aufs Kinn zeigenden Mittelfinger, während die übrigen Finger nach oben gereckt werden.

Man sollte übrigens nicht glauben, dass es auf einer Tauben-Party leise zugehe: Die Bässe dröhnen. So spüren die Gehörlosen und die stark Schwerhörigen die Musik über vibrierende Möbelstücke und den Boden. Ich stopfe mir ein Paar Kopfhörer in die Ohren und unterhalte mich weiter.

Viele Gebärden sind sehr bildhaft

Anke berichtet mir von ihrem Gebärdensprachkurs, den sie an ihrem Arbeitsplatz für die in der Werkstatt  Beschäftigten anbietet. Sie lädt mich ein,  mir den Kurs anzuschauen. Die Gruppe ist neu, Anke übt mit ihren Schülern die ersten Vokabeln. Ich mache mit, verrenke mir die Finger beim Alphabet und bewundere die geschmeidigen Handbewegungen meiner geduldigen Lehrerin.

Viele Gebärden sind sehr bildhaft.  „Oma“ etwa wird  mit einem Griff an den imaginären Dutt angedeutet. Ein umrührender Löffel steht für „kochen“. Durch Mimik und die Bewegung des Mundes sowie des Körpers wird die Kommunikation ergänzt. Obwohl überall auf der Welt unterschiedliche Gebärden benutzt werden, können sich die Tauben sogar international gut verständigen. „Damit haben wir kein Problem. Wir müssen nicht extra lernen, es geht automatisch“, erläutert Anke.

In ihrem Unterricht bin ich überrascht, wie oft und wie zärtlich man sich beim Gebärden selbst berührt. Wenn man „lieb“ ausdrücken möchte, streicht man sich über die Wange, bei „schön“ über die Kinnseiten, bei „Baby“ wiegt man einen Säugling vor seinem Körper.

Mir gefällt die Sinnlichkeit und die Fröhlichkeit beim Gebärden, das ist ganz anders als im  üblichen Fremdsprachenunterricht. In meinem Alltag entdecke ich jetzt immer mehr Situationen, in denen ich Gebärden sinnvoller als Worte finde.