Berlin - Wenn Menschen miteinander ins Plaudern geraten, dann erzählen sie manchmal vertrauliche Dinge, die das Gespräch zu einem besonderen, manchmal unvergesslichen Moment machen. Genau diese vertrauliche Stimmung, die beim ungezwungenen Dialog entsteht, macht sich die neue App Clubhouse zunutze – allerdings macht sie das gesprochene Wort eines Einzelnen plötzlich hörbar für Tausende. Und dazu noch live. Das hat einen Hype ausgelöst. Aber wird er auch bleiben?

Johnny Haeusler, Mitgründer der Gesellschaftskonferenz re:publica, sagt auf die Frage, ob der Hype um Clubhouse berechtigt ist: „Die anhaltende Begeisterung überrascht mich schon etwas, aber ich kann sie auch nachvollziehen.“ Er hält Clubhouse für ein durchaus spannendes Konzept. „Und vielleicht brauchen viele Menschen gerade jetzt mal wieder etwas, was sie begeistert.“

Für den Kommunikationswissenschaftler der FU, Martin Emmer, hat der Erfolg  der App auch vor allem mit dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung zu tun. „Gerade jetzt in Pandemiezeiten kann so ein Medium, das zugleich Promitreff und interaktive Talkshow ist, gut funktionieren.“ Obwohl die App schon im April 2020 zum Download im Apple-Store bereitstand, begann in Deutschland der Hype erst vor zwei Wochen. Da landete die App plötzlich auf auf Platz 1 der Downloadcharts.

Das Programm bietet im Kern jedem iPhone-Besitzer die Möglichkeit, überall eine Podiumsdiskussion zu eröffnen und selbst auf dem Podium zu sitzen. Menschen sehen diese Angebote und können virtuelle Räume betreten und der Podiumsdiskussion zuhören. Clubhouse ist ein Live-Audio-Chat-Programm. Wer im Raum auf das Symbol mit der Hand klickt, der signalisiert, dass er etwas zu sagen hat.

Foto: Arnulf Hettrich
Finanzierung und Bedenken

Idee: Das gesprochene Wort hat im Netz an Bedeutung gewonnen, die Beliebtheit von Podcasts zeigt das. Auf dieser Idee basiert Clubhouse. Es geht darum, Gesprächsrunden zu starten, an ihnen teilzunehmen oder einfach zuzuhören. Umsetzung: Bisher kann die App nur nutzen, wer eine Einladung erhalten hat. Freunde, die registriert sind, können das übernehmen. Wichtig auch: Die App funktioniert nur auf iPhones, das soll sich allerdings ändern. Die Entwickler haben das angekündigt. Gründer: Paul Davison und Rohan Seth haben Erfahrungen bei Google, Pinterest und im Bereich Finanzierung gesammelt. Ihre Kontakte nutzten sie, um mit offenbar ausgewählten Mitglieder im Frühjahr 2020 erste Aufmerksamkeit zu generieren. Nutzer: Mit zwei Millionen aktiven Anwendern ist Clubhouse noch eine kleine Nummer in den sozialen Medien. Aber die Macher haben von Anfang an auf Exklusivität und Promis wie Oprah Winfrey, Drake oder Paris Hilton gesetzt. Finanzierung: Mitte Mai 2020 wurde das Unternehmen mit 100 Millionen US-Dollar bewertet. Jetzt ist von einer Finanzierungsrunde die Rede, die Clubhouse zu einem Unicorn (Einhorn) macht. Damit sind Start-ups gemeint, die mit einer Milliarde Dollar oder mehr bewertet werden. Bedenken: Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat die Anbieter wegen rechtlicher Mängel in der vergangenen Woche abgemahnt. Den Betreibern der App wird vorgeworfen, dass der Dienst in Deutschland ohne erforderliches Impressum betrieben werde. Datenschutz: Die Clubhouse-Betreiber wollen die von den Anwendern hochgeladenen Kontaktinformationen aus den Adressbüchern der Smartphones umfassend nutzen. Damit verstoße Clubhouse gegen die Europäische Datenschutz-Grundverordnung, heißt es weiter.

Gerade weil sich diese Idee so einfach erklären lässt, wuchs die Zahl derer, die sich innerhalb von wenigen Tagen anmeldeten, rasch in die Höhe: tauchten Politiker wie Christian Lindner (FDP), Lars Klingbeil und Kevin Kühnert (beide SPD) dort auf, Journalisten von Medien wie Spiegel und Zeit waren zu hören, auch Fußballspieler und natürlich Entertainer wie Joko Winterscheidt und Thomas Gottschalk. Als der 70 Jahre alte Moderator seinen ersten Raum betrat, fand er zum einen sein Mikrofon nicht (es ist ein kleines Symbol neben seinem Gesicht) und bald hieß es, dass dieser Raum zu voll sei. Bei rund 5300 Zuhörern ist Schluss bei Clubhouse – zumindest derzeit noch. 

Das Prinzip der künstlichen Verknappung hat Methode. Derzeit können lediglich Nutzer mitmachen, die ein Smartphone von Apple besitzen, und die auch nur, wenn sie von anderen Clubhouse-Mitgliedern eingeladen werden. „Das führt derzeit noch dazu, dass viele Mitglieder aus einer bestimmten Blase kommen“, sagt Marcel Beaufils von der Marketing-Agentur Rheingold, „und zwar der Start-up- und Medienwelt.“ Es sei ja nichts Neues, dass Eliten gern unter sich seien – gerade weil andere Online-Netzwerke ja immer für alle geöffnet sind. Aber aus Sicht von Beaufils hat das nicht nur Vorteile: „Clubhouse grenzt damit auch aus und schränkt sein Wachstum künstlich ein.“ 

Johnny Haeusler sagt voraus, dass sich das bald ändern werde. „Instagram erschien Mitte 2010 in Apples AppStore“, sagt er, „und war erst knapp zwei Jahre später auch für Android-Nutzer verfügbar.“ Im Gegensatz dazu gab es andere Apps wie die von Google+ zuerst nur auf Android. „Twitter musste anfangs teilweise per SMS bedient werden“, erinnert er sich. Das Einladungssystem sieht er mehr als ein Empfehlungssystem – es helfe dem Hype. Aber Apps wie Ello oder Vero hätten das ähnlich probiert. Sie sind auf dem deutschen Markt gescheitert.

In den ersten zwei Wochen hat Clubhouse zumindest schon Schlagzeilen produziert, nicht nur positive. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow plapperte über seinen Spitzennamen für die Kanzlerin („Merkelchen“) und wie viele Level er bei „Candy Crush“ während einer Regierungskonferenz schafft („Zehn Level“). Damit war die Diskussion eröffnet: Wie exklusiv und vertraulich ist Clubhouse denn wirklich? Die Schlagzeilen um Ramelow werden wohl dazu führen, dass die Gesprächsteilnehmer in Zukunft nicht mehr vertrauensselig einfach so losplappern werden.

Was auch passieren kann: Paul Ronzheimer, stellvertretender Bild-Chefredakteur, wurde nach einem Streit mit Philipp Amthor (CDU) für einen Tag von der Plattform gesperrt. Er hatte dem Abgeordneten offenbar einige kritische Fragen gestellt, Zuhörer können jeden Verstoß gegen die Diskussionsregeln melden. Das haben einige getan – und indirekt dem Reporter noch mehr Aufmerksamkeit verschafft. Wer diesen Streit nicht live gehört hat, kann auch keine Aufzeichnung bekommen, die behalte sich Clubhouse „vereinzelt“ vor. 

Die Kritik an der App riss nicht ab: Es ging um Datenschutz, Kontaktspeicherungen und die undurchsichtige Aufnahmepraxis. Diese soll laut einem Bericht auf Signalwörter reagieren, die Teilnehmer in einer Runde sagen. Ist die „freie Rede“, für die ja Clubhouse an den Markt gekommen ist, schon wieder in Gefahr?  Medienwissenschaftler Emmer betont, dass der oder die Nutzer niemals so naiv seien, sich im Gegenteil häufig über Datenschutz informieren. „Das hat sich in den vergangenen Jahren verbessert“, sagt er, „viele Nutzer wissen besser Bescheid als zum Start von Facebook und Co.“ 

Und doch: Wer sich jetzt noch einschaltet, kann Erstnutzern dabei zuhören, wie sie diese Welt der Zuhördebatten zusammen neu kennenlernen. Philipp Amthor beim Zähneputzen, Thomas Gottschalk nennt sich selbst einen Dünnbrettbohrer – und ein Martin erzählt abends in einer kleinen Runde von unter zehn Leuten von seiner chronischen Depression. Innerhalb weniger Tage hat sich ein Morgentalk mit Politikern etabliert plus eine „Das war der Tag“-Gesprächsrunde mit diversen bekannten Namen. Und dann gibt es noch ein paar Nutzer, die starten einfach über Clubhouse ihr eigenes Radioprogramm mit Jazz und Lyrik, ganz ohne Diskussion. 

„Das Entscheidende ist die Art der Nutzung“, sagt Emmer und meint genau diese Situation: Da will jemand gar nichts Kluges sagen, obwohl doch alle sagen, darum gehe es bei Clubhouse. „Facebook und Twitter sahen in ihren Anfangsjahren noch ganz anders aus.“ Den Marketingprofi Beaufils wundert das nicht, denn schon vor dieser App war sah er die bildhafte Reizüberflutung als ein Thema in der Gesellschaft. „Wenn wir jetzt unsere Kopfhörer überhaupt nicht mehr abnehmen, müssen wir Stille wieder neu lernen.“ Johnny Haeusler sagt, dass sich Menschen immer irgendwie gefunden haben, auch im Digitalen, auch ohne spezielle Plattformen. Ob Clubhouse seinen eigenen Hype überstehe oder Twitter mit seiner Kopie namens „Spaces“ das Rennen macht, werde sich zeigen. Skeptisch sieht er das Geschäftsmodell. „Aber Hauptsache, die Menschen reden wieder miteinander.“