"Geekettes": Frauen erobern Berlins Start-up-Szene

Der Satz war dumm. Aber er saß. „Women can’t do Tech.“ Frauen haben keine Ahnung, wenn es um Technologie geht. Frauen können es nicht.

Der Satz machte Jessica Erickson fassungslos. Er traf sie, er war eine Beleidigung. Sie arbeitete für ein erfolgreiches Berliner Start-up, als Leiterin der Kommunikationsabteilung. Sie stand an jenem Abend vor zwei Jahren diesem Mann gegenüber, er war Anfang zwanzig und selbst Gründer einer Internet-Firma, und er redete einfach weiter, darüber, dass er in seinem Unternehmen keine Frauen anstellt, weil die seine Programmierer von der Arbeit abhalten würden. Erickson dachte: „Was für ein Idiot.“

Es gab zu dieser Zeit nicht viele Frauen in der Berliner Start-up-Szene, auf Konferenzen, bei Abendessen und Workshops gehörte sie immer zu einer Handvoll Frauen, die Gefahr liefen, für die Kellnerinnen vom Catering gehalten zu werden.

Dabei hatten Frauen oft genug bewiesen, dass sie es können. Das erste Computerprogramm überhaupt war 1842 von einer Frau geschrieben worden, von der Britin Ada Lovelace, Tochter des Poeten Lord Byron, für eine Rechenmaschine.

Jessica Erickson ging damals wütend nach Hause. Was sie nicht losließ, war ein Gedanke: Wie viele Frauen hören noch immer jeden Tag, dass sie es nicht können? Und glauben es irgendwann?

Es geht um die Gestaltung der Zukunft

Kurze Zeit später saß sie in einem vietnamesischen Restaurant in Berlin-Mitte mit acht Frauen zusammen, Start-up-Gründerinnen, Programmiererinnen, Designerinnen. „Ich will eine Gruppe gründen“, sagte Jessica Erickson zu ihnen. Die Berlin Geekettes. Das waren sie schließlich, Geeks, Computerfreaks, Geekettes also.

Frauen wie die Informatikerin Zoe Adamovicz, die seit gut zehn Jahren ihre eigenen Unternehmen gründen. Wie Stefanie Hoffmann, die aus Ideen Apps entwickelt. Oder eben Jessica Erickson, die Frauen aus der Start-up-Szene zusammenbringt und so etwas wie ihre Sprecherin geworden ist.

Aus den acht Frauen sind heute fünfhundert geworden und aus Jessica Ericksons Wut über eine dumme Beleidigung eine kleine Bewegung.

Ihren Job hat sie gekündigt. „Ich hatte es satt, die Geschichte von anderen zu erzählen“, sagt sie, „ich will meine eigene Geschichte schreiben.“

Es ist eine Geschichte, die in einer Welt spielt, die dabei ist, eine digitale zu werden. Junge Entrepreneurs erfinden darin Webseiten und Apps für jeden Lebensbereich, für jedes Stückchen Alltag. Es gibt Milliarden zu verdienen. Es geht um nichts Geringeres als die Gestaltung der Zukunft.

Die Angst, abgehängt zu werden

Diese Welt ist eine weibliche. Zumindest, wenn es um die Konsumenten geht. Mehr als die Hälfte aller Facebook- und Twitternutzer sind Frauen. Sieben von zehn Onlineeinkäufen werden von Frauen gemacht. Frauen besitzen mehr Smartphones und probieren darauf mehr aus als Männer. Der durchschnittliche Nutzer von sozialen Onlinespielplattformen ist eine dreiundvierzig Jahre alte Frau.

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite, dort, wo gestaltet, bestimmt und verdient wird, sind Frauen in der Unterzahl. Neunzig Prozent der Unternehmen im Silicon Valley, dem Zentrum der internationalen Start-up-Welt, werden von Männern gegründet. In Berlin, dem Zentrum der deutschen Start-up-Welt, sind es 97 Prozent. Frauen in IT-Berufen verdienen in Deutschland durchschnittlich ein Fünftel weniger als Männer. Und in den internationalen Risikokapitalfirmen, die den Start-ups das Geld geben, arbeiten auch fast ausschließlich Männer.

„Wenn wir Frauen uns nicht bald einmischen, werden wir weit zurückbleiben, wir werden nicht diejenigen sein, die über unsere Zukunft entscheiden“, sagt Jessica Erickson. „Frauen müssen endlich dabei sein. Oder wir bleiben in der alten Welt stecken.“ Es würde bedeuten, dass das Vorurteil, Frauen hätten keine Ahnung von Technologie, bald Realität sein könnte.

Jessica Erickson geht es nicht mehr nur darum, einem arroganten Zwanzigjährigen zu beweisen, dass er falsch liegt. Da ist die Angst, endgültig abgehängt zu werden und der Wunsch, etwas dagegen zu tun. Also geht es darum zu verstehen, was Frauen davon abhält, in der neuen Welt mitzuspielen.

Hackathon mit Yogaraum

Jessica Erickson ist gerade dreißig Jahre alt geworden, sie trägt ihr Haar lang und offen, manchmal glatt, manchmal dreht sie es zu Locken, ihr Gesicht ist sanft und fein geschnitten. Sie hat diese Freundlichkeit an sich, die so typisch für junge Amerikaner ist, immer zuvorkommend, immer ein bisschen entschuldigend. Dahinter verbirgt sie einen eisernen Willen. Sie ist vor zwei Jahren nach Berlin gekommen, weil ihr diese chaotische Stadt so gefiel, in die gerade jeder zu ziehen schien und die heute so international ist, dass Jessica Erickson nicht einmal Deutsch lernen musste.

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Sie sitzt im Büro, das die Berlin Geekettes mittlerweile haben, ein riesiger knallgelber Sitzsack und orangefarbene Plastikstühle sind die einzigen Farbflecken in dem langgezogenen Raum im Erdgeschoss eines wuchtigen Backsteinbaus in Schöneberg. Leise summen Neonröhren an der Decke.

„Schon als Kind werden Frauen nicht ermutigt, sich mit Technik auseinanderzusetzen“, sagt Jessica Erickson. Sie selbst hat Internationale Beziehungen studiert. Sie hätte besser Ingenieurin werden sollen, sagt sie. „Das begreife ich erst, wo ich fast zu alt bin dafür.“ Sie lernt jetzt die Programmiersprache Ruby und veranstaltet die Treffen der Geekettes, die anderen Frauen beibringen, wie sie einen Businessplan schreiben, mit Investoren verhandeln oder Webseiten mit neuester Technik gestalten. Die Aufholjagd hat begonnen.

Im Frühjahr hat Jessica Erickson Frauen in das Büro eingeladen, um dort eine ganze Nacht lang zu programmieren. Hackathon heißt so etwas in der Szene. Es ist meist ein Wettbewerb, am Ende gewinnt, wer das beste Programm schreibt. In Berlin gibt es viele Hackathons. Dutzende Männer sitzen dann in einem Raum, viele mit langen Haaren, viele mit Brillen, es gibt kalte Pizza und Club Mate. Frauen sind dort selten.

Beim Hackathon der Geekettes gab es einen Yogaraum und einen Bastelraum und gesundes Essen. Es kamen hundert Frauen. Am Ende gewann eine junge Mutter, die eine App für Kinder programmierte.

Was für Frauen spricht

Das Büro der Geekettes wird von der Deutschen Telekom finanziert, die Firma zahlt Jessica Erickson und ihrer Mitarbeiterin Denise Philipp auch ein Gehalt. Junge Frauen sind gerade sehr gefragt. Die Telekom war das erste Dax-Unternehmen, das eine Frauenquote für Führungspositionen einführte. Jetzt fehlt der Nachwuchs. Von der Zusammenarbeit mit den Geekettes verspricht sich der Konzern einen doppelten Effekt. Er kauft ein Stück von der innovativen Start-up-Kultur ein und fördert dabei gleichzeitig den weiblichen Nachwuchs.

Apple lud Jessica Erickson und vier andere Berliner Gründerinnen zu einer Podiumsdiskussion in ihren Berliner Store ein, sie sprachen dort über den positiven Einfluss, den Frauen auf Technologie haben. Google wurde ihr Partner für ein Mentorenprogramm. Facebook, Amazon und eine Reihe Start-ups aus Berlin sponsern ihre Hackathons. An diesem Wochenende findet der nächste statt, am Friedrichshainer Ufer der Spree, im deutschen Hauptquartier von Coca Cola. Zu gewinnen gibt es ein Treffen mit Geschäftsführerinnen in Atlanta. Jessica Erickson ist eine überaus effektive Sprecherin für die Sache der Frauen.

Es gibt Belege dafür, dass es sich auszahlt, auf Frauen zu setzen. In den USA arbeiten laut Forbes in erfolgreichen Internetunternehmen mehr als doppelt so viele Frauen wie in weniger erfolgreichen. In Deutschland befand die Bundesagentur für Arbeit, dass von Frauen gegründete Firmen solider geplant und besser vernetzt sind. Und als ein Professor am Institut für Technologie in Massachusettes für eine Studie Teams Probleme lösen ließ, schnitten die mit den meisten Frauen am besten ab.

Jenseits dieser einigermaßen messbaren Faktoren wird es schwierig. Gibt es tatsächlich etwas, das Frauen anders machen als Männer? Machen sie gar etwas besser, wenn es um Führungsstil und Unternehmertum geht? Und was macht eine weibliche Sichtweise aus, die am Ende gar die Technologie verändern würde?

Sie sei zu emotional, sie nehme alles zu persönlich, sie hänge zu sehr an dem Produkt, das hörte Stefanie Hoffmann oft in den anstrengenden Jahren, als sie 2006 mit sieben anderen das Start-up Aka-Aki gründete und eine Anwendung für das damals noch internetlose Handy entwickelte. Diese Vorform einer App konnte Freunde und Gleichgesinnte, die sich gerade in der Nähe befanden, über Bluetooth aufspüren.

"Software muss emotional sein"

Es ist ein halbes Jahr her, als Stefanie Hoffmann über dieses Projekt spricht. Sie sitzt auf ihrem Sofa in einer Altbauwohnung in Mitte. Ihr Lippenstift hat einen knallroten Abdruck auf ihrer Kaffeetasse hinterlassen. Sie sagt, sie habe damals tatsächlich lernen müssen, unbequeme Entscheidungen zu treffen und dass Nettsein oft nicht hilft. Sie musste also Verhaltensweisen ablegen, die Frauen oft zugesprochen werden.

Zum Beispiel die Programmierer, sie hätten Internetseiten entworfen, die knallhart aussahen, wie die eines Skateboardmagazins. „Eine einzige schwarze Wüste“, sagt Stefanie Hoffmann, „das musste alles fröhlicher werden, ich habe sie so lange genervt, bis mich alle gehasst haben.“ Am Ende wurde es so gemacht, wie sie es wollte. „In einem Start-up musst du Leuten auf die Füße treten, du musst dir deine Position erkämpfen wie in einem Wolfsrudel.“

Es klingt nicht so, als ob sie das besonders gerne gemacht hat, eher wie etwas, was sie ziemlich überflüssig fand. Denn was ist eigentlich falsch daran, emotional zu sein?

„Wenn sich Menschen mit einem Produkt identifizieren, funktioniert das über Gefühle, Software muss emotional sein“, sagte Stefanie Hoffmann. Sie nennt das „Storytelling“, Geschichten erfinden, die Zugang zu Technologie schaffen.

Stefanie Hoffmann ist mit Geschichten aufgewachsen, ihre Mutter arbeitete in einer Videothek, sie saß stundenlang neben der Theke und schaute Science-Fiction-Filme, in der Hand einen Taschenrechner als Spielzeug, auf dem sie herumtippte wie die Zukunftsmenschen im Film auf ihren Beamern und Raumschiffsteuerknöpfen.

Sie ist dann Verlagskauffrau bei Bertelsmann geworden, später studierte sie, nicht Informatik, sondern Wirtschaftskommunikation. Aka-Aki war ihre Abschlussarbeit an der Uni. Mit ihren Mitgründern sammelte sie Millionen bei Investoren ein. Es seien zwar immer Männerrunden gewesen, in denen sie ihre Ideen vorgestellt habe, sagt sie. Aber sie habe nie das Gefühl gehabt, als Frau unterschätzt worden zu sein. Am Ende zählte nur die Idee. Und die war gut.

Gabi: die ordentliche Freundin

Für ihre Möglichkeiten sogar etwas zu gut. Als das iPhone auf den Markt kam, meldeten sich so viele Leute an, dass die Server völlig überlastet waren. Sie hatten die technische Herausforderung unterschätzt. Und lösten Aka-Aki schließlich auf.

Stefanie Hoffmann hat danach mit anderen Berliner Gründern über das Ende von Aka-Aki gesprochen. Viele haben sie dafür bewundert. „Vielleicht ist das etwas, was Frauen besser können“, sagt sie, „über ihre Gefühle sprechen.“ Vielleicht hat sie so die Enttäuschung besser verarbeitet und konnte schneller etwas Neues anfangen.

Ihre neue Idee hieß Gabi. Gabi ist eine App, die die Einträge bei Facebook sortiert. Was kommentieren deine Freunde gerade am meisten? Wer hat am meisten Übereinstimmungen mit dir? Zu welchen Veranstaltungen gehen die meisten Freunde? Menschen mögen Listen, in einer Zeit, in der der Informationsfluss derart unübersichtlich geworden ist. Menschen mögen, wenn ihnen jemand sagt, was angesagt ist.

Gabi kommt aus dem Englischen, „gab“ heißt plaudern. Auf Deutsch klingt Gabi aber auch irgendwie sympathisch, nach der besten Freundin. Man kann Gabi Fragen stellen, und Gabi antwortet. Die Freundin, die einem die Welt ordnet, sie überschaubar macht. Das ist eine gute Geschichte, mit einer ordentlichen Portion Gefühl. Stefanie Hoffmann hat für Gabi einen Technologie-Preis bekommen, die wichtigsten US-Tech-Blogs haben über Gabi berichtet. Das zählt viel für ein neues Start-up aus Deutschland. Weil Berlin zwar kreativ ist und als Trendsetter gilt, die Geldgeber aber noch immer auf der anderen Seite des Atlantiks sitzen.

Sie wollte groß denken, im Wohnzimmer in Mitte, wo sie sich Gabi ausgedacht hat und ihr Freund die App in monatelanger Arbeit programmierte. Sie selbst hat das nie gelernt. Das sei auch nicht die Lösung für alle Frauen, sagt sie. „Programmieren ist keine besonders glorreiche Aufgabe, wir brauchen Frauen, die den Menschen Technologie vermitteln, die strategisch denken.“

Vorbild im Minirock: Sheryl Sandberg

Ihre eigene Strategie ist dann allerdings erneut ins Stocken geraten. Gabi basiert auf dem Programmcode, den Facebook den Entwicklern von Apps zur Verfügung stellt. Doch die Leute aus dem Silicon Valley antworteten ewig nicht auf die Anfrage aus Berlin. Ohne deren Okay aber konnte Stefanie Hoffmann kein Geld bei Risikokapitalgebern eintreiben. 100 000 Leute hatten ihre App zu dieser Zeit bereits heruntergeladen. Als die Genehmigung schließlich doch noch kam, fehlte es am Geld. Stefanie Hoffmann sagt, sie bräuchten etwa zwei Millionen Euro. Sie ist jetzt erst mal nach Barcelona gezogen, wo ihr Freund zu Hause ist und wo man gut an neuen Geschichten arbeiten kann. „Vielleicht“, sagt sie, „war es für Gabi einfach noch zu früh.“

Anfang des Jahres lernte Stefanie Hoffmann Angela Merkel kennen. Die Bundeskanzlerin hatte eine kleine Gruppe von Gründerinnen eingeladen, um mit ihnen darüber zu reden, wie man junge Frauen dazu motivieren könne, Unternehmerin zu werden. „Wir brauchen dringend mehr Vorbilder“, sagt Stefanie Hoffmann. Sie weiß, dass sie selbst eines ist. Sie war von Anfang an bei den Treffen der Geekettes dabei.

Die wichtigste Vorbildfrau der Szene ist derzeit Sheryl Sandberg, die zunächst in der Führungsetage von Google arbeitet und dann Facebook als Geschäftsführerin an die Börse brachte. Sie hat ein Buch geschrieben, „Lean In“, das im Frühjahr auf Deutsch erschienen ist. Sandberg fordert darin junge Frauen auf, mehr zu wollen, sich nach vorne zu lehnen. Das Buch trägt den Untertitel: „Frauen, Arbeit und der Wille zu Führen“.

Als Sheryl Sandberg vor ein paar Tagen auf einer Konferenz in Minneapolis sprach, hat sich Jessica Erickson ihren Auftritt im Internet angesehen. Die Geschäftsfrau saß in einem superkurzen Minirock vor Informatikern auf dem Podium und sagte Sätze wie diese: „Ich habe das Buch geschrieben, weil diese Welt noch immer von Männern geführt wird. Und ich bin mir nicht sicher, ob das so gut läuft.“ Jessica Erickson sagt, sie wünschte, sie wäre dabei gewesen.

Minneapolis ist Jessica Ericksons Heimatstadt. Ihr Vater, von Beruf Dialysearzt, ist Norweger, ihre Mutter Koreanerin. Das Bild von den Tigermoms sei kein Klischee, sagt sie. Ihre Mutter habe dafür gesorgt, dass sie drei Stunden Klavier am Tag übte, dass sie ehrgeizig war in der Schule. Nach dem Unterricht schrieb sie kleine Theaterstücke, verteilte die Rollen auf die Nachbarskinder und führte dann selbst Regie. Sie war Kapitänin des Tennisteams und des Opernclubs in der High School, und vielleicht war es ein Glück, dass die Familie ihre Cousine bei sich aufnahm und Jessica Erickson kein Einzelkind blieb. Das habe sie zu einer großen Schwester gemacht, sagt sie. Die Rolle gefällt ihr noch heute. „Ich fühle mich oft wie die große Schwester der jungen Frauen, die ich bei den Geekettes treffe.“

Gerade organisiert sie einen Universitätstag, sechzehn Technische Hochschulen sind dabei, zweihundert Studentinnen werden erfolgreiche Start-up-Gründerinnen und Entwicklerinnen treffen.

Alte Schule in der Technischen Universität

Es ist hilfreich in dieser neuen Welt, wenn man jemanden kennt, der einem zeigt, wie man sich darin bewegt. Jessica Erickson sagt, für sie sei Zoe Adamovicz so jemand gewesen. „Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“ Sie habe ihr geholfen, die richtigen Leute in Berlin zu treffen, habe ihr die Paragrafen ihres Arbeitsvertrags erklärt, und als Jessica Erickson einmal entnervt alles hinwerfen wollte, um zurück nach Minneapolis zu gehen, war es Zoe Adamovicz, die sie davon abhielt.

Zoe Adamovicz ist eine zierliche Frau in Jeans und High Heels, die Haare kurz und praktisch geschnitten. Vor dem Fenster ihres Büros liegt der Gendarmenmarkt. Auf dem Schreibtisch stehen leere Kaffeetassen und ein Nagellackfläschchen, hinter ihr an der Wand hängt ein großer Druck aus einem Kinderbuch: Alice im Wunderland, die mit dem Hasen und dem verrückten Hutmacher Tee trinkt. Alice sitzt am Kopfende der Tafel und ihr Blick sagt: „Ich kriege alles, was ich will.“ Zoe Adamovicz an ihrem Schreibtisch sieht das genauso.

Sie ist 35 Jahre alt, gebürtige Polin und die Chefin von xyo, einer Suchmaschine für Apps. Es ist bereits das sechste Start-up, das sie gegründet hat. Zurzeit läuft es für sie so gut, dass sie sogar anderen Gründern Kapital geben kann. Angel, nennt man Leute wie sie, Engel. Von den Geekettes wird sie ab und an eingeladen, um über Verhandlungstaktiken zu sprechen. Manchmal bringt sie dann das Bild von Alice mit, als Motivation.

Zoe Adamovicz mag es, wenn es schwierig wird. Xyo ist eine Suche, die weiß, was jemand will, wenn er beispielsweise im Internet nach „Liebe“ sucht. Online-Dating? Sex? Beziehungsratgeber? Gedichte? Dahinter steckt ein komplizierter Algorithmus.

Zoe Adamovicz hat an der Technischen Universität in Warschau studiert, wenn sie den Hörsaal betrat, standen die Männer Spalier. In Polen betritt eine Frau immer als Erste den Raum. Alte Schule.

Wollen Frauen nicht genug?

Sie war eine von drei Frauen in einem Jahrgang mit hundert Männern – und schloss das Studium als eine der Besten ab. Nicht, obwohl sie eine Frau war, sondern weil, so sieht sie das. „Ich hatte die Wahl“, sagt sie „entweder ich fühle mich diskriminiert, oder ich nutze das Rampenlicht.“

Sie entschied sich für Letzteres. „Anderssein bedeutet Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist gut.“ Sie wurde gehört. Vielleicht musste sie dadurch auch ein bisschen besser sein als die Männer. „Klar, mit Unsinn kommst du nicht durch“, sagt sie.

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Ihr erstes Start-up gründete sie, noch bevor das Studium begann. Sie bewegte sich in dieser Männerwelt und beschwerte sich nie. „Ich höre von jungen Gründerinnen oft, dass sie Probleme damit haben, aggressiv oder kämpferisch zu sein. Wenn du Wettkampf nicht magst, dann hast du in der Start-up-Welt nichts zu suchen.“

Für Zoe Adamovicz arbeiten mehr Frauen als Männer. Das sei Zufall, behauptet sie und sagt, dass sie gerne noch viel mehr Frauen anstellen würde. „Wenn sich eine Programmiererin bewirbt, dann hat sie schon Bonuspunkte, allein, weil sie eine Frau ist. Aber es gibt so wenige gute Bewerbungen.“ Sie schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Es macht mich wütend, wenn Frauen sich nicht anstrengen.“

Sich mehr anstrengen, dasselbe erzählt auch Sheryl Sandberg den Frauen. Nur: Vielleicht wollen die das gar nicht. Eine Umfrage unter deutschen Studenten ergab gerade, dass nur fünfzehn Prozent der Frauen eine Führungsposition anstreben. Mehr als die Hälfte der Befragten würde gerne Teilzeit arbeiten. Wollen Frauen am Ende einfach nicht genug?

Vor Kurzem erschien im amerikanischen Magazin The Atlantic ein langer Aufsatz von Anne-Marie Slaughter, Professorin in Princeton, davor Leiterin des Planungsstabs von Hillary Clinton. Sie schrieb über den Preis, den erfolgreiche Frauen wie sie zahlen müssten. Es ging darum, dass eine Hundert-Stunden-Woche schlicht nicht mit einer Familie zu vereinbaren sei. „Nur wenn genug Frauen an die Macht kommen, wird es eine Gesellschaft geben, die für Frauen funktioniert“, schreibt Slaughter. „Und nur so eine Gesellschaft funktioniert für alle.“

Das Kind als Motivator

Eine Frau an der Macht garantiert nun aber längst nicht gute Bedingungen für Frauen, die beides haben wollen, Beruf und Familie. Das zeigt das Beispiel von Marissa Mayer, der ersten Frau, die bei Google Codes programmierte und die heute Chefin von Yahoo ist. Den Posten trat sie hochschwanger an. Nach der Geburt ihres Kindes nahm sie ganze zwei Wochen frei, ehe sie wieder im Büro erschien. Kurze Zeit später schaffte sie das familienfreundliche Arbeiten von zu Hause ab. Gerade war sie in der Vogue zu sehen, wie sie sich im Etuikleid auf einer Liege räkelte. Was macht die Frauenbewegung mit so einer Frau?

Vielleicht kann sich Marissa Mayer zurzeit wenig Gedanken um den Feminismus machen, weil sie ein Unternehmen aus der Krise führen muss. Und vielleicht haben Frauen wie Zoe Adamovicz, Jess Erickson und Stefanie Hoffmann nie darüber nachgedacht, ob sie irgendwann eine Familie mit ihrem Job vereinbaren können. Und jetzt, mit Mitte dreißig, wo die Fragen kommen könnten, sind sie ihren Weg schon so weit gegangen, dass es nur eine Antwort geben kann: Es wird schon irgendwie gehen.

„Klar haben wir auch Mütter bei den Geekettes“, sagt Jessica Erickson, eine habe ihr gerade erzählt, sie überstehe den Stress ihres Start-up-Alltags gerade wegen ihres Kindes, weil es sie einfach aufmuntere.

„Ich würde mein Kind einfach mit ins Büro bringen“, sagt Zoe Adamovicz, sie ist der Boss, wer sollte etwas dagegen haben. Früher hätten doch Beruf und Familienleben auch unter einem Dach Platz gefunden, oben die Wohnung, unten der Kaufmannsladen. Dann würden Kinder früh lernen, was es bedeute, ein Geschäft zu führen. Zoe Adamovicz hat das ihren Eltern wieder und wieder erklären müssen. „Du arbeitest zu viel“, wie oft hat sie diesen Satz von ihnen gehört. Bis sie irgendwann sagte: „Stellt euch einen Maler vor, würdet ihr ihm sagen, lass um siebzehn Uhr deinen Pinsel fallen?“ Seitdem lassen ihre Eltern sie in Ruhe.

Stefanie Hoffmann wurde mal von einem Investor beim Abendessen gefragt, wann sie denn Kinder bekommen wolle. „Ich bin doch schon schwanger“, hat sie geantwortet. Sie meinte Gabi, ihr Start-up.