Mit der wachsenden Zahl von Raketenstarts steigt das Risiko, dass unkontrolliert herabstürzende Teile der Flugkörper Menschen schädigen. Kanadische Wissenschaftler haben eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent errechnet, dass in den nächsten zehn Jahren ein Mensch Opfer eines solchen Unfalls wird. Die Studie der Forschergruppe um Michael Byers von der University of British Columbia in Vancouver ist in der Fachzeitschrift Nature Astronomy erschienen.

Im Mai 2020 schlugen Trümmerteile einer chinesischen Rakete des Typs „Langer Marsch 5B“ in zwei Dörfer des westafrikanischen Staats Elfenbeinküste ein. Unter den Trümmern befand sich auch ein zwölf Meter langes Rohrstück. Der Weltraumschrott beschädigte mehrere Häuser, Menschen wurden nicht verletzt. Bis heute sei kein Fall bekannt, in dem Müll aus dem All einen Menschen geschädigt hätte, sagt der Astrophysiker und Weltraummüll-Experte Manuel Metz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bonn.

Zehn Prozent Wahrscheinlichkeit von einem oder mehreren Opfern

Wegen der vermehrten Raketenstarts und der wachsenden Weltbevölkerung gehen die Forschenden um Michael Byers allerdings von einem steigenden Risiko aus. Für ihre Berechnungen betrachteten sie zum einen, wie viele Raketenteile eine Umlaufbahn von weniger als 600 Kilometer Höhe haben; es sind 651. In dieser Höhe ist die Luft zwar extrem dünn, aber noch in der Lage, die Teile abzubremsen. Dadurch verlieren sie an Höhe und treten irgendwann in die dichtere Erdatmosphäre ein, wobei ein Großteil der Masse verglüht. Zum anderen schrieben sie die Wiedereintritte von Raketenteilen in die Atmosphäre in den vergangenen 30 Jahren fort. Dabei nahm das Team um Byers eine leichte jährliche Steigerung des Risikos pro Quadratmeter Erdoberfläche und einen jährlichen Anstieg der Weltbevölkerung um ein Prozent an.

Beide Ansätze führten zu einem ähnlichen Ergebnis: „Unter der Annahme, dass jeder Wiedereintritt tödliche Trümmer über eine Fläche von zehn Quadratmetern verteilt, kommen wir zu dem Schluss, dass die derzeitigen Praktiken eine zehnprozentige Wahrscheinlichkeit von einem oder mehreren Opfern über ein Jahrzehnt haben“, schreiben die Forscher. Der DLR-Wissenschaftler Manuel Metz hält allerdings einige Annahmen der kanadischen Forscher für unrealistisch. So setze das Risiko pro Quadratmeter eine Gleichverteilung der Bevölkerung über die Landoberfläche voraus, die aber nicht gegeben sei.

Risiko besteht vor allem für Länder nahe dem Äquator

Byers und Kollegen schreiben, dass das Risiko, von Raketentrümmern getroffen zu werden, in ärmeren Ländern größer sei als in den wohlhabenderen Raumfahrtnationen: „Für die Breitengrade von Jakarta, Dhaka, Mexiko-Stadt, Bogotá und Lagos besteht eine mindestens dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein Raketenkörper über ihnen wieder eintritt, wie für die von Washington, New York, Peking und Moskau.“

Manuel Metz erklärt das höhere Risiko für Länder nahe dem Äquator damit, dass viele Raketen Satelliten auf eine geostationäre Bahn bringen. Diese Bahn verläuft über dem Äquator und sie sorgt dafür, dass die Satelliten, von der Erde aus betrachtet, immer am selben Ort am Himmel stehen. Das ist wichtig für viele Kommunikations-, Fernseh- und Wettersatelliten.

Die Forscher um Michael Byers fordern weltweite politische Schritte, die Raumfahrtnationen dazu bringen, nur noch kontrollierte Wiedereintritte von Raketenstufen zuzulassen, auch wenn das mit Zusatzkosten verbunden sei. Auf diese Weise könnten abstürzende Raketenteile in entlegene Meeresregionen gelenkt werden.